«Die Tage werden intensiver für alle, die mit Patienten arbeiten»

Pflegende haben die Arbeitsbedingungen in Zürcher Spitälern und Heimen in einem Schwarzbuch angeprangert. Der Pflegedirektor des Stadtspitals Waid bestätigt den zunehmenden Druck.

«Das teure Spital soll nur so lange wie wirklich nötig beansprucht werden»: Waid-Pflegedirektor Lukas Furler.

«Das teure Spital soll nur so lange wie wirklich nötig beansprucht werden»: Waid-Pflegedirektor Lukas Furler. Bild: Dominique Meienberg

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Sie stehe immer mit einem Bein im Gefängnis, beschreibt eine Pflegefachfrau ihre Arbeitssituation. Zeitdruck führt zu mehr Fehlern. Sind Patienten im Spital heute nicht mehr sicher?
Die Situation ist nicht neu und ist für alle Gesundheitsprofis dieselbe: Wenn man mit Menschen arbeitet, haben Fehler gravierende Konsequenzen. Wir haben keine verlässlichen Daten, ob Fehler zugenommen haben. Schon vor dreissig Jahren, als ich als Krankenpfleger anfing, passierten immer wieder Fehler – nur redete man kaum darüber. Seit etwa zehn Jahren hat sich ein Fehlerbewusstsein entwickelt. Man steht dazu. In vielen Betrieben gibt es Fehlermeldesysteme, auch im Waidspital.

Und was stellen Sie fest? Häuften sich die Pflegefehler in den letzten zwei Jahren?
Nein, das kann ich nicht bestätigen. Auch bei den Haftpflichtfällen gibt es keine Häufung.

Die Pflegenden beklagen eine «brutale Geschwindigkeit». Sterbe ein Patient, stehe zwei Stunden später schon der nächste Notfall im Zimmer. Ist dieses Tempo nötig?
In den letzten Jahren ist die Aufenthaltsdauer im Spital gesunken, jedes Jahr ein wenig, insgesamt um mehrere Tage. Das führt dazu, dass ein Patient nur in der intensiven Phase da ist, die Erholung findet anderswo statt. Die Tage werden intensiver für alle, die mit den Patientinnen und Patienten arbeiten. Es läuft alles viel schneller, die Fälle sind komplex, und auch die Ansprüche der Kunden sind gestiegen. 2012, wenn die Fallpauschalen eingeführt werden, wird sich diese Entwicklung noch steigern.

Ist das überhaupt noch möglich?
Ja. Das zeigt die Erfahrung in Deutschland, wo die Fallpauschalen 2004 eingeführt wurden. Dort bleiben die Patienten der Chirurgie drei Tage weniger lang als bei uns.

Das heisst, das Personal muss noch effizienter arbeiten?
Die Zürcher Spitäler haben in den vergangenen Jahren bewiesen, dass Effizienzsteigerungen möglich sind. Einmal ist die Zitrone ausgepresst.
Wir können die Prozesse weiter optimieren. Zum Beispiel die Medikamentation: Den Ablauf von der Verordnung bis zum Schlucken der Pillen kann man vereinfachen. Die Lagerhaltung erfolgt heute noch immer manuell, eine automatisierte Lagerhaltung und Verteilung wäre wirtschaftlicher. In anderen Bereichen sind Effizienzsteigerungen aber nicht möglich, namentlich in der Körperpflege.

Also braucht es auch mehr Personal?
Im Waidspital haben wir mehr Stellen geschaffen, denn der durchschnittliche Pflegeaufwand ist kontinuierlich gestiegen. Einer Aufstockung sind allerdings enge Grenzen gesetzt, denn wir stehen unter einem wirtschaftlichen Druck. Im Schwarzbuch der Pflegenden forderte jemand, das System solle entschleunigt werden. Das wird sicher nicht der Fall sein. Die Entwicklung, die bei uns schon ohne Fallpauschalen lief, wird sich fortsetzen. Unser Fokus wird sein, dies möglichst gut abzufedern. Bei den Abläufen liegt noch etwas drin, und da und dort muss man mehr Personal einsetzen.

