«Die Polizei macht am Sihlquai unser Geschäft kaputt»

Rebekka S. schafft auf dem Zürcher Strassenstrich an. Im Interview sagt sie, dass die Stadtpolizei die Prostituierten systematisch schikaniere.

«Manchmal werden wir mehrmals pro Nacht kontrolliert»: Am Shilquai vermiesen die Polizeikontrollen den Prostituierten das Geschäft, sagt Rebekka S. (nicht auf dem Bild).

«Manchmal werden wir mehrmals pro Nacht kontrolliert»: Am Shilquai vermiesen die Polizeikontrollen den Prostituierten das Geschäft, sagt Rebekka S. (nicht auf dem Bild).

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Jeden Abend stehen Dutzende Frauen am Zürcher Sihlquai und warten auf Freier. Eine von ihnen ist Rebekka S.*, eine 21-jährige Ungarin. Wir treffen sie im Café El Greco am Limmatplatz. Weil Rebekka nur gebrochen Deutsch spricht, ist eine Übersetzerin aus Budapest dabei. Wer die junge Frau zum ersten Mal sieht, würde sie kaum für eine Prostituierte halten. Rebekka ist eine selbstbewusste, energische junge Frau. Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen, ebenso wenig ein Foto von sich sehen – weil sie Repressalien fürchtet.

Seit sich die Beschwerden der Quartierbevölkerung über die Auswüchse des Strassenstrichs häufen, hat die Stadt die Vorschriften für das Gewerbe verschärft, und sie prüft eine Verlegung der Sexmeile.

Sie arbeiten seit anderthalb Jahren am Sihlquai. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Es gibt heute viel weniger Frauen am Sihlquai als früher, als der Strich noch bis zum Bahnhof ging. Damals standen jeden Abend weit über 100 Frauen dort, heute sind es etwa 70, 80. Was immer schlimmer wird, sind die Schikanen der Stadtpolizei. Die Beamten lassen uns nicht in Ruhe arbeiten. Sie machen unser Geschäft kaputt.

Was tun die Polizisten?
Zum Beispiel fährt die Polizei im Streifenwagen vor, wenn ich gerade daran bin, einen Mann zu bedienen. Dann befehlen sie uns per Lautsprecher auszusteigen, um den Freier und mich zu kontrollieren. Manchmal werden wir mehrmals pro Nacht kontrolliert. Das dauert jeweils bis zu einer halben Stunde. So können wir nicht arbeiten, die Freier kommen nicht, wenn sie sich beobachtet fühlen. Vor allem wir Ungarinnen werden von der Polizei schikaniert: Man zerbricht die SIM-Karten unserer Handys oder nimmt uns gleich auf den Posten mit.

Die Polizei hat es auf illegale Prostituierte abgesehen.
Wir haben nichts dagegen, wenn illegal arbeitende Frauen weggewiesen werden. Aber warum müssen wir Legalen ständig kontrolliert werden?

Es geht auch um Ihren Schutz vor gewalttätigen Freiern und Zuhältern.
Nein, eben gerade nicht. Die Stadtpolizisten kommen nicht einmal, wenn eine Frau für Stunden verschwindet und wir befürchten müssen, dass sie irgendwo vergewaltigt wird. Wenn ich in einem solchen Fall die 117 anrufe, dann heisst es, ich solle erst mal Deutsch lernen. Und ich wisse doch bestimmt, dass ich einen gefährlichen Beruf hätte. Manchmal hört man sogar: Wenn du hier keine Steuern zahlst, dann sind wir nicht für dich da. Was soll das? Ich zahle hier doch Steuern.

Sie zahlen Steuern?
Aber natürlich, ich habe eine Aufenthaltsbewilligung. Ich zahle auch Krankenkasse und alles.

Die Polizei ist am Sihlquai auch deshalb präsent, weil sich Anwohner beklagen, es werde immer schlimmer dort. Verstehen Sie die Anwohner nicht?
Der Strich ist seit 20 Jahren am Sihlquai. Die Leute, die dort hinziehen, wissen das genau. Klar, mich würde es auch nerven, wenn gebrauchte Kondome in meinem Hauseingang liegen und mir Leute ins Gebüsch pinkeln. Aber wenn die Stadt schon den Strich dort zulässt, warum stellt sie nicht mehr Klos und Mülleimer auf? Uns stehen bloss drei WCs zur Verfügung, und die sind extrem dreckig und oft kaputt.

Wie steht es mit der grassierenden Zuhälterei?
Ich arbeite auf eigene Rechnung. Früher hatte ich einen Zuhälter, dem ich 50 Prozent meiner Einnahmen abliefern musste. Aber der bedrohte mich. Deshalb zeigte ich ihn bei der Polizei an. Das ist jetzt ein Jahr her, aber die Staatsanwaltschaft hat nichts getan gegen ihn; er ist immer noch auf freiem Fuss. Zu meinem Glück ist er inzwischen nach Berlin gezogen. Ich habe die Polizei auch schon auf andere Zuhälter aufmerksam gemacht, aber sie tut nichts.

