Die Zähe

Carmen Walker Späh hat Niederlagen erlitten und musste in der eigenen Partei untendurch. Doch die Freisinnige ist hart wie Gotthard-Granit und lässt sich nicht unterkriegen. Jetzt setzt sie zum grossen Sprung an.

Ihr Herz schlägt für Frauen sowie für KMU im Allgemeinen und die Baubranche im Speziellen: Carmen Walker Späh in der Traditionsfirma Glas Mäder im Zürcher Kreis 4. Foto: Urs Jaudas

Ihr Herz schlägt für Frauen sowie für KMU im Allgemeinen und die Baubranche im Speziellen: Carmen Walker Späh in der Traditionsfirma Glas Mäder im Zürcher Kreis 4. Foto: Urs Jaudas

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Dass Carmen Walker Späh zum Filmstar wird, ist – trotz Glamour-Frisur – eine übertriebene Prognose. Aber sie tritt in einem Film auf. Und der wird zur Prime­time im Schweizer Fernsehen ausgestrahlt, wenn auch erst nach den Wahlen vom 12. April. Der Dokumentarstreifen handelt von Emilie Kempin-Spyri, der ersten Frau, die Ende des 19. Jahrhunderts in der Schweiz Recht studieren durfte. Walker Spähs Auftritt leuchtet aufgrund der Parallelen im Leben der beiden Frauen ein. Die Nichte der Heidi-Autorin Johanna Spyri war Zürcherin, Juristin und musste kämpfen, um ihre Ziele zu erreichen. Der grösste Wunsch wurde Kempin-Spyri aber verwehrt, und hier hören die Parallelen auf. Im Gegensatz zur ersten Schweizer Juristin durfte Walker Späh Anwältin werden, und natürlich durfte sie ihre eigene Kanzlei eröffnen.

Das Thema Frauen spielt in Walker Spähs Leben eine grosse Rolle. Sie heiratete 1988, im ersten Jahr des neuen Namensrechts. Es sei ihr und ihrem Ehemann, dem späteren Stadtzürcher Gewerbeverbandspräsidenten Richard Späh, «völlig klar» gewesen, dass sie den umständlichen Doppelnamen mit dem «Mädchennamen» voraus annimmt. Im gleichen Jahr heuerte sie beim Winterthurer Baudepartement an und durfte, als ihr erster von drei Söhnen auf die Welt kam, trotz Kaderstelle Teilzeit arbeiten – auf Spezialbeschluss des Stadtrats. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist eines der Hauptanliegen von Walker Späh. Deshalb ist sie überzeugte Befürworterin von Tagesschulen, fordert mehr Krippenplätze und setzt sich für den Steuerabzug von Fremdbetreuungskosten ein. Als einen der grössten Erfolge in diesem Zusammenhang bezeichnet Carmen Walker Späh, dass sie als Präsidentin der FDP-Frauen im Juni 2012 die FDP Schweiz auf diese Linie gebracht hat. «Die Zeichen der Zeit wurden verstanden: Frauenpolitik ist Wirtschaftspolitik», bilanziert sie heute.

Kurz danach folgte aber eine der grössten Niederlagen. Ihr Ruf nach einer 30-Prozent-Frauenquote in den Teppich­etagen der öffentlichen Verwaltungen verärgerte das Parteiestablishment und kostete sie die Stadtratskandidatur zur Nachfolge von Martin Vollenwyder. Die städtische FDP bevorzugte Marco Camin und fuhr prompt die grösste Schlappe ihrer Geschichte ein: Statt eines Frei­sinnigen wurde der Linksalternative ­Richard Wolff gewählt.

Von der Partei desavouiert

Walker Späh machte eine schwierige Zeit durch. Schon zuvor hatte sich gezeigt, dass die zierliche, ja fast zerbrechlich anmutende Frau, die zum Studium aus dem Urnerland weggezogen war, in Zürich keine Heimbasis hat. Gegen Beat Walti hatte sie im Kampf ums Parteipräsidium keinen Stich. Auf den Nationalratslisten wurde sie nach hinten durchgereicht, im Kantonsrat durfte sie trotz grosser Fachkenntnis «ihre» Kommission für Planung und Bau (KPB), in der sie seit 2003 sitzt, nie präsidieren. Auch wurde sie nicht Fraktionspräsidentin, obwohl sie Vizepräsidentin gewesen war. Carmen Walker Späh aber reagierte stets gleich. Sie stand wieder auf und kämpfte weiter. Mit voller Energie.

Dieser Charakterzug wird links wie rechts bewundert. Das geht so weit, dass auch politische Gegner ihr die Wahl in den Regierungsrat gönnen würden. Dies, obwohl sie als Gegnerin gilt, die ihre Interessen hartnäckig – manche sagen: stur – durchzusetzen sucht. So gefällt den Linken nicht, wie sich Walker Späh gegen das Verbandsbeschwerderecht oder gegen den Abbau einer Autospur am Sechseläutenplatz eingesetzt hat. In Verkehrsfragen und insbesondere zu ihrem «Kind», dem Waidhaldetunnel unter der Rosengartenstrasse, sind die Duelle zwischen Walker Späh und ihren linken Kontrahenten episch. Diese nehmen ihr besonders übel, dass sie den Gesetzes­paragrafen ausgegraben hat, der es dem Kanton erlaubt, der Stadt Zürich Strassenprojekte aufzuzwingen.

