Hintergrund

Die Stunde der Wahrheit

Mit dem Centre Le Corbusier geht im Mai 2014 ein architektonisches Juwel in den Besitz der Stadt über. Gespräche mit der jetzigen Besitzerin Heidi Weber stehen vor einem entscheidenden Punkt.

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Charles Edouard Jeanneret, besser bekannt als Le Corbusier, ist der mit Abstand berühmteste Schweizer Architekt. Sein letztes Werk steht in Zürich – das einzige Corbusier-Haus in der Deutschschweiz. Es ist gleichzeitig das einzige Gebäude in Stahl und Glas des in La Chaux-de-Fonds geborenen Baumeisters. Le Corbusier starb im August 1965 im Alter von 77 Jahren im französischen Cap-Martin beim Baden im Meer an einer Herzschwäche. Zwei Jahre später weihte die heute 86-jährige Heidi Weber, die Initiatorin des Hauses, in Anwesenheit von Prominenz aus Architektur und Politik das Spätwerk ein. Nächstes Jahr muss sie sich gemäss Baurechtsvertrag mit der Stadt Zürich von dem Haus trennen.

Weber ist die treibende Kraft hinter dem Bau. Ihr Name prangt nicht nur am Eingang des Museums – «Heidi Weber Haus von Le Corbusier». Ohne sie würde es den Kubus mit der auffällig farbigen Fassade nicht geben. Sie bezahlte den Pavillon, der zwei Millionen Franken kostete und sie in existenzielle Nöte brachte. Das Land, eine 500 Quadratmeter grosse Parzelle an der Höschgasse, stellte ihr die Stadt im Baurecht für 50 Jahre unentgeltlich zur Verfügung. Am 13. Mai 2014 fällt das Baurecht dahin und das Gebäude «geht in das Eigentum der Stadt über», wie es in der Weisung von 1963 heisst. Im Vertrag ist zwar eine Summe als Entschädigung für den Heimfall festgelegt, aber der Betrag wurde nicht indexiert, wie damals üblich. Hier sieht Heidi Weber Spielraum für Verhandlungen. Neuere Verträge sichern den Verlust der Kaufkraft mittels eines Indexes ab.

Das Heft aus der Hand geben

«Wir stehen in Gesprächen mit Frau Weber und wollen deshalb zurzeit keine Details bekannt geben», sagt Peter Haerle, Kulturchef der Stadt Zürich. Auch Heidi Weber möchte keine Stellung zu den Verhandlungen nehmen. Es sei nächstens ein Treffen mit dem Direktor der städtischen Kulturabteilung geplant, sagt sie. Der «Tages-Anzeiger» weiss aus gut informierten Quellen, dass die Probleme weniger finanzieller Art sind. Vielmehr geht es darum, wer welchen Einfluss über das Haus haben soll. Weber möchte offenbar am liebsten das Centre Le Corbusier einer von ihr initiierten Stiftung überschreiben, um damit weiterhin die Kontrolle zu behalten. «Es war immer so: wenn Heidi das Heft aus der Hand geben sollte, dann gab es Spannungen. Das Problem liegt bei ihr auf einer psychologischen Ebene», sagt ein früherer Weggefährte Webers.

Weber will das Haus – genauso wie die Stadt – nicht kommerzialisieren. Es sollen sich nicht mehr als 150 Personen gleichzeitig darin aufhalten, und es soll auch kein Party-Haus werden. «Das wäre nicht im Sinne von Le Corbusier», sagt Weber. Ein anonym bleiben wollender Insider sagt, die Stadt rolle ihr den roten Teppich aus und wolle sie als grosse Mäzenin ehren. Dies sei eine Chance, um ihre grosse kulturelle Leistung zu würdigen. Was die Stadt Zürich plant, steht im städtischen Kulturleitbild: Sie möchte das Centre Le Corbusier im Sinne von Le Corbusier und Heidi Weber als offenes und lebendiges Museum weiterführen. «Zu diesem Zweck soll ein Konzept ausgearbeitet werden, das dem Charakter des Hauses und seiner Ausstrahlung gerecht wird.»

Die Stadt plant auch, das Haus umfassend zu renovieren und die Öffnungszeiten auszudehnen. Seit Jahren ist das Museum nur sehr beschränkt zugänglich. Sie könne das Haus aus finanziellen Gründen nicht länger für das Publikum offenhalten, sagt Weber. Das Interesse am Architektur-Juwel ist sehr gross. Davon zeugen die Tausenden von Corbusier-Fans aus aller Welt, die meist vor verschlossenen Türen stehen und Abdrücke von Nasen und Händen an den Scheiben hinterlassen.

