Die Nonnen weben Gebete mit ein

Die Paramentenweberei im Kloster Fahr stand vor dem Aus, weil sie die Nonnen zu stark beanspruchte. Jetzt sucht die Priorin eine externe Werkstattleiterin, um die klösterliche Tradition aufrechtzuerhalten.

Schwester Bernadette arbeitet seit vierzig Jahren in der Fahrer Paramentenweberei: Daneben ist sie für das Bienenhäuschen verantwortlich.

Schwester Bernadette arbeitet seit vierzig Jahren in der Fahrer Paramentenweberei: Daneben ist sie für das Bienenhäuschen verantwortlich. Bild: Doris Fanconi

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Schwester Gabriela Balmer streift den Gehörschutz über und beginnt mit der Arbeit. Mit den Füssen drückt sie ein hölzernes Pedal, wodurch die Kettfäden das Fach öffnen. Dann zieht sie an einem Hebel, und zischend schiesst das Weberschiffchen los und schlägt auf der anderen Seite an. Mit einem anderen Handgriff setzt sie eine Luftpumpe in Kraft, welche mit lautem Knall den Webkamm gegen das Gewebe drückt. Schwester Gabriela ist Benediktinernonne im Kloster Fahr, und sie webt Paramenten für liturgische Gewänder.

Die Nonnen des Klosters Fahr stellen jährlich 50 Messgewänder und 100 Stolen her. Dazu Tuniken und Alben, Altartücher, Kelchwäsche, Ministranten- und Taufkleider. Neben Fahr fertigt in der Deutschschweiz nur noch das Kloster Eschenbach im grösseren Stil liturgische Gewänder. Die Nachfrage nimmt eher zu, die Schwestern aber werden älter. Die Arbeit braucht hohe Konzentration und auch Kraft. Priorin Irene Gassmann stand daher vor der Frage, ob das Kloster die Paramentenherstellung weiterführen kann. «Denn wir dürfen keine halben Sachen machen.»

Schweigen während der Arbeit

Sr. Gabriela arbeitet an einem weissen Stoff, wie er an Weihnachten getragen wird. Drei Viertel Seide, ein Viertel Wolle. Neben ihr webt Sr. Bernadette einen roten, für die Heiligentage der Märtyrer. In dem holzgetäferten Zimmer zischt, schlägt und knallt es im Rhythmus, als ob der Teufel los wäre. Doch hängt in verblasster Tinte ein Gebetstext und ein farbiges «Heiligenhelgeli» am Webstuhl. «Jede Klosterfrau webt ihre Gebete mit ein», sagt Priorin Irene. Ora et labora, wie Benedikt es forderte.

Die textile Werkstatt mit sechs Handwebstühlen und dem Nähatelier liegt in der Klausur, im geschlossenen Bereich des Klosters, wo normalerweise keine Laien Zutritt haben. Während der Arbeit ist Schweigen geboten. «Mit den Paramenten präsentiert sich das Kloster nach aussen», sagt die Priorin. «Es ist aber auch eine wichtige und verbindende Arbeit für das innere Klosterleben.» Die Priorin hat daher entschieden, zur Entlastung der Klosterfrauen eine externe Schneiderin oder Handarbeitslehrerin als Werkstattleiterin zu suchen.

Choräle ziehen durch die Gänge des Klostergebäudes wie der Duft von warmem Brot. Gemeinsames Chorgebet gehört wie die Handarbeit zum Pflichtenheft der Klosterfrauen. Sr. Matthäa Wismer hat heute Webdienst. Sie hat eine gelbe Stola mit weissem Muster. Die hat sie selbst entworfen, als sie noch nicht am Webstuhl arbeitete. «Sonst hätte ich das Muster etwas einfacher gemacht.»

Vierzig Stunden für ein Gewand

1956 ging im Kloster Fahr der erste grosse Webstuhl in Betrieb. Sr. Paula Galliker hat damals für die Fahrer Stoffe zusammen mit dem Luzerner Kunstgewerbelehrer Gody Hirschi einen eigenen Stil kreiert, der in den Grundzügen bis heute gilt. Schlichte, klare Muster. «Sie kommen dem heutigen Selbstverständnis der modernen Kirche entgegen», sagt Sr. Fidelis Schmid, die von Beginn an in die Paramentenweberei eingebunden war. Sie erkenne ein Fahrer Messegewand auf Anhieb, sagt die ehemalige Priorin. Die Bischöfe von Solothurn und St. Gallen tragen Fahrer Gewänder. Und natürlich der Abt von Einsiedeln, der Fahr vorsteht. Wenn er nicht eine der überaus kostbaren historischen Kaseln aus dem Einsiedler Klosterschatz trägt – was die Frauen insgeheim nicht so gern sehen.

