Die Kirche ist weiblich

Gegen tausend Frauen und Männer haben sich in der St. Galler Kathedrale für eine frauenfreundlichere Kirche starkgemacht. Eine Hauptrolle kam dabei den Nonnen aus dem Kloster Fahr zu.

Ausnahmsweise stehen die Frauen im Altarraum im Vordergrund: Nonnen aus dem Kloster Fahr breiten ein Leinentuch aus, mit dem sie zuvor Wunschzettel der Gläubigen an den Papst eingesammelt haben. Foto: Daniel Ammann

Ausnahmsweise stehen die Frauen im Altarraum im Vordergrund: Nonnen aus dem Kloster Fahr breiten ein Leinentuch aus, mit dem sie zuvor Wunschzettel der Gläubigen an den Papst eingesammelt haben. Foto: Daniel Ammann

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Für einmal lagen alle Sympathien bei Zürich. Gestern fanden sich in der Kathedrale von St. Gallen Gläubige aus dem ganzen Land zusammen, um sich für eine frauenfreundlichere Kirche einzusetzen. Als die aus Zürich Angereisten begrüsst wurden, brandete spontaner Applaus auf. Eine Frau schaute sich verblüfft um, breitete dann die Arme aus und rief: «Danke für eure Solidarität!» Dass viele Zürcher Katholiken mit ihrer Zugehörigkeit zum konservativ eingestellten Bistum Chur hadern, ist offenbar im ganzen Land gegenwärtig.

Und dass in anderen Diözesen tatsächlich ein anderer Geist herrscht, wurde während dieser Segensfeier schnell klar: Humorvoll und mit offenkundiger Sympathie für das Anliegen führte Bischof Markus Büchel durch den Gottesdienst. Den Pilgersegen spendete der emeritierte Basler Weihbischof Martin Gächter, und der Einsiedler Abt Urban Federer liess Grüsse ausrichten. Von der Churer Kurie war niemand zugegen, und es wurden auch keine Grüsse bestellt.

Es gab einen weiteren Sonderapplaus während des Gottesdienstes: Er galt den 18 Nonnen aus dem Kloster Fahr, dem Benediktinerinnenkloster am Rande der Stadt Zürich. «Alle Fahrer Klosterfrauen, die laufen können, sind gekommen», sagte Hildegard Aepli, die Initiantin der Bewegung «Kirche mit* den Frauen». Ihnen kam eine Sonderaufgabe zu: Sie hatten auf einem 150-jährigen Leinentuch bei den Gläubigen Wunschzettel eingesammelt, welche Papst Franziskus überreicht werden sollen. Als sie sich um den Altar scharten, um das Laken sorgsam auszubreiten, schien die Vision einer Kirche, an der Frauen als vollwertige Mitglieder teilhaben, für kurze Zeit Realität zu sein.

Der Schlusssegen «Gehet hin in Frieden», mit welchem der Priester jeweils die Gläubigen verabschiedet, passte selten so gut wie gestern in der Kathedrale St. Gallen. «Gehet» hiess Abmarsch auf den Pilgerweg, «hin» meinte nach Rom, und «in Frieden» bedeutete miteinander und nicht gegeneinander. Denn der Gottesdienst war der Anfang eines Fussmarsches nach Rom, den sieben Pilgerinnen und ein Pilger mit wechselnder Begleitung gestern unter die Füsse nahmen. Eine von ihnen ist Hildegard Aepli. Vor gut zwei Jahren war der in St. Gallen tätigen Theologin «aus heiteren Himmel» die Frage durch den Kopf geschossen: «Ist nicht jetzt, bei diesem Papst, der Zeitpunkt gekommen, für eine geschwisterliche Kirche nach Rom zu pilgern?» Dabei wollte sie nicht mit dem Kopf durch die Wand direkt aufs Frauenpriestertum zusteuern, sondern sich Schritt für Schritt auf den Weg machen – mit den Männern. Der Stern im Namen für eine «Kirche mit* den Frauen» bedeutet, dieses Miteinander umfassend zu verstehen. Die Botschaft wurde verstanden: Die Männer waren gestern in der Minderheit, aber durchaus gut vertreten.

Auf dem Jahrtausendmarathon

Nach eineinhalb Stunden spiritueller Nahrung gibt es eine Wurst im Klosterhof. Dann werden die Rucksäcke geschultert, und etwa 300 Personen machen sich auf die erste, kurze Etappe nach Teufen. Eine der Fahrer Schwestern fährt die Laufstöcke aus und spurtet den steilen Mülenenweg hinan, als ob es einen Bergpreis zu gewinnen gäbe. Der Pilgerzug schlängelt sich die Serpentinen hinauf und zieht sich auf Höhe von St. Georgen, so weit das Auge reicht. Die Kirchenglocken läuten passend zum Auszug aus der Stadt. Allmählich wird das Gelände flacher und grün. «Ein Gesprächsthema zu finden, ist auf dieser Wanderung kein Problem», sagt die aus der Stadt Zürich angereiste Esther Wolf. Sie habe sich in der Vergangenheit in zahllosen Briefen an geistliche Würdenträger für ein geweihtes Diakonat für Frauen eingesetzt. «Was ich heute erlebe, macht mich zuversichtlich, dass sich etwas bewegt», sagt sie. Auch Madeleine Amstutz aus Thalwil gibt dieses sichtbare «Zusammenstehen» Hoffnung. Die Theologin, die als Spitalseelsorgerin im Triemli tätig ist, sagt: «Die Hoffnung ist der Motor dieser Bewegung.» Das Ziel sei ein gleichberechtigtes Miteinander in der Seelsorge.

Nadja Eigenmann aus Horgen ist gemeinsam mit ihrem Mann unterwegs: Er habe letzte Woche allein den Zürcher Marathon unter die Füsse genommen, nun begleite er sie auf den «Jahrtausendmarathon». Und, glaubt sie an die Chance, dass sie es zum Finisher schaffen? «Aufgeben geht nicht», sagt sie. Dafür sei das Anliegen zu wichtig. Auch sie arbeitet in der Seelsorge, im Spital Horgen. Erste Schritte seien gemacht, findet sie. Auch wenn Frauen in ihren Positionen im Bistum Chur lediglich unter «Mitarbeitende in der Seelsorge» laufen, werde sie von den Leuten oft als Frau Pfarrer angesprochen. Und auch im Zürcher Generalvikariat sei die Bezeichnung «Seelsorgerin» gängig.

Stundenhalt auf dem unteren Brand: Wie auf Schulreisen sind im Nu alle Holzbänke besetzt, die Rucksäcke aufgeschnürt, die Thermosflaschen ausgepackt. Drei Frauen aus dem Furttal plaudern mit der Fahrer Priorin Irene Gassmann. Sie machen sich Sorgen um die Ökumene, weil in ihrer Gemeinde neu ein junger, konservativer Priester eingesetzt wurde. «Dabei wollen wir doch endlich aus dem Mittelalter heraus», sagt die eine. Doch schon ruft der Pilgerführer wieder zum Aufbruch. Eine ältere Frau winkt den Weiterziehenden und ruft zum Abschied: «Sagt dem Papst, dass die Kirche weiblich ist!»

www.kirche-mit.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.05.2016, 21:38 Uhr

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