Die Zürcher Binz-Besetzer brüskieren Winterthurer Kreative

Die «Familie Schoch» will ihren Freiraum verteidigen – und verschandelt mit einer Graffiti-Aktion ausgerechnet ein Areal von Künstlern und Kleinfirmen in Winterthur.

Einer von mehreren gesprayten Slogans auf dem Lagerplatz-Areal in Winterthur.

Einer von mehreren gesprayten Slogans auf dem Lagerplatz-Areal in Winterthur. Bild: Sabina Bobst

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Als die Velomechaniker, Musiker und Architekten nach den Weihnachtsferien in ihre Werkstätten und Ateliers zurückkehrten, erwartete sie eine unangenehme Überraschung: Jemand hatte ihr Areal am Winterthurer Lagerplatz mit gesprayten Slogans eingedeckt. «Architekten sind Mörder», heisst es an den Wänden der früheren Sulzer-Hallen, «mit Beton macht me Gäld», und immer wieder: «Binz bleibt Binz».

Für die dort Ansässigen macht das alles keinen Sinn. Ivan Engler ist einer von ihnen, man kennt ihn als Kopf hinter dem Schweizer Sciencefiction-Film «Cargo»: «Ich habe mich persönlich angegriffen gefühlt.» Am Lagerplatz sei eine Gemeinschaft am Werk, die sich seit Jahren für alternativen Wohn- und Arbeitsraum einsetze. Die Sprayereien seien kein politisches Statement, sondern einfach nur dumm. «Wir verstehen nicht, warum unser schönes Areal derart verschandelt wird», sagt Peter Wehrli, Präsident des Arealvereins Lagerplatz. «Diese Aktion ist völlig inhaltlos. Damit verspielt die ‹Familie Schoch› jeden Kredit.»

Besitzer erstatten Anzeige

Gemeint ist damit jene Gruppe von rund 50 Aktivisten, die in Zürich das Binz-Areal besetzt und die Fabrikhallen zu einer überdachten Piratenstadt umgebaut hat. Der Kanton Zürich, dem das Gelände gehört, will es Ende März räumen lassen, um den Boden von Altlasten zu befreien. Danach, so der Plan, wird die alternative Basler Pensionskassen-Stiftung Abendrot darauf Studenten- und Personalunterkünfte für das Unispital bauen lassen. Hier liegt die Verbindung nach Winterthur: Die Stiftung hatte 2009 das Lagerplatz-Areal erworben, um es mit den bereits ansässigen Kleingewerblern zu entwickeln. Die Zusammenarbeit funktionierte; heute sind um den Lagerplatz 100 Kleinfirmen angesiedelt – vom Spengler bis zum Backpacker-Hostel. «Die Stiftung Abendrot ist für uns ein sehr angenehmer Partner – das Gegenteil einer Abzockerfirma», sagt Vereinspräsident Peter Wehrli.

«Wir werden gegen die Sprayer Anzeige erstatten», sagt Klara Kläusler von der Stiftung Abendrot. Mit den Sprayereien hätten die Besetzer komplett neben das Ziel geschossen: «Der Lagerplatz ist ja gerade ein Vorbildprojekt; es bietet bezahlbare Räume für Kleingewerbler und Künstler.» Die Schriftzüge will die Stiftung schnell entfernen lassen. Wie viel das kosten wird, weiss Kläusler noch nicht: «Wir müssen erst schauen, was sich abwaschen lässt.» Schwierig zu reinigen seien vor allem die alten Backsteinmauern.

Mit Schochs Gespräch gesucht

Kläusler sagt, beim Aufgleisen der Überbauung auf dem Binz-Areal habe man versucht, die Besetzer an Bord zu holen. Unter Umständen wäre es möglich gewesen, sie ins Projekt einzubinden. «Aber unsere Vorstellungen lagen zu weit auseinander. Schochs wollten nicht mit sich reden lassen.»

Familie Schoch war gestern nicht erreichbar. In einer E-Mail an Ivan Engler distanziert sich ein «Hr. Schoch» von den Sprayereien: Sie stammten nicht von den Besetzern, andere hätten sie als Zeichen der Unterstützung gemacht. Damit spielt Schoch auf den Aktionsmonat an, zu dem die Binz-Bewohner im Dezember aufgerufen hatten; wer sich solidarisch zeigen wollte, war aufgefordert, seinen Support mit Postern, Musik oder anderen kreativen Ideen kundzutun. Der Appell führte zu einer Welle von Guerillaaktionen: In der Halle des Zürcher Hauptbahnhofs schwebte ein von Ballonen getragenes Binz-Plakat, die Lindt-Schokoladen-Werbung am Central wurde überdeckt, der Slogan «Binz bleibt Binz» schaffte es auf Plakate in Melbourne, San Francisco und Island.

Nichtsdestotrotz erscheine ihm das Verhalten der Familie Schoch «bigott», sagt Ivan Engler. Einerseits entschuldige man sich, andererseits würden die Sprayereien nach wie vor abgefeiert. Auf dem Binz-Blog waren gestern weiterhin Bilder vom Lagerplatz zu sehen, unter der Überschrift: «In Winterthur wurde auch eine Liegenschaft der Stiftung Abendrot verziert!»

Erstellt: 08.01.2013, 06:42 Uhr

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