Sr. Fidelis steht in einem Raum, in dem eine Musterkollektion der liturgischen Gewänder ausgestellt ist. Ein Fest der Farben. Sie weiss haargenau, welche Farben wann getragen werden sollen. Sie zieht eine Kasel in der ursprünglichen römischen Form hervor: Eine halbkreisförmige Stoffbahn, welche schwer auf den Armen lastet. Vorab junge Priester wählen hin und wieder dieses Modell, obwohl Sr. Fidelis ihnen davon abrät, weil sie jeweils umständlich den Stoff raffen müssen, wenn sie die Hände benutzen wollen. Im 12. Jahrhundert kam die gotische Form der Kasel auf, bei welcher im Bereich der Ärmel Stoff ausgespart wurde. Diese Form ist die bis heute übliche.

Arbeiten, um Gott zu erfreuen

«Ich arbeite einzig und allein, um Gott Freude zu machen», steht auf einem Bild, das in der grossen Webstube hängt. Rund vierzig Stunden Arbeit erfordert ein einziges Messgewand. Es kostet an die 3000 Franken, eine Stola ist ab 320 Franken zu finden. Und diese Preise rechnen sich nur, weil die Nonnen für Gottes Lohn arbeiten. In der Näherei empfängt uns die derzeitige Werkstattleiterin Sr. Petra Müller. Kleider ab der Stange verkauft die 78-Jährige nicht. «Bei uns werden alle ausgemessen, ist alles Massarbeit.» Da seien manchmal schon sehr Korpulente darunter. «Und die Jungen kommen schlank daher und wachsen dann aus dem Gewand raus.»

Stolz hält sie die zum Ausliefern bereiten grünen, roten und goldenen Gewänder vor sich hin – sie selbst im schlichten schwarzen Ordensornat. Möchte sie nicht auch einmal eines dieser prächtigen farbigen Kleider tragen? «Nein, nein, ich bin froh, dass ich morgens nicht studieren muss, was ich anziehen soll.» Ein Glöckchen bimmelt. Rasch legen die Frauen ihre Näharbeiten zur Seite. Pause, sagt eine. Und sie eilen in die Kirche zum Mittagsgebet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.12.2010, 21:11 Uhr

Wann der Priester Rosa trägt

Die liturgischen Gewänder der Priester orientieren sich an der altrömischen Alltagskleidung. Als Unterkleid dient die schlichte weisse Alba, ein langes Hemd. Darüber kommt die Stola, das eigentliche Zeichen der Priesterwürde. Sie symbolisiert das Joch Christi. Der Diakon trägt die Stola diagonal von der linken Schulter über die Brust (er trägt nur die halbe Last). Priester trugen die Stola ursprünglich vorn gekreuzt, heute meist hängend wie der Bischof. Die Stola wird ursprünglich unter dem Messgewand, der Kasel, getragen.

Die Kasel ist ein ärmelloser Überwurf mit Kopfausschnitt, in den liturgischen Farben. Der Diakon trägt die Dalmatika, ein kurzärmliges Obergewand mit weiten Ärmeln. Auch die Dalmatika ist oft in den liturgischen Farben gehalten, um den Diakon von den Laien zu unterscheiden. Im 12. Jahrhundert hat Papst Innozenz III. (1198–1216) einen liturgischen Farbkanon erstellt, der im Prinzip bis heute gilt. Die liturgischen Farben finden auch bei den Lutheranern Anwendung – nicht aber bei den Reformierten.

Weiss (oder Gold): Für die Christusfeste (Weihnachten, Ostern, Auffahrt) und die darauf folgenden Sonntage. Ausserdem für die Marienfeste (in Spanien: Blau) und die Tage von Heiligen, die nicht als Märtyrer gestorben sind.

Rot: Für die Heiligentage von Märtyrern (Blut), für Aposteltage (ausser Evangelist Johannes: Weiss) und für Pfingsten, weil dort der Heilige Geist in Form von Flammenzungen niederkam. Auch an Palmsonntag und Kreuzerhöhung. Rot ist auch die liturgische Farbe für das Requiem des Papstes.

Grün: Normale Sonntage, welche keinem Heiligen gewidmet sind.

Schwarz: Zu Totengottesdiensten (heute oft Violett). Früher auch am Karfreitag (danach Violett, heute Rot).

Violett: Advent- und Fastenzeit. Und seit dem 2. Vatikanischen Konzil oft auch bei Totengottesdiensten.

Rosarot: Als «fröhliches Violett» am dritten Adventssonntag (Gaudete) und 4. Fastensonntag (Laetare), an denen die Fastenvorschriften gelockert sind.

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