«Die Mundart-Frage wird überbewertet»

Die Deutsche Manuela Runge ist Kindergärtnerin in Winkel. Obwohl sie Schweizerdeutsch kann, spricht sie mit den Kindern meistens Hochdeutsch. Die Eltern finden das gut.

Spielerisch mit der Sprache umgehen: Kindergärtnerin Manuela Runge inmitten ihrer Kinderschar.

Spielerisch mit der Sprache umgehen: Kindergärtnerin Manuela Runge inmitten ihrer Kinderschar. Bild: Sophie Stieger

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Ein bisschen Bedenken hatte Manuela Runge schon, als sie vor neun Jahren ihre erste Stelle als Kindergärtnerin in der Schweiz antrat. Was würden die Eltern ihrer Zöglinge zu einer deutschen Kindergärtnerin sagen? Wie würden die Kinder reagieren, wenn sie Hochdeutsch spräche? Zwar weilte Runge bereits seit drei Jahren in der Schweiz, verstand Dialekt und sprach sogar schon ein wenig, als sie ihre erste Kindergartenklasse übernahm – aber ihre Muttersprache floss einfacher von den Lippen. Und das ist auch heute noch so.

Runges Bedenken erwiesen sich als unbegründet: «Die Eltern nahmen mich sehr positiv auf. Manche baten mich sogar, mit ihrem Kind immer Hochdeutsch zu reden.»

Kinder ahmen gerne nach

Und die Kinder? Die finden ihre Frau Runge erst einmal einfach nett. «Ist mir egal, wie sie redet», findet ein Knirps mit grossen, dunklen Knopfaugen. «Deutsch ist gut. Schweizerdeutsch auch.» Die anderen pflichten ihm bei. Sie verstehen überhaupt nicht, weshalb sich Erwachsene über so etwas Gedanken machen. Im Unterricht plappern die Kinder so, wie es ihnen gerade in den Sinn kommt. Meist Dialekt, manchmal aber benutzen sie zum Spass deutsche Ausdrücke. Und wenn sie in Rollenspiele vertieft sind, reden sie oft astreines Hochdeutsch.

Klar gebe es in den ersten Kindergartenwochen manchmal Verständigungsprobleme, aber das gebe sich schnell, sagt Manuela Runge: «Für die Kinder ist das eher witzig als ein Problem. Wir unterhalten uns immer mal wieder über unterschiedliche Ausdrücke: Wie heisst etwas in Deutsch, wie in Dialekt? Die Kinder gehen ganz spielerisch mit der Sprache um und ahmen gerne nach.» Der 37-Jährigen sind solche Sprachspiele wichtig, und sie setzt sie bewusst und zielgerichtet ein. «Manchmal behaupte ich, ich könne alle Sprachen», erzählt sie. «Dann rede ich ein Kauderwelsch, das wie Italienisch oder Französisch klingt. Das macht den Kindern riesig Spass.»

«Räbeliechtli» auch bei Runge

Runge hat sich bewusst entschieden, mit den Kindern Hochdeutsch zu reden – nicht nur, weil es ihr besser liegt. «Sie sollen einen positiven Zugang zu der Sprache bekommen, die ja immerhin Amtssprache ist. Das ist auch eine gute Vorbereitung auf die Primarstufe.» Zudem lernen Kinder mit vier, fünf Jahren am einfachsten Sprachen. Das gelte insbesondere für Kinder mit einer fremden Muttersprache, sagt sie: «Für sie ist es besonders wichtig, früh korrekt Deutsch zu lernen.»

Kommt dabei die Mundart für Schweizer Kinder nicht zu kurz? Mundart, ist Runge überzeugt, hören die Kinder daheim und auf dem Spielplatz genügend: «Das verlernen sie nicht.» Überdies ist mindestens ein Drittel Mundart im Kindergarten vorgeschrieben. Diesen Part übernimmt im Kindergarten Rüti in Winkel Katharina Schwab, mit der Runge die Stelle teilt. Aber auch bei der deutschen Kindergärtnerin fehlen Mundartverse und -lieder wie «S Zwölfiglöggli» oder «Räbeliechtli» nicht. Das gehöre schliesslich in Schweizer Kindergärten zur Tradition, sagt sie. Aus diesem Grund hat sie auch «ein bisschen» Verständnis für das Grundanliegen der Parteien SVP, EVP und EDU, die das Hochdeutsche per Volksinitiative aus dem Kindergarten verbannen wollen. «Tradition und Kultur sollen erhalten bleiben. Aber ich finde es übertrieben, wenn daraus ein Gesetz wird, das mich dazu zwingt, im Kindergarten nur noch Schweizerdeutsch zu reden.» Sie zuckt mit den Schultern, und dann schiebt sie nach: «Ehrlich gesagt, ich finde, die Mundartfrage wird überbewertet.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2011, 23:05 Uhr

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