«Die Kirchensteuer ist eine Zwangsabgabe»

Die Kirchensteuer für Unternehmen ist eine heilige Kuh. Aber was, wenn ein Firmenbesitzer jüdisch ist oder gar nicht an Gott glaubt?

Firmenbesitzer wollen selber entscheiden, wohin ihr Geld fliesst: Blick auf Zürcher Kirchen.

Firmenbesitzer wollen selber entscheiden, wohin ihr Geld fliesst: Blick auf Zürcher Kirchen. Bild: Keystone

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In Zürich muss jede Firma Kirchensteuern bezahlen. Das stört nicht nur die Jungfreisinnigen des Kantons Zürich, die dagegen vorgehen wollen und eine Initiative dagegen eingereicht haben (siehe Infobox). Auch Firmen, deren Besitzer nicht der christlichen Religion angehören, werden zur Kasse gebeten.

Samuel Dubno ist jüdisch und Geschäftsführer der «Cross Fashion Ltd.», einer Firma, die in der Textil- und Bekleidungsbranche tätig ist. «Seit einigen Jahren ist die Israelitische Cultusgemeinde Zürich und die Jüdische Liberale Gemeinde kantonal anerkannt. Deshalb erhalten auch sie einen kleinen Zustupf von jährlich insgesamt 250'000 Franken.» Dass der Grossteil des Geldes an christliche Institutionen fliesst, störe ihn nicht grundsätzlich. Dennoch: «Ich trete für eine strikte Trennung von Kirche und Staat ein.» Wie ein wirtschaftliches Unternehmen seine soziale Verantwortung wahrnehme dürfe nicht kantonal verordnet werden, sagt der Betriebsökonom und grünliberale Gemeinderat.

Nora Sailer ist Geschäftsführerin der Firma Octobit GmbH. «Ich bin privat schon lange aus der Kirche ausgetreten. Meine Firma darf das nicht», sagt Nora Sailer gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Es gehe nicht grundsätzlich um das Bezahlen. Auch wenn Kirchen die Steuerabgaben der Unternehmen nicht für kultische Zwecke einsetzen: «Das Geld mag auf ein separates Konto eingehen, aber am Schluss landet doch alles im selben Topf. Den Kirchen bleibt somit mehr Geld, das sie für religiöse Belange ausgeben können.» Indirekt finanziere sie als Atheistin somit trotzdem eine Glaubensgemeinschaft.

«Ich will selber entscheiden, an wen ich spende»

Klar, hätten Wirtschaftsunternehmen eine soziale Verantwortung. Sie nehme diese wahr, indem sie als Unternehmerin Arbeitsplätze schaffe und sich privat engagiere, z.B. gegen Jugendarbeitslosigkeit. «Ich unterstütze auch Hilfswerke mit Spenden. Aber ich will selbstständig entscheiden, an wen und was mein Geld geht, es muss doch nicht zwingend die Kirche sein.» Die Kirchensteuer für juristische Personen sei nichts anderes als eine Zwangsabgabe, sagt Sailer. Diverse grosse Unternehmen mit Sitz in Zürich, wollten auf Anfrage keine Stellung zu der Debatte nehmen.

Das soziale Engagement der Kirche findet zwar vierlerorts Anerkennung - dass private Firmen jedoch zu einer Steuerabgabe an die religiöse Institution verpflichtet sind, daran stossen sich nicht nur Firmenbesitzer, sondern auch viele Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «In einer aufgeklärten Gesellschaft ist die Zwangskirchensteuer längst nicht mehr glaubwürdig», schreibt etwa Walter Hermann Fröhlich.

Die Kirche machts billiger

Die Kirche finanziell zu unterstützen, lohne sich aber schon rein wirtschaftlich, ist der Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Leser Leo Nauber überzeugt. Denn nirgends werde so oft kostenlos oder zu moderaten Preisen gearbeitet, wie in der Kirche: «Jeder Franken, der für kirchliche Sozialarbeit eingesetzt wird, ist 6 nichtkirchliche Franken wert.»

Ein anderer Leser wendet daraufhin ein, kirchliche Fronarbeit finde meist im Kultusbereich statt. Der Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet befürwortet es, dass der Kanton die Kirche als Dienstleisterin berücksichtige: «Dann sollen aber gezielte Leistungsvereinarungen die Bezahlung festlegen und nicht jährliche Pauschalen.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.03.2012, 14:21 Uhr

Die Initiative der Jungfreisinnigen

Letzten Freitag reichten die Jungfreisinnigen des Kantons Zürich eine Initiative ein, die verlangt, dass die obligatorische Kirchensteuer für Unternehmen aufgehoben wird. Anders als natürliche Personen, können Firmen mit Sitz im Kanton Zürich nicht aus der Kirche austreten. Diese Handhabung sei ein «mittelalterliches Relikt» und in anderen Kantonen längst abgeschafft, sagen die Initianten.

«Ich bin schon lange aus der Kirche ausgetreten. Mein Unternehmen darf das nicht»: Die Geschäftsführerin der Firma «Octobit GmbH», Nora Sailer.

«Kirche und Staat sollten strikt getrennt sein»: Samuel Dubno, Geschäftsführer der «Cross Fashion Ltd.» und Zürcher GLP-Gemeinderat.

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