«Die allgemeine Wehrpflicht würde ich abschaffen»

EVP-Nationalratskandidatin Miriam Roser ist erst 27 Jahre alt – doch ihr politisches Programm ist auf pflegebedürftige Senioren ausgerichtet. Und die Armee ist ihr zu gross. Ein Porträt aus der Serie «Polit-Nachwuchs».

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Eine Partei der Jugend scheint dies nicht zu sein: Keine einzige der 34 Personen, die auf der EVP-Liste im Kanton Zürich für den Nationalrat kandidieren, ist unter dreissig Jahre alt. Ganze zwölf Kandidaten haben auch auf der Liste der Jungen EVP die Dreissigerschwelle bereits überschritten – unter ihnen die beiden Spitzenkandidaten der Jungpartei, der 33-jährige Niklaus Hari und die 30-jährige Tania Woodhatch.

Erst auf Position drei stösst der Wähler bei der JEVP auf eine Zwanzigerin. Es ist die 27-jährige Miriam Roser, ausgebildete Pflegefachfrau aus Zürich, an der ZHAW als Forschungsassistentin tätig und seit kurzem verheiratet. Die Entdeckung entbehrt jedoch nicht einer gewissen Ironie – denn Rosers politisches Programm kreist ausgerechnet um die Interessen alter Menschen: Die Jungpolitikerin möchte Betagten einen vielfältigeren Lebensalltag ermöglichen und setzt sich deshalb für bessere Bedingungen in Pflegeheimen ein.

Solidarität mit den Schwachen

Dieser Schwerpunkt hängt mit Rosers beruflicher Erfahrung zusammen – aber auch mit ihrem Sinn für Gerechtigkeit: «Der Spardruck in der Pflege trifft betagte Menschen empfindlich», sagt die Nachwuchspolitikerin, «dabei haben ältere Personen ihr ganzes Leben lang gearbeitet und Steuern bezahlt.» Roser möchte sich für all jene stark machen, die selbst benachteiligt oder diskriminiert sind. Deshalb spricht sie sich für Solidarität mit eingewanderten Menschen und für mehr Entwicklungshilfe aus.

Miriam Roser, haben Sie ein persönliches Vorbild in der Politik?
Mich beeindruckt Heiner Studer. Er ist sehr engagiert und findet unfassbar viel Zeit für persönliche Kontakte.

Was unterscheidet Sie von Ihren älteren Parteikollegen?
Ich sehe wenig Differenzen in der EVP, die auf das Alter zurückzuführen sind.

Was stört Sie am meisten in der Schweizer Politik?
In Debatten geht es zu oft um Propaganda und Positionierung. Die Sache selbst sollte wieder mehr in den Vordergrund rücken.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Welches Gesetz würden Sie einführen?
Ich würde die offizielle Entwicklungszusammenarbeit der Schweiz auf 0,7 Prozent des Bruttoinlandprodukts aufstocken.

Welches Gesetz würden Sie abschaffen?
Die allgemeine Wehrpflicht. Unsere Armee ist zu gross, und mit dem Militär wird zu viel Geld verschwendet.

Rosers Partei hält im Kanton Zürich gegenwärtig einen Nationalratssitz. Seine Inhaberin ist die 63-jährige Maja Ingold. Die Nationalrätin sieht in Miriam Roser eine Jungpolitikerin mit Potenzial: Roser sei auf sympathische Weise schüchtern, könne aber gegenüber Kontrahenten «durchaus ihre Frau» stehen, sagt sie. Roser selbst sieht Auftritte nicht als ihre Stärke an, da sie noch keinerlei Erfahrung als Parlamentarierin gesammelt hat.

Der Weg in die Politik

Auf die Frage, warum der Altersdurchschnitt auf den beiden EVP-Listen vergleichsweise hoch ist, haben die beiden Frauen unterschiedliche Erklärungen bereit. «Mitteparteien sind für Jugendliche nicht so sexy», sagt Ingold, die als eine von zwei Nationalrätinnen die EVP in Bern vertritt. Die Dinge differenziert zu betrachten, Kompromisse als etwas Positives zu sehen und auf einfache Erklärungen für Probleme zu verzichten: Dies erfordere eine gewisse Reife, die bei Jugendlichen oftmals noch nicht vorhanden sei.

Miriam Roser kennt die Schwierigkeiten bei der Rekrutierung junger Parteimitglieder aus eigener Erfahrung. Das Nachwuchsproblem der EVP erklärt sie sich mit der Mentalität ihrer Zielgruppe: «Christlich eingestellte Junge engagieren sich oft in sozialen Organisationen wie dem Cevi, der Kirchgemeinde oder in Jugendtreffs.» Sie daneben für die Politik zu motivieren, sei nicht leicht, erzählt Roser. Bei ihr selbst habe es den Besuch einer anderen Politikerin an ihrem Ausbildungsplatz – es war die SP-Kantonsrätin Erika Ziltener – gebraucht, um sie davon zu überzeugen, dass es besser sei, «mitzureden, statt nur mitzulaufen». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.08.2011, 15:33 Uhr

Serie: Polit-Nachwuchs

Im Oktober 2011 sind eidgenössische Wahlen. Tagesanzeiger.ch stellt die «Frischlinge» vor, die sich für die Zürcher Nationalratsparteien zur Wahl stellen. Für die Porträts ausgewählt wurden die Nachwuchspolitikerinnen und -politiker unter 30 Jahren, die auf den Wahllisten der sieben Parteien den höchsten Platz besetzen. Als vierte Jungpolitikerin porträtieren wir die EVP-Kandidatin Miriam Roser.

Bereits erschienen:
Stefanie Huber (GLP)
Anita Borer (SVP)

Miriam Roser

Die 29-Jährige trat vor fünf Jahren der Jungen EVP bei und arbeitete bis im Frühling 2011 im Vorstand der JEVP. Neben der politischen Arbeit ist Miriam Roser als Forschungsassistentin an der ZHAW tätig. Im Herbst nimmt sie berufsbegleitend ein Masterstudium in Pflegewissenschaften in Angriff. Ein politisches Amt hat die Winterthurerin noch nicht ausgeführt. Bei den Nationalratswahlen kandidiert sie auf Platz 3 der JEVP-Liste.

Für Umweltschutz und eine offene Aussenpolitik: Miriam Rosers politisches Profil. (Bild: smartvote.ch)

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