Warum nicht?
Das Problem ist, dass Zuhälterei nicht verboten ist, solange die Frauen das Geld freiwillig abliefern. Man müsste also beweisen, dass die Männer Zwang ausüben. Das ist schwierig.

Wenn man Ihnen zuhört, fragt man sich, warum Sie hier sind. Ist Zürich kein einträgliches Pflaster?
Doch, schon, ich verdiene gut. Ich kann sogar Geld sparen und meinen Eltern etwas nach Ungarn schicken.

Wussten Sie, was Sie hier erwarten würde?
Ich habe in Ungarn Konditorin gelernt, dort würde ich bloss ein paar Hundert Franken verdienen – das ist viel zu wenig, um zu leben. Die Lebenskosten in Budapest sind – gemessen an den Löhnen – höher als in Zürich. Ausserdem fand ich keinen Job. Im Internet stiess ich auf ein Inserat, das für gute Verdienstmöglichkeiten in Zürich warb. Obwohl nichts Genaueres stand, wusste ich, was meine Arbeit sein würde.

Man hört immer wieder von Frauen, die davon angeblich nichts wissen.
Ja, es gibt viele davon. 17-jährige Mädchen, die sich in einen Kerl verlieben. Der erzählt ihnen, er arbeite als Maurer oder so in Zürich, nimmt sie mit – und wenn sie da sind, sagt er plötzlich, er sei arbeitslos, aber sie könne Geld verdienen. Die Mädchen gehen auf den Strich, weil sie verliebt sind. In Zürich beginnen dann die Drohungen und der Zwang.

Um den Prostituierten einen gewissen Schutz zu bieten, überlegt sich die Stadt Zürich, Strichboxen aufzustellen. Was halten Sie davon?
Nichts. Das würde unser Geschäft ruinieren. Ich habe viele Schweizer Kunden, zum Teil Familienväter, und die kommen nicht, wenn sie das Gefühl haben, es gebe irgendwo eine Kamera. Für uns wäre ein Parkplatz ideal, mit genügend Abfallkörben, WCs und hin und wieder Zivilpatrouillen. Sicher keine Uniformierten. Und vor allem keine Kameras!

* Name der Redaktion bekannt

Erstellt: 08.02.2011, 23:28 Uhr

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Strassenstrich am Zürcher Sihlquai

Strassenstrich am Zürcher Sihlquai Die Prostituierten am Zürcher Sihlquai arbeiten unter übelsten Bedingungen.

«Die Kontrollen sind absolut nötig»

Polizei weist Vorwürfe zurück

Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei, weist die Vorwürfe der Prostituierten Rebekka S. zurück: «Ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas passiert. Wenn dem so wäre, käme es bestimmt zu Anzeigen.» Die Polizisten seien geschult. Ein Verhalten, wie es Rebekka S. schildere, würde intern nicht akzeptiert. Dass die Kontrollen für die Prostituierten nicht angenehm seien, kann Cortesi indes nachvollziehen.

Für die Prostituierten-Anlaufstellen Flora Dora und Isla Victoria zeigen Rebekkas Schilderungen grundsätzlich das grosse Dilemma der Polizeiarbeit: Auf der einen Seite steht das Bedürfnis der Bevölkerung nach Ruhe und Ordnung, auf der anderen der Wunsch der Prostituierten, ungestört arbeiten zu können. Die Mitarbeiterinnen der sind zwar überzeugt, dass es am Sihlquai genügend Polizeikontrollen braucht. Die Arbeit der Polizisten vor Ort schätzen sie allerdings sehr unterschiedlich ein.

Im städtischen Flora-Dora-Bus, der am Sihlquai stationiert ist, beurteile man die Arbeit der Polizei insgesamt als gut, sagt Barbara Strebel, Pressesprecherin der Sozialen Einrichtungen und Betriebe der Stadt Zürich: «Wir haben zwar auch schon gravierende Klagen gehört, aber wenn wir den Frauen Hilfe anbieten, um Anzeige zu erstatten, lehnen sie meist ab.»

Etwas kritischer ist Regula Rother von der privat betriebenen Anlaufstelle Isla Victoria. Es sei bekannt, dass der Strich am Sihlquai der Polizei ein Dorn im Auge sei. Ihre Mitarbeiterinnen hörten oft von Prostituierten, sie seien von der Polizei unfreundlich behandelt worden.

Frust über die Konkurrenz?

Eine Szenekennerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, sieht Rebekkas Aussagen als Ausdruck der Frustration einer hier wohnhaften Prostituierten: «Sie muss in Zürich ihren Lebensunterhalt bestreiten – aber die Konkurrenz ist hart, die Frauen aus dem Ausland drücken die Preise, und wegen dieser Frauen sind mehr Kontrollen nötig.»

Wie viele Frauen sich unter Zwang prostituieren, ist selbst für Fachleute schwer abzuschätzen. Nach Rothers Erfahrung haben nicht alle Frauen einen Zuhälter. Gegen die Zuhälterei könnten die Kontrollen wenig ausrichten, glaubt sie. Wichtiger seien Bezugspersonen, denen die Frauen vertrauten. (leu)

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