Belastende Vorgeschichte

Weber gilt als schwierige Verhandlungspartnerin. Das Verhältnis mit der Stadt Zürich stand von Beginn weg unter einem schlechten Stern. Ein erster Streit entzündete sich wegen des Ateliers von Hermann Haller nahe des Centre Le Corbusier. Haller ist Schöpfer der Hans-Waldmann-Reiterstatue. Laut Weber sicherte ihr die Stadt 1966 zu, das Atelier abzureissen oder zu versetzen. Die Stadt verneinte dies. Das Atelier steht heute noch am selben Ort.

Der Zugang zum Centre Le Corbusier führt westlich entlang der Atelierräume auf die Rampe. «Diese Wegführung ist funktional und ästhetisch unbefriedigend und wird dem ursprünglichen Plan von Le Corbusier nicht gerecht», heisst es in «Eine brisante Geschichte», einer Chronologie zum Corbusier-Haus. Auf über 40 Seiten listet Weber auf, wie sie sich von der Stadt seit Jahrzehnten negativ behandelt fühlt. Von Unstimmigkeiten begleitet war schon die Eröffnung im Juli 1967. Stadtpräsident Sigmund Widmer liess sich entschuldigen, weil «der Stadtrat am Sonntag an keinen repräsentativen Pflichten Anteil nimmt».

1970 stand Weber vor grossen finanziellen Problemen. Ein Komitee mit bekannten Zeitgenossen bat die Stadt um eine Subvention über 280'000 Franken jährlich. Die Stadt erteilte ihr, so Weber, eine Abfuhr und wollte das Museum 1971 kaufen, was sie ablehnte. Im gleichen Jahr kandidierte sie kurz nach Einführung des Frauenstimmrechts für den Gemeinderat und wurde nach eigenen Angaben Opfer eines Wahlbetrugs. Die Wahl musste wiederholt werden. 1977 drohte die Stadt mit «der vorzeitigen Ausübung des Heimfallsrechts». Begründung: Sie verletze die Vertragsauflage, die Baute als Museum zu führen, da dieses für die Öffentlichkeit geschlossen sei. Weber schaltete einen Anwalt ein, die Stadt nimmt ihre Drohung zurück.

Drohgebärden der Stadt

Die folgenden zwei Jahre stellte Weber das Museum dem Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI), dem Forschungs- und Tagungsinstitut der Migros, unentgeltlich zur Verfügung, damit das Haus öffentlich zugänglich ist. Die Migros übernahm die Kosten für den Unterhalt und die Ausstellungen. Der zweijährige Mietvertrag wurde nicht verlängert, weil Weber das Nutzungskonzept nicht gefiel.

Von 1979 bis 1984 blieb das Centre Le Corbusier geschlossen, obwohl der Baurechtsvertrag einen öffentlichen Museumsbetrieb vorschreibt. 1984 sah Weber erneut ihr Werk bedroht, weil die Stadt unter Stadtpräsident Thomas Wagner prüfte, ob sie den Baurechtsvertrag missachte.

Anlässlich des 100. Geburtstags von Le Corbusier 1987 plante Weber drei grosse Ausstellungen mit Gesamtkosten von 650 000 Franken. Die Stadt versprach in einem Schreiben vom April 1985, einen Beitrag in der Höhe von 100 000 Franken im Rahmen eines Nachtragskredits zu prüfen. Geld erhielt sie keins. Weber schrieb der Stadt, sie fühle sich schikaniert und respektlos behandelt. Die Situation war vergiftet, die Korrespondenz lief über Anwälte. Zwei weitere Versuche der Stadt, das Corbusier-Haus zu übernehmen, scheiterten, schreibt Weber.

Im Mai 2009 ein erster Lichtblick. «Heidi Weber erhält das erste anerkennende Schreiben aus dem Stadthaus seit 42 Jahren», notiert «Eine brisante Geschichte». Die damals neue Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) zolle ihrer Leistung Respekt. «Mauch hat mich spontan im Museum besucht und einen Blumenstrauss gebracht. Das hat mich sehr gefreut», sagt Weber. Sie lobt auch Peter Haerle, den neuen städtischen Kulturchef. Haerle habe Gespür und Interesse für Le Corbusier.

Le Corbusier und die Schweiz

Laut Webers Aussagen belaufen sich die Betriebskosten inklusive der Versicherungsprämien für das Museum mit drei Ausstellungen pro Jahr auf 1,5 Millionen Franken. Dem stünden Einnahmen von 250'000 Franken gegenüber. Die ersten Betriebsjahre finanzierte sie aus dem Verkauf von Ölbildern, Grafiken und Lizenzeinnahmen aus der Le-Corbusier-Möbel-Produktion, später durch den Verkauf von Lithografien.

