«Die Politiker müssen zuerst den Umgang mit diesen Formen lernen»

Der erste Live-Ticker aus dem Zürcher Gemeinderat sorgte bei Lesern wie Politikern für grosses Aufsehen. Medienwissenschafter Michael Latzer zu Chancen und Tücken der neuen Polit-Berichterstattung.

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Während dem gestrigen Live-Ticker vom Budgetstreit im Gemeinderat konnten Tagesanzeiger.ch-Leser erstmals via Chat direkt ihre Meinung zur Debatte abgeben. Diverse Politiker vor Ort verfolgten nicht nur den Bericht und die Diskussion, sondern beteiligten sich gleich selber an der Online-Debatte. Das ist – zumindest für Zürich – ein Novum in der politischen Berichterstattung.

Herr Latzer, wie ist diese Interaktion aus Sicht der Medienwissenschaft zu bewerten?
Es ist wichtig, mit solchen neuen Formen der Beteiligung zu experimentieren. Sie sind positiv für das demokratische System. Diese sehr raschen Interaktionsmöglichkeiten sind so neu, dass es für eine nähere Beurteilung jedoch zu früh ist.

Bei emotionalen Themen wie dem Hardturm-Stadion wurde im Chat Stimmung gemacht. Leser forderten vor der Abstimmung, den Kredit zu genehmigen. Die Zuschauer vor Ort auf der Tribüne hingegen dürfen sich nicht verbal äussern. Kann diese neuartige Stimmungsmache eine Debatte oder sogar Entscheide beeinflussen?
Diese Form von Beteiligung muss vermehrt angewendet werden und die Beteiligten müssen zuerst den Umgang damit lernen. Es darf nicht das Ziel sein, dass Politiker eine Fahne im Wind werden. Um sagen zu können, ob ein struktureller Einfluss besteht, ist es noch zu früh.

Ist es denkbar, dass sich die Rolle des Parteisprechers wandelt und er künftig zu einem Live-Sprecher wird, der laufend elektronische Kanäle bedient?
Nicht alle Themen eignen sich, um in sozialen Netzwerken direktes Lobbying zu betreiben. Vor allem bei sehr populären und emotional aufgeladenen Themen ist das nicht immer sinnvoll. Besonders im Netz wirken sie zwar stärker als anderswo, doch gleichzeitig sinkt auch oft die Hemmschwelle beim Kommunikationsstil. Da müssen sich die Beteiligten fragen, ob sie das verantworten wollen.

Wie stark sehen Sie den Einfluss von Live-Berichten und den umgehenden Reaktionen in der Politik in Zukunft?
Solche neuen Formen wirbeln zuerst Staub auf. Erst wenn er sich gesetzt hat, sieht man die wirklichen Effekte. Leute nutzen die Beteiligung auch, weil sie es können, es herrscht eine gewisse Technik-Faszination. Auf jeden Fall stehen alle Akteure vor neuen Herausforderungen. Die Politiker, die Medien und die Bürger müssen den Umgang mit der neuen Form der Beteiligung finden.

Erstellt: 24.03.2011, 15:53 Uhr

Prof. Dr. Michael Latzer leitet die Abteilung für Medienwandel & Innovation am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. (Bild: mediachange.ch)

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