Die Schüler, die in der Gondel lernen dürfen

Die Sekundarschule Wädenswil hat gestern den ersten Schweizer Schulpreis gewonnen. Was macht sie anders als die anderen? Schüler haben Tagesanzeiger.ch/Newsnet durch ihre Lernlandschaft geführt.

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Grosses Hallo heute Freitagmorgen im Schulhaus Fuhrstrasse. Gestern hat die Oberstufe Wädenswil den Schweizer Schulpreis gewonnen, der erstmals verliehen wurde. Schulleiter Frido Koch umarmt da eine Lehrerin, schüttelt dort einem Lehrer die Hand. Schülerinnen kommen zu ihm und sagen, er habe es gut gemacht im «Talk Täglich» von TeleZüri. Die Wädenswiler Schule ist in aller Munde.

Auch Gian ist stolz. «Es ist ein cooles Gefühl», sagt der 14-jährige 2.-Sek-A-Schüler knapp, bevor er den Journalisten und die Fotografin zusammen mit seinem Gspänli Romy durchs Schulhaus führt. Ziel ist die sogenannte Lernlandschaft. Sie liegt zuoberst im Schulhaus, am Treppenende steht «Flüsterzone». In Sicht ist bereits die erste Attraktion: zwei ausrangierte Gondeln, die von der Schule ersteigert wurden. Darin sitzen zwei Schüler, die miteinander plaudern. Romy erklärt, in der Gondel könnten sich zwei Schüler zurückziehen, um sich über ein Lernthema auszutauschen. Augenzwinkernd ergänzt sie, es gehe dabei nicht immer um den Schulstoff. Mehr als fünf Minuten darf niemand in der Gondel sein, ein Zeitmesser stellt dies sicher.

Tiefer Lärmpegel in der Flüsterzone

Vorbei an diversen Tafeln mit Stundentafeln und anderen Infos gehts in einen Gruppenraum mit hohen Tischen. Dort steht eine Handvoll Schüler, die ein Thema besprechen. Nach zehn Minuten müssen sie gehen, auch hier wird die Zeit gemessen. Dann folgt ein grösserer Raum für knapp 50 Schüler. Augenscheinlich wurde eine Wand niedergerissen, um aus zwei Schulzimmern ein grosses zu machen. Der Lärmpegel ist tief. Ein Lehrer beugt sich über einen sitzenden Schüler, begutachtet eine Arbeit und kommentiert sie – im Flüsterton natürlich.

Viele Schülerinnen und Schüler sitzen konzentriert an ihren Plätzen, die über die ganze Fläche verteilt sind, einige spazieren durch den Raum. «Wenn man zu viel herumläuft, kriegt man ein Seilbahnverbot», warnt Romy und zeigt auf eine grosse Tafel. Dort sind jedem Namen diverse Zettel und Magnete zugeordnet. Es gibt das Gondelverbot, das Gruppenraumverbot und die Sturmwarnung. Diese erhalten Schüler, die sich etwas zu viel geleistet haben. Sie müssen an ihrem Platz bleiben und arbeiten. Wer «brav» war, wie Romy sagt, erhält einen Pokal und darf sich frei bewegen und etwa zur «Lösungsinsel» gehen – viele Aufgaben werden mithilfe von Lösungsordnern selbst korrigiert.

Eltern haben Einsicht in Lernaktivitäten

Gian zeigt sein Lerntagebuch. Es dient der Planung. Darin werden wöchentlich die Lernziele beim individuellen Arbeiten notiert. Verzeichnet sind im dreiwöchigen Turnus auch Selbsteinschätzungen des Schülers, die Coaching-Gespräche mit dem Lehrer und die Rückmeldung an die Eltern. Auf dem Laptop loggt sich Romy in den «Infomentor» ein. Auf dem Tool, das aus Skandinavien kommt, sind Aufgaben aufgelistet, Prüfungen mit Noten und Fähnchen. Bei Romy ist alles im grünen Bereich – oder fast. Zwei rote Fähnchen bedeuten, dass sie Hausaufgaben zu spät abgegeben hat. Wer zwölf rote Fähnchen hat, muss am Mittwochnachmittag nachsitzen. Der Infomentor ist für den einzelnen Schüler, die Eltern und die Lehrer einsehbar.