Weber führte Ende der 50er-Jahre die Galerie Mezzanin im Zürcher Neumarkt. 1957 entdeckte sie das künstlerische Schaffen von Le Corbusier in einer Wanderausstellung im Zürcher Kunsthaus und war sofort begeistert. Der Zürcher Architekt Willy Boesiger, Besitzer des Café Select, in dem Weber verkehrte, kannte Le Corbusier. Weber stellte den Kontakt her. Sie begann ab 1959 in ihrer Galerie im Auftrag von Le Corbusier dessen Gemälde, Zeichnungen und Wandteppiche zu verkaufen. Später übertrug er ihr auch die Lizenz, seine Möbel zu produzieren.

Le Corbusier erhielt von der Universität Zürich und der ETH die Ehrendoktorwürde verliehen, seine Ideen konnte er aber in Zürich nicht realisieren: Der Architekt machte in den 30er-Jahren Entwürfe für ein Mietshaus beim Zürichhorn, eine Wohnsiedlung beim Hardturm und für einen Neubau. Auf sein Heimatland war Le Corbusier nicht gut zu sprechen. Als ihm Weber im April 1960 während eines Spaziergangs durch die Parkanlagen beim Zürichhorn die Idee für ein Museum vorschlug, reagierte er abweisend: «Für die Schweizer tu ich überhaupt nichts mehr; sie waren noch nie nett mir gegenüber.» Doch Heidi Weber liess nicht locker und überzeugte Le Corbusier, das Museum zu bauen. Für Weber hat er nichts von seiner Faszination verloren. «Le Corbusier rettete mich vor der Umwelt und gibt mir auch heute noch Kraft.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.08.2013, 07:01 Uhr

Dieses Haus tut Zürich gut

Ein Kommentar von Res Strehle

Zürich hat nicht viele vorzeigbare baugeschichtliche Zeugen der Moderne. Gut, es gibt die Fassadenfront am Bellevue, aber sie ist ein eher abschreckendes Beispiel dafür, wie klassische Fassaden ersetzt wurden durch neue Nüchternheit. Die neuen Materialien waren offenkundig keine Garanten für neue Qualität. Es braucht einen Kopf dahinter.

Von daher ist das Heidi-Weber-Haus von Le Corbusier an der Höschgasse ein Glücksfall. Es wurde 1967 nach Plänen des grossen Schweizer Architekten Charles-Edouard Jeanneret alias Le Corbusier erbaut und ist kurz nach seinem Tod auch eine Art Vermächtnis geworden: das einzige Haus von ihm in der Deutschschweiz, das einzige Haus von ihm aus Stahl und Glas. Haus und Einrichtung zeigen den Neuenburger Architekten als formbewussten Ästheten und sind bis heute ein attraktiver Anziehungspunkt für Touristen aus aller Welt.

Es gab nur ein Problem: In den fünfzig Jahren seines Bestehens war das Haus die meiste Zeit verschlossen. Die Zürcher Galeristin Heidi Weber hatte zwar den Bau auf höchst verdienstvolle Weise geplant und realisiert, aber sie hatte danach nicht die finanziellen Mittel, das Haus öffentlich zugänglich zu machen. Später gab es verschiedentlich Versuche, das Gebäude über eine eng begrenzte Zeit am Wochenende hinaus zu öffnen: 1968, als Eltern der aufbegehrenden Jugend hier das Zürcher Manifest gründeten. Oder Ende der 70er-Jahre, als das Gottlieb-Duttweiler-Institut den Ort zu einem Treffpunkt von Bürgerinitiativen und Gemeinschaftsaktionen machen wollte.

Gemäss Baurechtsvertrag wird das Haus im kommenden Mai an die Stadt übergehen. Das ist für Zürich und seine Touristen eine grosse Chance: Le Corbusier nicht nur von aussen, sondern auch von innen. Und auch das Zürichhorn am Stadtausgang Richtung Goldküste wird um eine Attraktion reicher: neben Kinderspielplatz, Blatterwiese, See und Chinagarten ein öffentlich zugänglicher Ort der Reflexion und des Staunens über Farbe und Form. In diesem Sinne ist zu hoffen, dass sich die Stadt und Heidi Weber rasch einigen. Im Sinne eines Anliegens des Schöpfers dieses Bauwerks: «Man muss sehen, was man sieht.»

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