Die Mutter hat getötet, nicht die Behörde

Der Fall Flaach zeigt in aller Deutlichkeit, wie schw ierig die Arbeit der Schutzbehörde ist. Sie deswegen am Tod zweier Kinder mitschuldig zu machen, ist verfehlt.

In diesem Haus im zürcherischen Flaach ereignete sich die Familientragödie. Foto: Urs Jaudas

In diesem Haus im zürcherischen Flaach ereignete sich die Familientragödie. Foto: Urs Jaudas

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Der Fall scheint die Kritiker der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden Kesb zu bestätigen: Eine Mutter tötet am Neujahrstag ihre zwei Kinder, um zu verhindern, dass diese nach den Weihnachtsferien auf Geheiss der Kesb zurück ins Heim müssen. Die Kesb, so der von etlichen Medien bereitwillig weiterverbreitete Vorwurf, sei deshalb mitschuldig. Bürgerliche Politiker taxieren die Behörde umgehend als «arrogant».

Bei allem Verständnis für die grosse Bestürzung: Die Vorwürfe sind selbst arrogant. Da wird eine Tragödie ohne Skrupel dazu benutzt, eine unliebsame Behörde zu diskreditieren. Mit der Folge, dass die zuständige Kesb nun unter Polizeischutz steht. Das ist nicht zu entschuldigen.

Mag sein, dass die Kesb Fehler machte – nur ist das ohne umfassende Einsicht in die Akten nicht zu beurteilen. Zu wenig ist bekannt über die Hintergründe. Aber selbst wenn Fehler geschehen sein sollten, gilt es in aller Deutlichkeit festzuhalten: Es war die Mutter, die entschieden hat, ihre Kinder nicht weiterleben zu lassen. Und das, obwohl sie wusste, dass die Entscheide der Kesb nicht definitiv waren. Das ist tragisch, das lässt einen fassungslos zurück. Aber den Tod der Kinder der Kesb anzulasten, ist billig und unfair.

Unfair, weil die Kesb nach allem, was dem TA bisher bekannt ist, ihre Sorgfaltspflicht nicht verletzte. Unfair, weil die Kesb keine Details zum Fall bekannt geben darf und falsche Darstellungen unwidersprochen stehen lassen muss. Unfair aber auch, weil dabei vergessen geht, dass die Kesb Tausende von Fällen betreut, von denen die meisten ohne grosse Probleme verlaufen.

Die Kritik ist aber nicht nur unfair, sie schürt auch eine überzogene, teils widersprüchliche Erwartung an das, was eine Behörde wie die Kesb leisten kann. So wünschen Öffentlichkeit und Politiker einerseits Massnahmen, die menschlich, sanft und billig sind, anderseits aber verlangen sie totale Sicherheit. Die fachlichen Abklärungen sollen absolut wasserdicht sein, aber trotzdem rasch und unbüro­kratisch über die Bühne gehen. Die Kesb soll kostengünstig sein und mit möglichst wenig Personal auskommen, aber jederzeit erreichbar sein.

Wer in diesem Spannungsfeld entscheiden muss, kann nur verlieren, wenn etwas passiert. Jedes Handeln kann sich im Nachhinein als falsch erweisen – und jede unterlassene Handlung auch. So kann man im Fall Flaach natürlich behaupten, die Kinder lebten noch, hätte die Kesb ihren Austritt aus dem Heim per 19. Dezember bewilligt. Anderseits kann man davon ausgehen, dass die beiden auch dann noch am Leben wären, hätten sie über die Festtage nicht zur Mutter heim gedurft. Aber wäre die Behörde nicht unmenschlich hart vorgegangen, hätte sie den Besuch über die Festtage verboten?

Der Mechanismus ist auch aus anderen Fällen bekannt. Etwa beim Axtmord von Höngg: Da lastete man den Behörden an, dass sie zu lasch reagiert hätten, weil sie «nur» eine Familienbegleitung angeordnet hatten. Was wäre im Fall Flaach passiert, hätte die Mutter die Kinder trotz einer Familienbegleitung getötet? Dann hätten dieselben Kritiker wohl entsetzt gefragt, warum die Kinder nicht im Heim geblieben seien.

Kritik, aber keine Abschaffung

Nun heisst das nicht, dass die erst seit zwei Jahren existierenden Kesb über alle Zweifel erhaben seien. Kritik ist in einigen Punkten durchaus angebracht, noch läuft nicht alles so, wie es sollte. Gerade in der Kommunikation mit Betroffenen könnten die Kesb einiges verbessern. Kenner der Materie wie Jurist Christoph Häfeli halten aber auch «bemerkenswerte Fortschritte» in der Arbeit der Kesb fest. Und vor allem sprechen sie sich klar und deutlich gegen eine Rückkehr zu den alten Laienbehörden aus, wie dies die Kritiker jetzt fordern.

Zu Recht. Gerade der Fall Flaach zeigt, dass eine Rückkehr zu den lokalen Vormundschaftsbehörden falsch wäre. Die betroffene Familie zog x-fach um, sie hätte sich im alten System den Behörden immer wieder entzogen. Sie wäre eine Zumutung für Laien gewesen. Zu erinnern ist auch daran, dass es früher schon zu Tragödien kam – allen voran im Fall Bonstetten, als ein Vater seinen Sohn ermordete, weil er fürchtete, die lokalen Laienbehörden würden der Mutter das Sorgerecht zusprechen.

Man darf eines nicht vergessen: Die Kesb arbeiten mit Menschen in Ausnahmesituationen. Mit Menschen, die nicht auf sich und ihre Kinder schauen können. Ihnen müssen die Kesb einen Teil ihres Selbstbestimmungsrechts entziehen – zum Schutz der Kinder, aber auch der Eltern. Gerade solche Menschen reagieren nicht immer so, wie das zu erwarten wäre. Diese Unwägbarkeit gilt es zu akzeptieren. Statt die Kesb als Fehlkonstruktion zu geisseln, sollten sich die Kritiker der Erkenntnis stellen, dass totale Sicherheit eine Illusion ist.

Erstellt: 05.01.2015, 22:41 Uhr

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