In der Mitte des grossen Raumes stehen drei Pulte für die fünf anwesenden Lehrpersonen. Sie sitzen aber nie dort, sondern wandern durch das Zimmer, geben Tipps, weisen eine Schülerin zurecht, die ihr Handy gezückt hat. Laut 2.-Sek-Lehrer Christoph Wildberger hat sich das Modell mit den Lernlandschaften ausbezahlt. «Wir sind viel näher bei den Schülern und können ihre individuellen Fähigkeiten besser fördern», sagt er. «Alle profitieren», ergänzt Schulleiter Koch. Die besseren Schüler starteten aufgrund der grösseren Freiheiten durch «wie Raketen», weil man sie nicht bremse, berichtet Koch. Und die schlechteren hätten mehr Zeit, den Schulstoff zu verarbeiten.

Höhere Belastung für Lehrer

Ein Vorteil sei auch, dass besser auf Probleme eingegangen werden könne, meint Wildberger. Weil ihm die Kolleginnen und Kollegen den Rücken freihalten, kann er sich bei Bedarf mit einem Schüler zurückziehen. Der Lehrer räumt aber auch ein, dass die Belastung für den Lehrkörper gestiegen sei. Für die Lernlandschaften gibt es kaum Lehrmittel. Diese müssen selbst erarbeitet werden, wobei ein reger Austausch mit ähnlichen Schulen stattfindet. Auch sind die Präsenzzeiten höher, da die Schüler bis 18 Uhr bleiben und ihre Hausaufgaben im Schulhaus erledigen können, wenn sie wollen. Gut geeignet sind die Lernlandschaften für die integrative Schulung. «Man kann die Ressourcen besser bündeln», sagt Koch.

Im grossen Zimmer bewegen sich knapp 50 Schüler aus zwei Klassen, einer 2. Sek A und einer 3. Sek B. Die 1. Sek A, die zu dieser Lernlandschaft gehört, ist beim Sport oder im Musikzimmer. Ein Kennzeichen dieser Landschaften ist, dass altersdurchmischt und stufenübergreifend gelernt wird. Ein 3.-Klässler erklärt dem 2.-Klässler ein Französisch-Thema, ein A-Klässler löst mit dem B-Schüler ein Mathe-Problem.

«Das ist die Zukunft des Lernens»

Schulleiter Frido Koch und die beiden anderen Schulleitenden der Wädenswiler Oberstufe, Irène Schmid und Martin Gross, sind der Meinung, dass dies die Zukunft des Lernens ist. Das Modell wurde in der Schweiz zunächst im Thurgau getestet. Die Lernlandschaft wird vorerst nur an drei der vier Wädenswiler Oberstufenschulhäuser erprobt. Eines ist räumlich nicht geeignet.

Und es sind bei weitem nicht alle Schüler an diesem Pilotprojekt von 2012 bis 2015 beteiligt. Es verbringt etwa ein Drittel der Schüler zu einem Drittel der Zeit in Lernlandschaften. Konkret heisst das: Es gibt vier Lernlandschaften mit je zwei oder drei Klassen. 21 von 32 Klassen sind nicht beteiligt. Die elf Klassen verbringen 8 bis 10 Lektionen in der Lernlandschaft, wo es nur um Mathematik, Sprachen und Mensch und Umwelt geht. Dort wird der Stoff vertieft, der in den 13 Input-Lektionen, also im «normalen» Unterricht, vermittelt wurde. In der restlichen Zeit finden Sport, Zeichnen, Musik oder Projektarbeit statt.

Der Leuchtturm am Zürichsee

«Ein innovatives Projekt kann nur erfolgreich durchgeführt werden, wenn die Schulleitung, die Lehrer, die Eltern und die Schulpflege an einem Seil ziehen», sagt Koch. Denn vor allem am Anfang sei die Belastung gross. Zunächst müsse das Strukturelle bereinigt werden, bevor man sich auf die neuen Lernformen konzentrieren könne.

Der Präsident der Schulpreis-Jury, Jürgen Oelkers, hat die Wädenswiler Schule als «Leuchtturm» bezeichnet. Das schmeichelt Schulleiter Koch. Handkehrum betont er, dass nichts ohne Austausch mit anderen Schulen gehe. Diesen will er weiter fördern. Aber zunächst wird gefeiert. Ein Teil des Preisgeldes von 40'000 Franken ist für ein Fest reserviert. Die Wädenswiler hatten im Gegensatz zu anderen Schulen kein Fest für den Fall, dass sie gewinnen, vorbereitet. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.12.2013, 17:33 Uhr

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