Die Invasion der Gummiflotte

Treiben Böötler in Festlaune auf der Limmat, verkommt die Erholungszone zum Funpark. Zurück bleiben frustrierte Anwohner und viel Abfall.

Der Andrang nimmt stetig zu: Böötler mit ihren aufblasbaren Schwimmkörpern. Bild: Keystone / Christian Beutler

Der Andrang nimmt stetig zu: Böötler mit ihren aufblasbaren Schwimmkörpern. Bild: Keystone / Christian Beutler

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Die Limmat ist zur Zürcher Ausfahrtmeile geworden. Jedes Jahr lassen sich mehr und mehr Gummiböötler Richtung Aargau treiben, und das verursacht zu Wasser und zu Land Probleme. 2013 ist der Fluss zwischen Zürich und Dietikon als Natur- und Naherholungsraum «Limmatauen» konzipiert worden. Eine boomende Outdoorkultur und die schnell gewachsene Bevölkerung haben die Auenlandschaft fünf Jahre nach der Einweihung zum Vergnügungspark gemacht.

An heissen Wochenenden schwimmen Gummiboote, Krokodile, Flamingos, Einhörner, Riesenbibeli aus Plastik im Sekundentakt die Limmat hinunter. Aus vielen Booten dröhnt eine Boombox. Wer keine mitführt, trägt mit Gekreisch zum Akustikpegel bei. Manchen hilft das Bier dabei, das in einer schwimmenden Kühlbox hinterhergondelt. Ein geschäftstüchtiger Hobbykapitän wurde gar mit einer schwimmenden Bar gesichtet.

Viele der Gummiteile dieser neuen River Parade sind des gemeinsamen Gaudis wegen zusammengebunden, was sie manövrierunfähig macht. Zigarettenstummel werden im Wasser entsorgt, mitunter schwimmen auch Dosen davon. Am Samstagabend wechselt die Szene an Land, und dann finden auf den Aueninseln Spontanpartys statt. Der Natur- und Naherholungsraum zieht am Partyvolk vorbei, als wär er nur eine Kulisse.

Gewaltige Abfallmengen

Das Ziel der Plastikflotte ist die Nötzliwiese in Dietikon, knapp zwölf Kilometer flussabwärts. An der Anlagestelle bleiben immer wieder Gummiboote einfach liegen – als Abfall. Letzten Sommer stellte die Stadt Dietikon Toi-Toi-WCs auf, nachdem in zehn Tagen 1000 Unterschriften aus der Nachbarschaft zusammengekommen waren. Anwohner des Altberg-Quartiers beklagen an heissen Tagen ein Verkehrschaos. Die Böötler würden ihre Autos «wild in die engen Strassen stellen, die teils keine Trottoirs haben», berichteten betroffene Anwohner der «Limmattaler Zeitung».

Und der Andrang nimmt stetig zu. «Die Abfallmengen sind gewaltig», sagt Michael Weber, Leiter Sicherheits- und Gesundheitsabteilung und Stadtrichter in Dietikon. Zahlen gebe es keine, aber es sei «eine verrückte Menge», die da auf der Nötzliwiese lande. Letztes Wochenende wurden auf rund 200 Metern Fluss vom Ufer aus 67 Gummiboote gezählt.

Es sei einerseits schön, wenn Böötler die Vielfalt des Limmattals auf besondere Art und Weise erleben würden. «Andererseits waren das Limmatufer sowie die Nötzliwiese ursprünglich als Naherholungs- und Naturzone gedacht.» Jetzt werde der Platz, inklusive Spielplatz, mehr als Freizeitpark genutzt.

«Die Strömung unterhalb und oberhalb des Wehrs kann jederzeit stark zunehmen.»Harry Graf, Pressesprecher EWZ

Die Stadt Dietikon hofft, dass sich die Probleme auf der Nötzliwiese ab Sommer 2019 entschärfen. Dann, wenn flussaufwärts die Allmend Glanzenberg eröffnet wird mitsamt einem Landeplatz für Böötler – mit Toilettenanlagen, Strom, Grillstellen, Tischen, Bänken und Wasserzapfsäulen. Baukosten: 525'000 Franken. Dietikon zahlt 195'000 Franken, der kantonale Natur- und Heimatschutzfonds 200'000 Franken. Den Rest übernehmen die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich.

«Durch ein disziplinierteres Verhalten der Böötler könnten mehr Sicherheit, mehr Naturschutz und Eigenverantwortung erreicht werden», ist Weber überzeugt. Er zählt auf Information und Prävention. So hat Dietikon diesen Sommer für die Limmatböötler einen Guide erstellt, der neben Informationen zum Limmattal auch Sicherheitshinweise für die Flussschiffer enthält. Infos zum Abfall gibt es darin leider nicht. Falls es 2019 wieder einen Guide geben sollte, würde man aber einen Beitrag zum Thema Littering aufnehmen, verspricht Weber.