Vor allem abends müssen Patienten oft auf Pflege wie Umlagern oder Mobilisation verzichten, weil wenig Personal eingeteilt ist. Das stellen nicht nur Pflegende fest, sondern auch Patienten.
Rushhour im Spital ist zwischen 7 und 16 Uhr. Dann finden die meisten Untersuchungen, Therapien, Operationen und Visiten statt. Auch die Körperpflege wird in dieser Zeit gemacht. Dann ist am meisten Personal im Einsatz. Am Abend wird der Bestand drastisch heruntergefahren. Das ist ein ausgeklügeltes System. Es kann vorkommen, zum Beispiel wenn es viele Notfälle gibt, dass zu wenig Personal da ist. Die Pflegenden müssen in solchen Situationen Prioritäten setzen. Ergänzend haben wir einen Pool mit Leuten, die kurzfristig einsetzbar sind, wenn irgendwo Not an der Frau ist.

Die Leute würden verheizt, heisst es. Weil der Stellenplan sehr eng sei, würden sie immer öfter aus der Freizeit aufgeboten. Ist das normal?
Es wird mehr Flexibilität verlangt als früher, das stimmt. Eben genau darum, weil wir die Sicherheit und das Wohlgefühl der Patientinnen und Patienten gewährleisten wollen. Ich hoffe aber, dass das Beispiel im Schwarzbuch, wo jemand aus den Ferien bestellt wird, nicht aus dem Waidspital stammt. In den Ferien sollen die Mitarbeitenden nicht gestört werden. Zuerst rufen wir jene Pflegenden an, die nur ein kleines Fixpensum haben, 20 oder 40 Prozent.

Vor elf Jahren haben die Pflegenden gestreikt. Schon damals standen sie unter Druck, weil akuter Personalmangel herrschte. Höhere Löhne haben die Lage entschärft. Sind wir jetzt wieder gleich weit?
In den 90er-Jahren war die Situation gravierender. Nicht weil die Budgets zu klein waren, sondern weil wir nicht genügend Personal fanden, um die Stellen zu besetzen. Ab 2002 wurde es besser. Ob wegen der höheren Löhne, weiss ich nicht. Sicher ist, dass wir mehr Leute ausbildeten. Wir stellten weniger Personal aus Deutschland an, und in der Folge ging die Fluktuation zurück auf ein nie gekanntes Niveau. In den 90er-Jahren lag sie im Waidspital beim Pflegepersonal bei über 30 Prozent, nun schwankt sie zwischen 16 und 19 Prozent. Derzeit ist sie wieder am Steigen.

Weshalb?
Das hat mit der Belastung zu tun, aber auch mit der Wirtschaftslage. Je besser diese ist, desto weniger wollen in die Pflege, das war schon immer so.

Die Aktion Gsundi Gsundheits-politik, welche die alarmierenden Berichte veröffentlicht hat, konstatiert einen wichtigen Unterschied zum Pflegeprotest der Jahrtausendwende: Die Pflegenden fühlen sich heute von ihren Vorgesetzten im Stich gelassen. Sie würden das Personal teilweise sogar auffordern, schlechtere Arbeit zu leisten.
Das ist echt krass. Ich bezweifle, dass dieser Zustand flächendeckend ist, dass sich die Vorgesetzten nicht fürs Befinden und die Arbeit der Angestellten interessieren. In den letzten Jahren hat sich aber schon etwas verändert: Vorgesetzte sind im Sandwich, denn sie müssen sich heute auch mit wirtschaftlichen Fragen befassen. Das ergibt eine Schere zwischen dem, was man will, und dem, was man kann – vor allem auf der Stufe der Station.

Was sind die wichtigsten Gründe für den zunehmenden Druck?
Den Hauptgrund habe ich bereits genannt: die kürzere Aufenthaltsdauer. Das teure Spital soll nur so lange beansprucht werden, wies wirklich nötig ist.

