Die Züspa scheitert an ihrem Image

Die Zürcher Traditionsmesse ist am Ende. Das Urteil der Veranstalter: Sie sei zu sehr von gestern.

Für Bügelmaschinen und Bügeleisen interessierten sich Männer wie Frauen.Fotos: ETH-Bildarchiv Zürich

Für Bügelmaschinen und Bügeleisen interessierten sich Männer wie Frauen.Fotos: ETH-Bildarchiv Zürich

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Alles, was jetzt noch bleibt: aufräumen, Bücher abschliessen und sich anständig von den Kunden verabschieden. Das hätte keiner gedacht, als am 7. Oktober in Zürich-Oerlikon die Tore der Züspa zugingen. Auch Karin Sonderegger ahnte nicht, dass die 70. Ausgabe die letzte sein würde. Die Messeleiterin schien immun gegen böse Omen. Als das gemeinsame Mutterhaus MCH Group der Basler Traditionsmesse Muba ein Ende setzte, hielt sie überzeugt dagegen: Anders als in Basel habe man es in Zürich geschafft, das Publikum zu verjüngen und die Besucherzahlen bei rund 100000 zu stabilisieren. Ob es die Züspa in drei Jahren noch gebe? «Ich habe keinen Anlass, daran zu zweifeln.»

Das sagte Sonderegger Ende Juni. Jetzt ist die Züspa Geschichte, wie MCH am Dienstag bekannt gab. Christoph Kamber, Standortleiter der Messe Zürich, anerkennt zwar die positiven Entwicklungen, aber es habe eben auch negative gegeben: Besucherzahlen, die nach einem kurzen Zwischenhoch wieder zurückgingen. Aussteller, die nur noch 80 statt 100 Quadratmeter Fläche buchten. Ein Defizit, dessen Höhe Betriebsgeheimnis bleibt. Und vor allem: die wachsende Überzeugung, dass sich Publikumsmessen im urbanen Umfeld drastisch verändern müssen. Das habe eine Umfrage unter den Ausstellern bestätigt. Karin Sonderegger will zum Thema nichts mehr sagen.

Die falschen Bilder im Kopf

Eine Rolle spielte laut Kamber auch der Machtwechsel beim Messeunternehmen, dessen Börsenwert sich im letzten Jahr mehr als halbiert hat. Der langjährige Chef René Kamm habe einen respektvollen Umgang mit den kriselnden «Traditionsprodukten» Muba und Züspa gepflegt und ihnen die Chance gegeben, sich neu zu erfinden. Das sei richtig gewesen. Genauso richtig sei es aber, nun unter dem neuen Chef Hans-Kristian Hoejsgaard einen Schnitt zu machen.

Video – Die Züspa im Rückblick

Die Zürcher Herbstmesse erlebte in den 90er-Jahren ihren Höhepunkt. Video: TA-Multimedia/Wibbitz/AnjaRuoss

Die MCH will die Konsumgütermesse bis 2020 durch ein neues Format ersetzen, ein Live-Erlebnis für die Smartphone-Generation, das die alte und die neue Welt verbindet. Konkreteres ist noch nicht zu erfahren. Genauso wenig, ob ein solcher Anlass dereinst in Zürich stattfinden wird. Aber Kamber ist sicher: «Menschen sind analoge Wesen. Je mehr sie im Internet kaufen, desto mehr steigt ihr Bedürfnis, sich wieder physisch zu treffen.»

Diese These hörte man allerdings auch schon von Züspa-Leiterin Sonderegger. Der Unterschied ist laut Kamber: «Wer Züspa hört, denkt an Gemüsehobel, Staubsauger und Fondue.» Mit solchen Stereotypen im Kopf sei es schwierig, Neues zu erfinden. «Wir haben uns entschieden, stattdessen ein weisses Blatt zu nehmen – bei allem Respekt vor der alten Dame.»

Die neuste Generation von Haushaltsgeräten zog Anfang der Achtziger das Publikum in Scharen an.

Die Zürcher Spezialitätenausstellung fand 1949 erstmals statt. Zunächst als Genossenschaft organisiert, wurde sie in den Achtzigern zur AG. Als solche trieb sie den Bau des neuen Messezentrums voran, das 1998 auf städtischem Boden eröffnet wurde. Parallel dazu wurde das Unternehmen zur Messe Zürich AG, nach der Fusion mit Basel zur Messe Schweiz, heute MCH.

Werden Hallen verkauft?

Für Zürich geht es daher auch um die Frage, wie es mit dem Messezentrum weitergeht. Kamber sagt, dieses laufe vergleichsweise gut. Spezialisierte Veranstaltungen wie die Gartenmesse Giardina oder die Töffmesse Swiss-Moto hätten konstante bis wachsende Besucherzahlen, die Wirtschaftlichkeit stimme. Laut Geschäftsbericht waren die Messehallen 2017 an 153 Tagen belegt, Auf- und Abbau nicht eingerechnet. Zum Vergleich: In Basel kam man auf 116 Tage.

MCH-Chef Hoejsgaard sagte aber kürzlich in einem TA-Interview, man habe auch in Zürich Überkapazitäten – was ohne Züspa erst recht der Fall sein dürfte. Er liess die Zukunft des Messezentrums offen und fügte an: «Auf anderen Messeplätzen sind die Städte Eigentümerinnen der Hallen.» Wie der Zürcher Stadtrat zu einem allfälligen Verkauf der Messehallen oder Teilen davon steht, ist offen. Auf Anfrage heisst es, man werde sich dann damit befassen, wenn konkrete Pläne vorliegen.

«Diese Sendung läuft ab Video-Recorder»: Damals noch eine technologische Sensation.

Die Stadt hält wie der Kanton knapp 4 Prozent an den Aktien der MCH Group. Diese Beteiligung geht auf die Züspa zurück, dient heute aber primär der Standortförderung dient. Sie gibt der Stadt die Möglichkeit, ihre Interessen einzubringen, SP-Hochbauvorsteher André Odermatt ist Teil des Verwaltungsrats. Finanziell ist das Aktienpaket mit einem Buchwert von 4 Millionen Franken kein Risiko für einen Multimilliardenhaushalt. Anders die Messe selbst: Eine Studie von 2006 schätzte ihre Wertschöpfung 2006 auf 385 Millionen Franken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2018, 00:05 Uhr

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