Reportage

Die Maschine unter dem Sechseläutenplatz

Eine wohnzimmergrosse Maschine mit 51 Ausgängen liegt versteckt unter dem grössten innerstädtischen Platz der Schweiz. Der erste Besuch einer unbekannten Zone.

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Auf den ersten Blick sieht der Sechseläutenplatz gross, grau und karg aus. Doch das ändert sich. Bald werden 56 Roteichen und Tulpenbäume gepflanzt – und ein Gerät in Betrieb genommen, das sich vor den Blicken der Passanten versteckt. Es liegt nahe dem Bellevue und ist über eine Treppe erreichbar, die unter einer sechs Tonnen schweren Klappe aus Stahl und Steinen liegt.

In diesen Tagen ist die dicke Türe in den Untergrund regelmässig geöffnet. Auf Anfrage gewährte das Tiefbauamt eine Führung unter dem Valser Quarzit. Über eine Treppe gelangt man in den Boden und befindet sich bald unter dem Grundwasserniveau, welches der Zürichsee vorgibt.

Trichter an der Decke

Eine erste Türe führt in den Raum, in dem über kilometerlange Kabel der Strom für die Beleuchtung des Platzes verteilt wird – und die elektrische Energie für die Maschinen, welche im zweiten Raum stehen. Dort fällt als Erstes die Decke auf. An ihr sind 51 Trichter aus Metall montiert. An deren oberem Ende befinden sich die Düsen, durch welche bald Wasser gegen den Zürcher Himmel spritzen soll. Es wird das aufwendigste Wasserspiel, das Zürich bisher gesehen hat.

«Der Wasserzufluss jeder Düse wird einzeln gesteuert», sagt Christian Mühlemann, Projektleiter Sechseläutenplatz beim Tiefbauamt. Bis zu acht Meter hohe Fontänen sind möglich, doch im Normalbetrieb wird das Wasser eineinhalb bis zwei Meter weit nach oben schiessen.

An der Oberfläche ist der Brunnen lediglich als kreisförmige Ansammlung der Düsen zu erkennen, dazwischen hat es kleine, runde Erhebungen, «gestalterische Elemente», wie Mühlemann sagt. Rundherum zieht sich ein Schlitz, der erst auf den zweiten Blick auffällt. Dort soll der Grossteil des Wassers wieder zurückfliessen. Weitere Schlitze im Platz fangen das Restwasser auf.

Drei Wasserkammern

Es gelangt in eine Kammer, welche sich neben den Dutzenden Rohren, Pumpen und Steuerelementen befindet. Dort werden Steine, Sand und alles andere gesammelt, das hinuntergeschwemmt wird. Von dieser Kammer gelangt das Wasser in eine zweite, 24 Kubikmeter grosse Kammer. Anschliessend wird das Brunnenwasser durch drei Filteranlagen gepumpt, welche mit Chlor und Filterglas das Wasser wieder aufbereiten. «Danach hat es eine Qualität, wie man sie etwa im Hallenbad findet», sagt Mühlemann.

Das gereinigte Wasser wird über eine dritte Kammer in die 51 Rohre geleitet, die mit den Düsen verbunden sind. Die Fontänen liessen sich sogar so exakt programmieren, dass man beispielsweise ein Musikstück mit den Wasserstrahlen begleiten könnte. Doch das ist noch Zukunftsmusik, denn das Budget für den Platz sieht so etwas nicht vor.

Dafür wird das Wasserspiel in der Nacht besonders gut zur Geltung kommen: In jeder Düse wird es ein weisses LED-Licht geben, welches das Wasser von unten beleuchtet. «Durch die Eigenschaften des Wassers wird das Licht nicht einfach starr nach oben zünden, sondern auch einem Strahl folgen, der vom Wind zur Seite geblasen wird», sagt Mühlemann und lächelt.

Erstmals im April in Betrieb

Der Brunnen ist eine Einzelanfertigung «auf dem neusten Stand der Technik», sagt Mühlemann. Mit dem Bau der Räume, die er beansprucht, kostet die Anlage rund 1,5 Millionen Franken. Dem Gestaltungsplan des Platzes stimmte das Volk bereits 2003 zu, und im September 2012 stimmten die Zürcher dem 17,2-Millionen-Franken-Objektkredit zu. Hinzu kommen 10,3 Millionen Franken für Werkleitungen und Anpassungen der Umgebung.

«Ein Wasserspiel gehört zu jedem grösseren Platz», sagt Mühlemann. Das gehe bis ins Mittelalter zurück. Mit der heutigen Technik seien solche Installationen entsprechend moderner als ein schlichter Brunnen. Zum ersten Mal zu sehen bekommen werden die Zürcher das Wasserspiel bei der offiziellen Einweihung am 22. April. «Die vorangehenden Tests werden ohne Publikum ausgeführt», wie Stefan Hackh, Mediensprecher des Tiefbauamts, auf Anfrage sagt.

Neben dem Brunnen und dem Parkhaus ist der Sechseläutenplatz auch für vorübergehende Installationen gerüstet. Um dem Circus Knie und anderen Zirkussen ihren Auftritt im Herzen Zürichs zu ermöglichen, sind Dutzende Haken im Platz eingelassen. Sie sind in einem grossen und einem kleineren Kreis angeordnet, geschützt unter Deckeln mit der Markierung «G» für das grosse und «K» für das kleinere Zelt. Daneben gibt es zahlreiche grosse Haken, die bis zu 20 Tonnen Zugkraft aushalten.

Keine Feuerschale für den Böögg

Im Zentrum des Platzes befindet sich das unauffällige Herzstück: eine kreisrunde Fläche aus bruchrohem Quarzit, in der Mitte ein Deckel aus Stein und Metall. Dort wird im April der Pfahl fixiert, auf dem der Böögg thront – um kurze Zeit später beim Sechseläuten mit einem Knall wieder abzutreten.

Gegen die enorme Hitze des grossen Feuers wird es nicht wie ursprünglich gedacht eine Konstruktion aus Stahl geben. «Im Sommer wäre sie zu heiss geworden und hätte sich durch das Sechseläutenfeuer verziehen können», sagt Hackh. Deshalb werde man für den Scheiterhaufen einen Schutzbelag aus Isolierplatten verlegen. Dieser wird anschliessend wieder entfernt.

Und wie wird die Stadt das Volksgrillieren im Anschluss an die Böögg-Verbrennung handhaben? Im Vorfeld befürchtete man, dass die Hitze der Gluten den Valser Quarzit beschädigen könnte. Hackh sagt zwar, dass man eine Lösung habe, lässt aber offen, wie diese genau aussieht. Auf jeden Fall wird das Grillfest für alle Nichtzünfter wieder stattfinden können.

Dauerbewilligungen für Platzbelegung

Der Brunnen wird das ganze Jahr in Betrieb sein – ausser die Temperaturen bewegen sich unter der Nullgradgrenze oder der Circus Knie ist auf dem Platz. Anlässe, die den Grossteil der 15'000 Quadratmeter beanspruchen, wird es laut Hackh wenige geben. Neben der Leichtathletik-EM in diesem Jahr haben das Sechseläuten, die Street-Parade, das Züri-Fäscht, das Zurich Film Festival, der Circus Knie und ein kleinerer Zirkus im Herbst eine Dauerbewilligung für die Benutzung.

Alle anderen Anlässe müssen durch den Stadtrat bewilligt werden. An 180 Tagen im Jahr, davon 120 in den Sommermonaten, soll der Platz nicht durch Events belegt sein und «damit der Bevölkerung vollumfänglich zur Verfügung stehen», sagt Hackh.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.01.2014, 11:33 Uhr

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