Das Universitätsspital bekommt zudem das Sparprogramm des Regierungsrates zu spüren und muss jetzt Stellen abbauen. Wie ist das im Waidspital?
Verschiedene Sparprogramme von Stadt und Kanton führten immer wieder zu Druck. In der Regel konnten wir sie aber bewältigen. Wir haben in den letzten Jahren kein Personal abgebaut. Dieses Jahr müssen wir in der Weiterbildung sparen, weil das Zürcher Stadtparlament das Budget zurückgewiesen hat. Das bedeutet weniger Wertschätzung fürs Personal und schmerzt auch mich persönlich. Es ist aber eine ausserordentliche Massnahme, die 2012 wieder entfallen sollte.

Wie stark absorbiert der Papierkram die Pflegenden? Patientinnen beobachten, dass diese oft länger am Computer sitzen als am Bett stehen.
Das ist sehr plakativ und stimmt so nicht. Als wir im Waidspital die elektronischen Patientendossiers einführten, haben wir vorher und nachher eine Zeiterhebung gemacht. Es zeigte sich, dass der tägliche Aufwand für Dokumentation und Information etwa gleich geblieben ist. Früher sass man stundenlang zusammen am Übergaberapport und las vor, was man zu jedem Patienten aufgeschrieben hatte. Heute gibt es keine langen Rapporte mehr, dafür brauchen die Pflegenden mehr Zeit, um die Dossiers zu lesen.

Und was ist mit all den Konzepten und Qualitätsprogrammen, die laufend entwickelt werden?
Der administrative Aufwand hat in den letzten 20 Jahren sicher zugenommen. Zum Beispiel haben wir heute ein Meldesystem für kritische Zwischenfälle; diese müssen in den Computer eingegeben werden. In der Waid erfassen wir zudem jeden Sturz. Daraus können wir später Vorsorgemassnahmen ableiten. Es ist also eine sinnvolle Sache.

Eine Personalberaterin eines grossen Stellenvermittlungsbüros in Zürich stellt zunehmend Burn-outs bei Pflegenden fest. Stimmt dieser Eindruck?
Auch bei uns gibt es Burn-outs. Dass sie zugenommen habe, kann ich aber statistisch nicht feststellen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.05.2011, 21:36 Uhr

Der Pflegedirektor

Lukas Furler ist Vizedirektor und seit 20 Jahren Leiter Pflegebereich im Zürcher Stadtspital Waid. Zudem präsidiert er den Branchenverband für die Berufsbildung im Gesundheitswesen (Organisation der Arbeitswelt Gesundheit).

Schwarzbuch

Wie steht es um die Pflege in den Zürcher Spitälern?

Die Aktion Gsundi Gsundheitspolitik (AGGP) hat kürzlich ein Schwarzbuch veröffentlicht, in dem Pflegende ihren Alltag in Zürcher Spitälern in düsteren Farben schildern. Der Zeitdruck sei bisweilen so gross, dass eine sichere Pflege nicht mehr möglich sei. Fehler häuften sich, Leute würden verheizt und von ihren Vorgesetzten nicht unterstützt.

Der Verband Zürcher Krankenhäuser stellt dies in Abrede. Die Darstellung der AGGP kontrastiere «scharf» mit den Mitarbeiterumfragen und den systematisch erhobenen Einschätzungen von Patientinnen und Patienten, schreibt der Verband in einer Medienmitteilung. Der Kanton Zürich sei Vorreiter der Qualitätsmessung und -sicherung im Schweizer Gesundheitswesen. Die regelmässigen Patientenbefragungen zeigten durchgängig eine hohe Zufriedenheit mit den öffentlichen Zürcher Spitälern. Der Verband verspricht, dass diese auch unter dem neuen System der Fallpauschalen keine «kurzsichtigen Sparübungen auf dem Buckel des Personals» durchführen werden. Man werde besonders darauf achten, «den Pflegenden die Aufmerksamkeit und Wertschätzung zukommen zu lassen, die sie verdienen». (an)

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