Die Police Academy im Zürcher Hinterland

Es ist ein Polizei-Aussenposten der besonderen Art: In einem abgelegenen Weiler bildet die Kantonspolizei Spezialeinheiten aus.

Kaum bekannt: Das Ausbildungszentrum der Kantonspolizei im zürcherischen Elgg. <nobr>Fotos: Urs Jaudas</nobr>

Kaum bekannt: Das Ausbildungszentrum der Kantonspolizei im zürcherischen Elgg. Fotos: Urs Jaudas

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Viel Natur, verstreute Bauernhöfe, eine prächtige Aussicht und eine Ausflugsbeiz; der Weiler Huggenberg bei Hofstetten, hoch über dem Eulachtal, auf 720 Metern über Meer, bietet Zürcher Bergidylle pur. Das abgeschiedene Dörfchen auf Elgger Gemeindegebiet liegt am Fuss des Schauenbergs, inmitten eines beliebten Wander- und Bikegebiets.

Noch jemand hat die hügelige Gegend im Zürcher Hinterland schätzen gelernt: die Zürcher Kantonspolizei. Sie betreibt, von der Öffentlichkeit kaum beachtet, in Huggenberg eine Ausbildungsstätte für ihre Sicherheitspolizei – und das seit 1982.

Wo Grenadiere Theorie büffeln

Das Polizeikurszentrum befindet sich im ehemaligen Dorfschulhaus, einem Zweckbau aus den 1950er-Jahren. Wegen Schülermangels wurde das Schulhaus Ende der 1970er-Jahre geschlossen, seither mietet es die Kantonspolizei.

Anfang der 1980er-Jahre liess die Kantonspolizei das öffentliche Gebäude auf Staatskosten zu einem Kurszentrum mit Unterkünften umbauen. «Das ehemalige Schulhaus Huggenberg wird für die sicherheitspolizeiliche Ausbildung verwendet», sagt Kantonspolizeisprecher Florian Frei. Das Gebäude stehe der Kantonspolizei als Unterkunft im Zusammenhang mit der Ausbildungsanlage Aatal im wenige Kilometer entfernten Hagenbuch zur Verfügung. Neben den rund zwei Dutzend Übernachtungsmöglichkeiten bietet das Schulhaus Räume für den theoretischen Unterricht.

Das heisst: Nach dem Schiesstraining im Tal büffeln Polizeigrenadiere dort Theorie. So auch jene der Sondereinheit Diamant, die in besonders heiklen Situationen wie Geiselnahmen oder zur Terrorbekämpfung ausrücken. Zur Höhe der Miete die Kapo für das Gebäude im Eigentum der Primarschulgemeinde Hofstetten bezahlt, macht die Kapo keine Angaben.

Wo einst Schüler paukten, büffeln heute Polizeigrenadiere.

In der Anlage Aatal mit dem Schiessplatz Tobel werden die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei in der Praxis ausgebildet. «Interventionseinsätze aller Art, Schiessausbildungen, Parcours und Sprengübungen können hier praxisnah durchgeführt werden», hiess es 2017 in der Einladung zum gesellschaftlichen Anlass des Kantonsrates 2017, bei dem die damalige Ratspräsidentin Karin Egli-Zimmermann (SVP) zu einer der seltenen Besichtigungen der Anlage einlud. Dabei kamen die Kantonsräte auch in den Genuss einer Vorführung der Einsatzgruppe Diamant. Die Kapo hält sich mit Informationen zu der Trainingsanlage zurück – «aus einsatztaktischen Gründen», wie Sprecher Frei sagt.

Doch wozu überhaupt ein Schulungszentrum im hintersten Chrachen? Kapo-Sprecher Frei: «Wenn es eine Unterkunft noch näher beim Trainingsgelände in Hagenbuch gäbe, nähmen wir sie natürlich gerne.» Die Polizei sei aber angewiesen auf eine stets verfügbare Übernachtungsmöglichkeit in vernünftiger Nähe zum Trainingsgelände. «Die Kurse beginnen früh am Tag, und es gibt auch Nachteinsätze», sagt er. Ein Hotel käme wesentlich teurer, zudem wäre dieses nicht immer kurzfristig verfügbar. Laut Frei ist das Schulhaus Huggenberg die einzige Kapo-Gruppenunterkunft dieser Art im Kanton Zürich.

