Die Würde muss gewahrt bleiben

Zürich-Redaktorin Liliane Minor über die Grenzen der Suizidprävention in Haft.

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Am Freitag hat sich Natalie K., die am Neujahrstag in Flaach ihre zwei Kinder tötete, im Bezirksgefängnis Zürich das Leben genommen. Obwohl sie schon mehr als einen Selbstmordversuch hinter sich hatte und in einem Brief offen Suizidgedanken äusserte, blieb sie in ihrer Zelle lange genug allein, um Hand an sich zu legen. Das macht betroffen.

Natalie K. ist nicht allein. Pro Jahr nehmen sich in Zürcher Gefängnissen bis zu fünf Häftlinge das Leben. Auch das macht betroffen.

Die Fragen liegen auf der Hand: Kann der Staat die Menschen, die er zwangsweise in Obhut nimmt, nicht genügend schützen? Tut er alles, um Gefangene vor dem letzten Ausweg zu bewahren? Oder anders formuliert: Wie viel Mitschuld trägt er, wenn sich ein Mensch im Gefängnis das Leben nimmt?

Der Staat muss sich seiner Verantwortung stellen. Das müssen aber auch wir als Gesellschaft.

Das sind ganz heikle ethische Fragen. Wie auch immer der Staat handelt, er tangiert zentrale Grundwerte. Einerseits hat der Staat ganz klar eine erhöhte Fürsorgepflicht für Gefangene. Er hat alles zu ihrem Schutz zu unternehmen – dazu gehört in einer akuten Krise auch der Schutz vor sich selbst.

Auf der anderen Seite steht das Recht eines jeden Menschen auf Selbstbestimmung, das, in Grenzen, auch in der Haft gilt. Kommt ein Mensch nach einer schrecklichen Tat zum Schluss, mit seiner Schuld nicht mehr leben zu wollen, ist es dann wirklich an uns, am Staat, zu sagen: Du musst aber weiterleben? Ist das an sich nicht schon unmenschlich? Einmal ganz abgesehen von den Mitteln, die physisch nötig wären, um jemanden auf Dauer von einem Suizid ­abzuhalten: Man müsste die Person festbinden. Oder dauernd überwachen. Oder in Papierwäsche in eine leere Zelle stecken. Aber ist das mit der Würde des Menschen vereinbar? Darf ein Suizid um den Preis der Würde verhindert werden?

Das heisst nicht, dass die Umstände von jedem einzelnen Suizid in Haft nicht untersucht werden müssen. Der Staat muss sich seiner Verantwortung stellen. Das müssen aber auch wir als Gesellschaft. Der Mensch hat ein Recht zu leben. Aber er hat auch ein Recht auf Würde. Und ein Recht zu sterben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2015, 23:25 Uhr

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