Einer Regulierung, in welcher Form auch immer, steht er hingegen skeptisch gegenüber, da Kontrolle und Durchsetzung «sehr schwierig» seien.

Ruf nach Sicherheit

Auch in Zürich führt die Invasion der Gummiböötler längst zu Engpässen. Auf dem Parkplatz unter der Europabrücke und am Limmatufer herrscht Dauersuchverkehr, und die Nummernschilder zeigen, dass die Werdinsel längst über den Kanton hinaus bekannt ist. Auch auf dem Wasser gibt es Stauphasen. Vor allem vor dem Höngger Wehr. Aus Böötlerkreisen wird bereits nach mehr Sicherheit gerufen. Denn: «Die Böötler müssen bei Warteschlangen vor der Wehrkante ausharren, und ein Baum ragt weit ins Wasser und versperrt die Sicht», sagt Iwona Eberle, die den «Gummibootführer Schweiz» geschrieben hat. «Ich meine, dass die Wasserschutzpolizei den Baum stutzen oder fällen müsste, damit er die Sicherheit der Böötler nicht beeinträchtigt», schrieb Eberle dieser Zeitung.

Video: Wie Sie sich beim Böötle richtig verhalten

Gummiböötle auf der Limmat: Gefahrenstellen und wichtige Regeln. Video: Lea Koch

Doch die Stadt hat einiges getan. «Den Vorwurf der Böötler, dass es auf der Strecke an Hinweisen mangelt, weisen wir zurück», sagt Polizeisprecherin Judith Hödl. Es gebe ein Transparent bei der Europabrücke sowie drei grosse Plakatständer mit Infos auf der Höhe des Gemeinschaftszentrums Wipkingen. Zusätzlich wurden Flyeraktionen und Ende Juni eine Medienkonferenz zusammen mit der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft durchgeführt, um die Böötler auf die Gefahren der Limmat hinzuweisen. Die Polizei streicht heraus, dass es weder dieses noch letztes Jahr eine Meldung über einen Vorfall am Höngger Wehr gegeben habe.

Auch dem Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ), zuständig fürs Höngger Wehr, und dem Verantwortlichen der Elektrizitätswerke des Kantons (EKZ), zuständig fürs Dietiker Wehr, sind keine Unfälle mit Schlauchbooten bekannt. Und dies, «obwohl die Frequenzen der Gummiboote in letzter Zeit stark zugenommen haben», sagt Thomas Arnet, Betriebsverantwortlicher beim Kraftwerk der EKZ in Dietikon.

«Die meisten Böötler sind unkonzentriert und sehr fahrlässig.» Harry Graf, Pressesprecher beim EWZ

Das war vielleicht nur Glück. Harry Graf, Pressesprecher beim EWZ, hat festgestellt: «Die meisten Böötler sind unkonzentriert und sehr fahrlässig.» Hinweisschilder würden missachtet, Leute liessen sich rückwärts treiben, hätten Kopfhörer auf und keinen Blickkontakt zum Wehr. Keiner trage Schwimmwesten, auch Kinder nicht, und es gebe Schwimmer in der Verbotszone. Polizeisprecherin Hödl ermahnt deshalb dringend zu mehr Eigenverantwortung. «Wir empfehlen allen, sich vorgängig mit der Strecke auseinanderzusetzen, damit Gefahren und Ausstiegsmöglichkeiten bekannt sind.»

Beim Einstieg nach dem Höngger Wehr gibt es seit diesem Jahr ein neues Geländer auf der Kahnrampe. Ein Entgegenkommen an die Böötler? Nein, sagt Graf. Es sei erstellt worden, damit während der Überführung von Weidlingen niemand ins Wasser falle. «Dass dieses Geländer auch den Böötlern dient, ist ein Nebeneffekt.» Die Zugänge zu den beiden Kahnrampen blieben verschlossen und müssten überstiegen werden. «Installationen für sie werden wir nicht vornehmen – zum Beispiel Tore öffnen, Bäume schneiden oder fällen, Leinen oder Ketten im Wasser spannen», betont Graf. Beim Dietiker Wehr haben die Verantwortlichen eine Sicherheitsbarriere mit orangen Schwimmkörpern errichtet. Noël Graber, Mediensprecher EKZ: «Aber nur, weil das Kraftwerk saniert und die ganze Wassermenge über das Wehr geführt wird und deshalb eine stärkere Strömung entsteht.»