Mehr Freude an Walker Späh hat die Baubranche. Denn der Bau und KMU sind neben Frauen- und Verkehrsfragen ihr bevorzugtes Terrain. Das ergibt sich aus ihrer Biografie und beruflichen Ausrichtung als Baujuristin. Gegner nennen sie unzimperlich «Beton-Carmen». Martin Geilinger, Ex-Kantonsrat der Grünen, sagt: «Sie ist eine klare Interessenvertreterin der Bauwirtschaft. In diesen Themen ist sie unbeweglich.» Bei anderen Fragestellungen lasse sie viel eher mit sich reden. Das langjährige Mitglied der Baukommission meint, in Energiefragen sei Walker «fortschrittlicher als ihre Fraktion». Ex-SP-Kantonsrätin Monika Spring attestiert Walker Späh, für Argumente empfänglich und fallweise kompromissbereit zu sein. So habe sie im See-uferstreit einen tauglichen Vorschlag gemacht, auch wenn sich dieser nicht durchgesetzt habe. Doch auch das frühere KPB-Mitglied Spring spricht von einer «harten Nuss» in Bau- und Verkehrsfragen . Zudem sei Walker Späh schnell persönlich betupft. Selber ziele Walker Späh aber nie auf die Person, sagt KPB-Präsident Pierre Dalcher (SVP). Vielmehr gehe sie stets respektvoll mit anderen um. Gleichzeitig sei sie in der Lage, ein Anliegen durchzubringen, sei es direkt über einen Vorstoss oder indirekt über Lobbyarbeit. Dalcher traut Walker Späh das Regierungsamt zu. Er hat den Eindruck, dass sie jüngst sehr auf dieses Amt fokussiert und bei ihrer politischen Arbeit etwas egoistischer und ehrgeiziger geworden ist.

Sachlich statt jovial

Tatsächlich wirkte die Kandidatin bei Wahlkampfauftritten mitunter angespannt. Während Mitkonkurrenten mit Humor oder träfen Sprüchen zu punkten versuchen, bleibt Walker Späh stets der Sache verpflichtet. Das demonstriert ihre Seriosität und Abneigung gegenüber billigem Applaus. Die Frau besticht lieber durch eine gut getimte Spitze als durch flapsige Kommentare.

Dass ihr viele Leute derzeit sagen, sie werde locker gewählt, irritiert Carmen Walker Späh. Hier mag ihre «Verletzungsgeschichte» eine Rolle spielen. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass sie am 23. April um 20 Uhr ganz entspannt den Fernseher anknipsen und sich den Kempin-Spyri-Dokufilm ansehen kann.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2015, 21:20 Uhr

Carmen Walker Späh

FDP-Kantonsrätin

Carmen Walker Späh ist relativ spät in die Politik eingestiegen. Erst 1995, als 37-jährige dreifache Mutter, trat sie der FDP bei. Fünf Jahre später war sie Verfassungsrätin, 2002 rutschte sie in den Kantonsrat nach. Seit zwölf Jahren ist sie Mitglied der Kommission für Planung und Bau (KPB). Walker Späh entstammt einer Urner Architektenfamilie und hat einen Architekten geheiratet. Noch bevor sie das Anwaltspatent in der Tasche hatte, war sie Sekretärin der Baurekurskommissionen (heute: Baurekursgericht). Darauf arbeitete sie als Stv. Amtsleiterin und Leiterin Rechtsdienst im Winterthurer Baudepartement. Seit 2000 hat sie eine eigene Kanzlei mit Schwerpunkt Baurecht und beschäftigt fünf Frauen. Die 57-Jährige wohnt in Zürich-Wipkingen und sammelt gerne Pilze.(pu)

Sieben Fragen

Was denken Sie, wenn Sie eine Frau mit Burka sehen?
Geht es mir gut, dass ich meine Kleidung selber aussuchen kann!

Wann sind Sie geizig?
Wenn es darum geht, Lebensmittel wegzuwerfen. Genügend Essen zu haben, ist ein hohes Privileg und verdient mehr Respekt – auch den Produzenten und der Landwirtschaft gegenüber.

Geben Sie einer Bettlerin am Hauptbahnhof Zürich Geld?Eher selten, es kommt aber hie und da vor.

Sollen homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen?
Ja. Ich bin gegen jegliche Diskriminierung und befürworte daher die Zivilehe für gleichgeschlechtliche Paare genauso wie die Möglichkeit, Kinder adoptieren zu dürfen. Das ist die logische Konsequenz meiner liberalen Ausrichtung. Aber es wird noch viel Überzeugungsarbeit erfordern.

Haben Sie eine Ferienwohnung, wenn ja, wo?
Meine Schwiegereltern haben vor Jahrzehnten ein Haus im Bündnerland gebaut, das nun meinem Mann gehört.

Möchten Sie selbst bestimmen können, wann Sie sterben?
Ja, zum Selbstbestimmungsrecht gehört auch, diesen letzten Entscheid fällen zu können. Unsere hochtechnisierte Medizin ist ein grosser Segen. Doch die Technik darf nicht für uns entscheiden.

Wann haben Sie das letzte Mal gelogen und weshalb?
Lügen ist für mich keine Option. Das erwarte ich auch von meinem Gegenüber.

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