Trainingsplätze als Mangelware

Dass die Kantonspolizei 1982 überhaupt in Huggenberg landete, hängt mit dem damaligen Mangel an Trainings- und Ausbildungsstätten im Kanton Zürich zusammen. Dies geht aus einem im Staatsarchiv erhaltenen Regierungsratsbeschluss von 1986 hervor. Damals bewilligte die Regierung einen Kredit von 150'000 Franken, um das Schulhaus mit einem Anbau zu vergrössern – weil die Toilettenanlagen «unzureichend» waren und für die Retablierung der persönlichen Ausrüstung «lediglich eine Stiefelwaschanlage im Freien zur Verfügung» stand.

Laut dem Regierungsrat mussten die Zürcher Grenadiere, Interventionsgruppen und Präzisionsschützen bis dahin mehrheitlich auf militärischen Übungsplätzen in Chur, Isone, Bern und Chamblon VD aus- und weitergebildet werden. «Die zunehmende Belegung dieser Übungsplätze durch militärische Truppen erschwerten die Durchführung der jährlichen Kurse der Kantonspolizei jeweils erheblich», heisst es in dem Beschluss. Dank der eigenen Ausbildungsstätte werde nun Abhilfe geschaffen.

Tag der offenen Tür – mit Regierungsrat

Im Mai 1982 ging die Ausbildungsstätte in Betrieb. Die NZZ rapportierte: «Die Polizeigrenadiere ... erhalten in der Abgeschiedenheit des zürcherisch-thurgauischen Grenzgebietes neben theoretischen Lektionen vor allem auch die Möglichkeit, praktische Ausbildung zu betreiben. So werden auf den Tagesbefehlen häufig Kommandierungen zu verfeinerter Schiessausbildung mit modernsten Handfeuerwaffen aufgeführt sein. Durchgeführt werden diese Schiessübungen in den Kiesgruben, die man im Gelände zwischen dem Schauenberg und dem Eulachtal und auch in der weiteren Umgebung in grosser Zahl findet. Zum Ausbildungsprogramm, in das auch Erfahrungen ausländischer Spezialeinheiten, unter anderen auch der bundesdeutschen GSG 9, Eingang gefunden haben, gehören aber auch Helikoptereinsätze, Häuserkampfübungen und das Errichten von Strassensperren.»

1983 fand in der Ausbildungsstätte ein Tag der offenen Tür für die Behörden und die Bevölkerung statt. Mit von der Partie war auch der damalige Polizeidirektor Konrad Gisler (SVP), der die Sondereinheiten persönlich begrüsste.

Unauffälliges Haus in der idyllischen Zürcher Berglandschaft: Das Polizeiausbildungszentrum unterhalb des Schauenbergs.

Heute werden am Standort des Kurszentrums keine praktischen Ausbildungen mehr durchgeführt, wie Kapo-Sprecher Frei versichert. Wanderer und Biker in der Gegend müssten sich daher keine Sorgen machen, plötzlich in eine Übung von Polizeigrenadieren zu geraten.

Bei Anwohnern akzeptiert – trotz Überraschungen

Vor Ort kann man mit dem Polizeicamp offenbar gut leben. «Hofstetten und besonders auch die Weiler Huggenberg und Tiefenstein haben sehr gute Erfahrungen gemacht mit der Polizei», sagt der langjährige Hofstetter Gemeindepräsident Dieter Lang. «Für die einzelnen Polizistinnen und Polizisten «sind wir seither nicht mehr Niemandsland.»

Auch Behörden und Landbesitzer hätten gute Erfahrungen gemacht, so Lang. Selbstverständlich habe es früher bei den wenigen Feldübungen manchmal auch Überraschungen gegeben, «wenn in den ruhigen Weilern fremde, eher jüngere Menschen umherrannten, besonders auch nachts». Dabei sei aber jeweils schnell klar geworden, dass diese zur Kapo gehörten.

Auch in der nahen Ausflugsbeiz ist die polizeiliche Nutzung des Schulhauses längst kein Geheimnis mehr, wie eine Serviceangestellte erklärt. Und in der Gemeinde Elgg, mit der Hofstetten 2018 fusioniert wurde, weiss man ebenfalls nichts Nachteiliges über die Ausbildungsstätte zu berichten. Reklamationen habe es noch nie gegeben, sagt Gemeindeschreiberin Sonja Lambrigger Nyffeler auf Anfrage.

Erstellt: 25.08.2019, 15:41 Uhr

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