Gefährliche Wasserwalze

Es müsse einfach jedem klar sein, sagt sein Stadtzürcher Kollege Graf, dass für eine Flussfahrt in jeder Hinsicht Vorsicht geboten sei. «Es muss jederzeit damit gerechnet werden, dass sich die Wehre plötzlich senken und die Strömung unterhalb und oberhalb des Wehrs stark zunimmt.» Und natürlich ist die Wasserwalze unterhalb des Wehrs sehr gefährlich. «Eine Selbstrettung daraus ist aussichtslos», warnt Graf. Aber mit einem Fällenoder Rückschneiden von gesunden Bäumen sei weder für die Schwimmenden noch für die Böötler etwas gewonnen.

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Tatsache ist: Es zeichnet sich ein Nutzungskonflikt ab zwischen den Vorgaben für die Naturzone und den stets wachsenden Freizeitaktivitäten. Wohin soll die Entwicklung des Limmatraums gesteuert werden? Bei den Behörden ist es schwer, Auskunft zu bekommen. Bei der Stadt verweist man auf den Kanton, beim Kanton heisst es per Mail: «Aus Sicht der Baudirektion Kanton Zürich gibt es zu Ihrer Anfrage nichts zu sagen.»

Behördendeutsch, das viel Spielraum lässt

Offenbar scheint die Frage nicht leicht zu beantworten zu sein. Das weiss auch die Regierung. Im Raumplanungsbericht 2017 der Baudirektion heisst es: «Der Lifestyletrend in Richtung bewusstes Erleben der Natur und Umwelt befördert neue Arten der aktivitätsbezogenen Erholung.» Besonders an Gewässern sei der Druck hoch nach immer mehr Infrastruktur. Die dehnbare Empfehlung: «Nutzungen mit hohem Infrastrukturbedarf in Gewässern sollten insbesondere dort ermöglicht werden, wo sie möglichst nicht mit weiteren Nutzungen in Konflikt stehen.»

Behördendeutsch, das viel Spielraum lässt. Wie die Politik von Stadt, Kanton und Gemeinden dieser Empfehlung Achtung verschaffen wollen, bleibt offen. Nur eines ist sicher, am nächsten Samstag – nach der Street Parade – wird es auf der Limmat noch enger werden. Dann, wenn sich zusätzlich auch viele Raver nach der heissen Parade auf dem Wasser Richtung Dietikon treiben lassen.

Erstellt: 08.08.2018, 10:57 Uhr

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Alkohol soll für Böötler erlaubt werden

Für Gummibootlenker gelten die gleichen Regeln wie für alle Schifffahrer: Wer mehr als 0,5 Promille im Blut hat, darf nicht aufs Wasser. Laut einer Umfrage hat weit über die Hälfte der Befragten im Gummiboot schon Alkohol getrunken. Nun hat das Parlament den Bundesrat im Frühjahr ermächtigt, für Lenker von kleinen Schlauchbooten Ausnahmen zu machen. So dürfen Gummiböötler ab 2020 tief in die Bierdose schauen, wenn sie die Limmat runtertreiben. Das Blaue Kreuz kritisiert: «Das Bundesamt für Verkehr riskiert in einem Deregulierungseifer Schritt für Schritt, Menschen zu gefährden, und nimmt die Zunahme von Opfern
in Kauf. Wir verurteilen diese menschenlebenverachtende Vorgehensweise.» Der Verband fordert, dass der Entscheid korrigiert wird. «Ein klar falsches Zeichen und eine Risikosteigerung», sagt auch die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft. Bedingt durch die Hitze, wirkt der Alkohol schneller und intensiver. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung rät, während der Bootsfahrt auf Alkohol und Drogen zu verzichten. (roc)

Gefährliche Wasserwalze

An der Wasserwalze am Höngger Wehr ist es schon mehrfach zu Vorfällen gekommen. 2016 unterschätzten Gummibootinsassen die Gefahren und verpassten den Ausstieg. In einem Fall kenterte das Boot. Der Böötler konnte sich daran festklammern, schaffte es aber nicht, sich aus der Walze zu befreien. Passanten zogen ihn mit einem Rettungsring aus dem Wasser. Im zweiten Fall spülte es drei Personen samt Gummiboot über das Wehr. Unterhalb des Wehrs konnte das Trio aus dem Wasser steigen. 2012 hatte ein 19-jähriger Asylbewerber versucht, einen Fussball aus der Limmat zu fischen und hangelte sich deshalb an einer am Wehr befestigten Stange entlang. Dabei fiel er ins Wasser und ertrank. Nach einer Woche barg die Polizei seine Leiche. 2008 überlebte ein portugiesisches Brüderpaar am Höngger Wehr nur mit Glück, als ihr Boot kenterte. Badende sahen die beiden, wie sie hilflos immer wieder auf- und abtauchten.
Die Helfer warfen den Ertrinkenden Rettungsringe zu, und mithilfe des Bademeisters konnten sie die Brüder retten. (roc)

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