Die Parallelgesellschaft

Immer weniger Juden in der Schweiz identifizieren sich mit religiösen Bestimmungen. Die meisten sind zwar gut integriert. Etwa 3000 Juden lehnen die moderne Welt jedoch ab. Sie leben hauptsächlich in Zürich.

Der Laie weiss nur wenig über sie: Orthodoxe Juden feiern in Zürich-Wiedikon das Purimsfest.

Der Laie weiss nur wenig über sie: Orthodoxe Juden feiern in Zürich-Wiedikon das Purimsfest. Bild: Alessandro Della Bella /Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Fällt der Begriff Parallelgesellschaft, ist das Adjektiv muslimisch nicht weit. Dabei geht gerne vergessen, dass christliche Subkulturen aus religiösen Gründen häufiger in Konflikt mit Behörden geraten. So ist beispielsweise die Zahl der Dispensgesuche von Zeugen Jehovas für Räbeliechtliumzüge höher als jene von Muslimen für den Schwimmunterricht.

Auch unter den 18'000 in der Schweiz lebenden Juden existiert eine Parallelgesellschaft. Gemäss der Nationalfonds-Studie «Schweizer Judentum im Wandel» ist jeder sechste strenggläubig bis reaktionär. Gemeinsam mit rigiden Christen und Muslimen ist ihnen die Ablehnung der modernen Welt, welche sie als bedrohlich und dekadent wahrnehmen. In den Medien sind strenggläubige Schweizer Juden kaum präsent. Sie haben in den vergangenen Jahren Strukturen aufgebaut, die ein unbeachtetes Eigenleben ermöglichen.

Ist das iPhone gottgefällig?

Fast alle ultraorthodoxen Juden sind in den Zürcher Vereinigungen Israelitische Religionsgesellschaft und Agudas Achim organisiert. Sie fallen im Stadtbild zwischen Bahnhof Wiedikon und Enge vor allem durch ihre äussere Erscheinung auf. Doch der Laie weiss nur sehr wenig über sie.

Ultraorthodoxe Juden müssen sich streng an einen religiösen Gesetzeskanon halten, der ihnen unter anderem auferlegt, koschere Speisen zu essen und die Schabbatruhe einzuhalten. Dominant ist die Rolle des Rabbiners: Er berät die Gläubigen nicht nur in religiösen Fragen, sondern in der Lebensführung überhaupt. Falls ein Ultraorthodoxer beispielsweise im Zweifel darüber ist, ob sich das iPhone mit einer gottgefälligen Lebensweise vereinbaren lässt, fragt er den Rabbiner.

Privatunterricht mit religiösen Inhalten

Strenggläubige Juden schicken ihre Kinder nicht auf eine staatliche Schule, sondern in den Privatunterricht. Die Bildungskarriere endet nicht selten an einer Talmud-Hochschule in England. Allerdings bereitet sie die Schüler nur mangelhaft auf das Berufsleben vor – im Unterricht überwiegen religiöse Inhalte.

Gemäss der Nationalfonds-Studie steigt die Zahl der von der Sozialhilfe abhängigen Ultraorthodoxen, weil diese keinen Beruf erlernt haben. Die Zahl dürfte jedoch nicht dramatisch wachsen: Das Solidarnetz der strenggläubigen Juden ist engmaschig, und so hilft man sich in Notlagen innerhalb der Gemeinschaft. Viele sind selbstständige Kaufleute, die ihresgleichen beschäftigen. Finanziert werden der Schulunterricht und die Unterstützung durch Beiträge der Gemeindemitglieder und durch reiche Mäzene. Konkrete Zahlen dazu fehlen in der Studie.

Öffnung schreitet voran

Laut Daniel Gerson, dem Leiter der Studie, sind die ultraorthodoxen Juden kein politisches Problem für die Schweiz. Sie missionierten nicht. Ihre Haltung spiegle vor allem einen Konflikt innerhalb der Juden in der Schweiz: jenen zwischen Tradition und Moderne. Aufschlussreich zeigt dies die Studie in der Frauenfrage: Während für strenggläubige Juden die Frauen den Männern untergeordnet sind und deshalb beispielsweise im Gottesdienst getrennt sitzen, haben immer weniger traditionelle Juden damit ein Problem.

