Die Tücken des «Wildschweinmanagements»

Säugende Bachen dürfen nicht geschossen werden. Das fordert den Jäger und beunruhigt den Bauern.

Etwa 600 Wildsäue leben im Kanton Zürich, nur sieht man sie kaum. Foto: Keystone

Etwa 600 Wildsäue leben im Kanton Zürich, nur sieht man sie kaum. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dem Landwirt Hans Egli liegen die Kühe am Herzen wie dem Kantonsrat Hans Egli die Jäger. Der EDU-Parlamentarier aus Steinmaur ist der politische Schutzpatron der Zürcher Waidmänner. Er wirkt mit Anfragen und Motionen, die alle das Gleiche wollen: emsige Jäger und intakte Felder. Die Wildschweinjagd dürfe nicht mit praxisfernen Vorschriften behindert werden, weil den Bauern sonst mehr Flurschaden entstehe. 480 Wildschweine wurden 2013 geschossen, 1476 im Jahr zuvor.

Eglis jüngste Sorge gilt einer neuen Verfügung der Fischerei- und Jagdverwaltung vom 1. Juli 2013, worin steht: «Der Abschuss von führenden Bachen, auch wenn sie nicht in Begleitung ihrer Frischlinge erscheinen, ist nicht erlaubt.» Die alte Formulierung lautete: «Der Abschuss von erkennbar führenden Bachen . . .» Der Jäger soll also auch in der Dämmerung erkennen, ob die Wildsau eine säugende Mutter ist, selbst wenn die Jungen in der Deckung liegen.

Milch im Dunkel

Für Kantonsrat Egli ist die neue Formulierung eine unnötige Verschärfung der Jagdregeln. Sie verunsichere und kriminalisiere die Jäger, was letztlich zum Verzicht auf die Wildschweinjagd führe. Sie sei dermassen problematisch, «dass selbst prominente Jäger Fehlabschüsse haben.» Zur Illustration des Problems zitiert Egli eine frühere Antwort des Regierungsrates: Ob eine Bache säugt, sei am «laktierenden Gesäuge» erkennbar. «Ob ein Gesäuge laktierend ist, kann insbesondere in der Dämmerung nur schwer festgestellt werden. Die Gefahr eines Fehlabschusses ist deshalb gross.» Die Kompetenz des Regierungsrates ist in diesem Fall ebenfalls gross, gehört die Jagdverwaltung doch zur Baudirektion von Regierungsrat Markus Kägi (SVP) – einem erfahrenen Jäger.

Allen Schwierigkeiten beim Unterscheiden zum Trotz – «ein Muttertier bleibt ein Muttertier», antwortet die Regierung auf Hans Eglis Anfrage. Es sei klar, dass die Zürcher Jägerschaft unter hohem Druck seitens der Landwirtschaft stehe und dass es zu Fehlabschüssen kommen könne. Diesem Umstand wird jedoch Rechnung getragen, indem die zuständige Fachstelle jeden Fall prüft und entscheidet, ob es sich um einen Bagatellfall, einen fahrlässigen oder grobfahrlässigen Vorfall handelt. 2013 wurden zwei Abschüsse als grobfahrlässig eingestuft und beim Statthalter angezeigt. 2012 waren es fünf gewesen, 2011 drei. Fahrlässige Schüsse werden mit einem Verweis geahndet, und den Wildbreterlös erhält nicht der Schütze, sondern der Wildschadenfonds. Wie viele Fehlabschüsse es im letzten Jahrzehnt gab, ist nicht bekannt, da die Bagatellfälle nicht registriert werden. Keinem Jäger wurde der Jagdpass entzogen.

650 Abschüsse pro Jahr

Im Kanton Zürich leben etwa 500 bis 600 Wildschweine, die allermeisten im Unterland nördlich der A 1. Wobei das eine Schätzung ist; die Tiere sind weiträumig unterwegs und können nicht exakt gezählt werden. In 100 Revieren werden sie bejagt, 650 wurden im Schnitt der letzten zehn Jahre erlegt. Für den Regierungsrat hat sich die «Schwarz-wild-Bejagungsstrategie» bewährt, konnten die Bestände doch stabilisiert und damit die Flurschäden in den Kulturen «tragbar» gehalten werden. Geschossen werden in erste Linie Frischlinge und «Überläufer» – Wildschweine im zweiten Altersjahr.

Wildschweine leben in Rotten mit einer Leitbache und mehreren Töchtern. Da sie zur Freude des Ebers alle zur selben Zeit «rauschig» werden, können im Frühling zwei bis drei Dutzend Frischlinge hinzukommen. Sie dürfen – solange gestreift – auch in der Schonzeit geschossen werden. Dauernde Schonung geniesst die Leitbache, um die Rottenstruktur nicht zu stören. «Das Magazin» schrieb in einer grossen Wildschwein­reportage: «Verliert eine Rotte durch Unfall oder den unbedachten Schuss eines Jägers die Leitbache, bricht Chaos aus. Die buchstäblich «kopflos» gewordene Rotte wird zur marodierenden Bande, überfällt ungeachtet jeder Gefahr die nächstbesten Kulturen oder verirrt sich auf stark befahrene Strassen.»

Wildschweine in Rotte sind nicht nur fruchtbar, sondern auch schlau und lernfähig. Um die nachtaktiven Tiere dennoch dezimieren zu können, wurden den Jägern zahlreiche Freiheiten gewährt: verkürzte Schonzeit, Schusserlaubnis Richtung Wald, künstliche Lichtquellen, Sonntagsjagd, zusätzliche Jagden mit Treibern. Der Kantonsrat hat Nachtzielgeräte bewilligt, und das Bundesamt für Umwelt gar ein «Wildschweinmanagement» verfasst. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.11.2014, 23:21 Uhr

Artikel zum Thema

Wildschweine treiben Aargauer Jäger zur Verzweiflung

Da warf eine Jagdgesellschaft die Flinte entnervt ins Korn: Die Schwarzwildjagd im Kanton Aargau wird immer aufwendiger. Zumindest teilweise sind daran aber auch die Gesetze schuld. Mehr...

Warum die Wildschweine kommen

Video In der Nähe von Städten tauchen immer öfters Wildschweine auf. Ein Experte nennt die drei Gründe. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Neue Perspektiven der Schweiz erleben

Die Air Zermatt AG und der Autovermieter Hertz sorgen für eine sichere und erlebnisorientierte Mobilität, die neue Perspektiven eröffnet.

Kommentare

Blogs

Tingler Dummheit als Ware

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Reif für die Insel: Die philippinische Insel Boracay ist wieder für Touristen geöffnet. Sie war wegen Umweltprobleme geschlossen worden. Viele Hotels und Geschäfte sollen ihr Abwasser samt Fäkalien jahrelang ins Meer geleitet haben. Hier ist die vulkanische Formation Williy's Rock auf der Insel zu sehen. (16. Oktober 2018)
(Bild: EPA/Mark R. Cristino) Mehr...