«Die Leute unterschätzen das E-Bike»

Während die Strassen sicherer werden, steigen die Unfälle mit Elektrovelos markant an. Das hat nicht nur mit dem Alter der Lenker zu tun.

Sicherheit auf dem Prüfstand: Die E-Bikes kommen bei der Verkehrsunfallstatistik der Kantonspolizei schlecht weg.

Sicherheit auf dem Prüfstand: Die E-Bikes kommen bei der Verkehrsunfallstatistik der Kantonspolizei schlecht weg. Bild: Keystone

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Elektrovelos und ihre Fahrer kommen in der aktuellen Verkehrsunfallstatistik schlecht weg. Die Zahl der Verletzten bei Unfällen mit E-Bikes hat sich innerhalb eines Jahres verfünffacht. Ausserhalb der Städte Zürich und Winterthur wurden 19 Menschen verletzt, sieben davon schwer. Im Jahr 2010 registrierten die Ordnungshüter lediglich vier Verletzte.

Insgesamt verzeichnete die Kantonspolizei 24 Unfälle, das sind dreimal so viele wie im Vorjahr. In den meisten Fällen verursachten die Lenker der Elektrovelos die Kollisionen. Ueli Zoelly, Chef der Verkehrspolizei der Kapo, führt den sprunghaften Anstieg vor allem auf die «Umsteiger» zurück – auf Personen, die es nicht gewohnt sind, Rad zu fahren. «Die Leute unterschätzen das Gefährt.» Er stellt klar: «Man muss Velofahren können, um damit richtig umzugehen.» Das falle den jüngeren Lenkern offenbar leichter, denn von den 24 beteiligten Lenkern waren nur drei unter 39 Jahren alt, zehn waren über 60 und elf zwischen 40 und 59.

Bund verschärft die Vorschriften

Trotzdem will die Kantonspolizei mit Massnahmen zuwarten. «Es ist nicht die Aufgabe der Polizei zu bestimmen, wer geeignet ist, diese Velos zu fahren, und wer nicht», sagte Zoelly anlässlich einer Medienorientierung. Ein Eignungstest sei denn auch nur eines der möglichen Szenarien. Für Zoelly ist ohnehin fraglich, ob es das richtige Mittel gegen den drastischen Anstieg der Unfälle sei. «Schliesslich gibt es auch Autounfälle, nachdem die Lenker eine Prüfung absolviert haben.» Er sieht es vielmehr als die Aufgabe der Polizei, die Menschen, die ein Elektrovelo anschaffen wollen, auf die Gefahren aufmerksam zu machen.

Die Kantonspolizei will die Entwicklung der Unfallzahlen aber im Auge behalten, vor allem in den wärmeren Monaten. «Wenn sich die Situation nicht entschärft, werden wir etwas unternehmen müssen.» Zoelly will aber dem Bund nicht vorgreifen. Der Bundesrat habe in einem Projekt gewisse Regelungen verschärft, welche die Elektrovelos betreffen. Bundesbern werde die revidierten Vorschriften bald kommunizieren. Sie sollen im Mai in Kraft treten.

Entgegengesetzter Trend in Winterthur

Auch in der Stadt Zürich stiegen laut Werner Brucks, Chef der städtischen Unfallauswertung, die Unfälle mit Elektrobikes deutlich an. 2008 schlugen sich diese in der Statistik nicht nieder – drei Jahre später verzeichnet die Polizei 17 derartige Unfälle. «Gerade für die vielen Steigungen in der Stadt eignen sich diese Fahrzeuge gut.» Er geht davon aus, dass der Anstieg mit der deutlichen Zunahme der Verkaufszahlen einhergehe. Es gelte nun, diesem Trend mit mehr Platz für diese schnelleren Velos Rechnung zu tragen.

Aber auch die Fahrräder ohne Motor sorgen im Stadtgebiet für mehr Unfälle. 2007 verzeichnete die Polizei 262 Velounfälle, vier Jahre später waren es 346. Brucks führt diese «massive Zunahme» unter anderem auf die mangelnde Disziplin der Velofahrer zurück. «Wir gehen aber nicht davon aus, dass sie sich derart verschlechtert hat.» Der Hauptgrund für die Zunahme sei vielmehr die steigende Anzahl Velofahrer.

Ganz anders sieht die Unfallstatistik bezüglich E-Bikes in Winterthur aus. Daniel Beckmann von der Winterthurer Stadtpolizei kann nur spekulieren, warum sich in seiner Stadt keine derartigen Vorfälle ereignet haben – obwohl auch dort die E-Bikes im Trend sind: «Viele Winterthurer sind geübte Velofahrer, die sogar jetzt bei diesen arktischen Temperaturen unterwegs sind.»

Unfallzahlen auf den Strassen sinken

Im vergangenen Jahr erlitten 3546 Personen Verletzungen, 36 wurden getötet, wie aus der am Dienstag in Zürich präsentierten Verkehrsunfallstatistik (Vusta) 2011 hervorgeht. Diese Zahlen sind die niedrigsten seit zehn Jahren. Im Kantonsgebiet (ohne Städte Zürich und Winterthur) zählte die Kantonspolizei 82 Unfälle an Fussgängerstreifen – gleich viele wie im Jahr zuvor. 76 Menschen wurden verletzt (–4), zwei (–2) getötet. Deutlich am meisten Unfälle an Fussgängerstreifen ereigneten sich im Monat Dezember. Am wenigsten waren es in den Monaten Januar und September.

Werner Brucks bezeichnete 2011 als «gutes Jahr für Zürich». Mit 3649 Verkehrsunfällen verzeichnete die Stadt den tiefsten je gemessenen Wert. Trotzdem steige die Anzahl Todesopfer seit 2007 an. «In Zürich treffen mit den Trams die stärksten auf die schwächsten Verkehrsteilnehmer», sagte Brucks. So seien vier Fussgänger bei Kollisionen mit einem Tram tödlich verunglückt. Auch die Anzahl Schwerverletzter hat weiter zugenommen. «Offensichtlich verzeichnen wir immer weniger Unfälle, die aber schwerere Folgen haben.» Das will die Stadtpolizei Zürich genauer auswerten.

Erstellt: 14.02.2012, 10:37 Uhr

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