Massgeblich zur Öffnung beigetragen hat die 2004 gegründete «Plattform der liberalen Juden in der Schweiz», die rund ein Fünftel der Gläubigen repräsentiert. Sie steht in der Tradition der innerjüdischen Reformbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg, welche unter anderen vom Berner Kaufhausbesitzer Victor Loeb finanziell stark unterstützt wurde. Loeb und seine Gleichgesinnten plädierten auf Vortragsreisen durch die Deutschschweiz für eine Besserstellung der Frauen sowie für Anpassungen der Religionspraxis an die veränderten Normen des gesellschaftlichen Lebens.

Die Hälfte sind Mischehen

Victor Loebs Wirken fiel in eine Zeit, in der die Juden nicht mehr in ihrer Existenz bedroht waren. Gleichzeitig profitierten sie wie die nicht jüdischen Schweizer von einer Zunahme an persönlichen Freiräumen. Das Universitätsstudium brachte eine steigende Zahl von Juden in Kontakt mit Andersgläubigen, was die bis dahin weitgehend geschlossene und traditionelle Gemeinschaft aufweichte. Gemäss der Nationalfonds-Studie kann heute nicht mehr von «dem Judentum» die Rede sein, besteht es doch aus verschiedenen Strömungen.

Für Daniel Gerson ist der Umstand, dass die Ultraorthodoxen in einer Parallelwelt leben, ein Reflex auf die Öffnung und Integration der jüdischen Gemeinde in der Schweiz. Heute beträgt der Anteil von Juden und Jüdinnen, die Andersgläubige heiraten, 50 Prozent. Neu entstandene liberale Gemeinden kümmern sich um die religiöse Einbindung der nicht jüdischen Angehörigen, weil die Orthodoxen nur Kinder einer jüdischen Mutter als Juden gelten lassen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2010, 10:36 Uhr

Juden in der Schweiz

Traditionell, ultraorthodox, liberal

Zürich ist die Stadt mit der grössten jüdischen Bevölkerung in der Schweiz. Hier wohnen 6000 Juden, in Genf 5000 und in Basel 2000. Drei Viertel der 18'000 Schweizer Juden leben in diesen drei Städten. Circa 75 Prozent besitzen einen Schweizer Pass. Seit den Siebzigerjahren ist die Zahl der jüdischen Bevölkerung rückläufig. Damals lebten hierzulande 21'000 Juden.

Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) ist mit 13 000 Mitgliedern die grösste jüdische Organisation. In den letzten Jahren sind einige zusätzliche Vereinigungen entstanden, die sich hauptsächlich in der Frage der religiösen Ausrichtung voneinander unterscheiden.

Gemäss Daniel Gerson, Leiter der Nationalfonds-Studie «Schweizer Judentum im Wandel», sind lediglich Schätzungen über die religiöse Orientierung möglich. Gerson geht davon aus, dass eine knappe Mehrheit der Juden eine traditionelle Religiosität lebt. Jeder fünfte sei liberal, jeder sechste ultraorthodox und der Rest vollständig säkularisiert.

Im Kanton Zürich sind die Israelitische Cultusgemeinde (ICZ) und die Jüdische Liberale Gemeinde (JLG) öffentlich-rechtlich anerkannt. Damit geniessen sie faktisch den Status einer Landeskirche. Um diesen zu erhalten, müssen sie bestimmte Standards erfüllen, beispielsweise den Frauen erlauben, an Abstimmungen teilzunehmen und öffentliche Funktionen zu übernehmen.

Die strenggläubigen Vereinigungen Agudas Achim und die Israelitische Religionsgemeinschaft verzichten bewusst darauf, öffentlich-rechtlich anerkannt zu werden. Sie befürchten, dadurch einen Teil ihrer inneren Autonomie zu verlieren. (dv.)

Paid Post

Neue Perspektiven der Schweiz erleben

Die Air Zermatt AG und der Autovermieter Hertz sorgen für eine sichere und erlebnisorientierte Mobilität, die neue Perspektiven eröffnet.

Kommentare

Blogs

Nachspielzeit Nations League mit Delikatesse
Outdoor Die Jagd nach der Krone

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Vatikan: Bischöfe während der Heiligsprechung des Papstes Paul VI und des 1980 ermordeten Erzbischofs Oscar Romero aus San Salvador.(14. Oktober 2018)
(Bild: Alessandro Bianch) Mehr...