Die drei Probleme Zürichs beim Alkohol

Junge Männer betrinken sich weniger, wo der Staat viel Prävention betreibt. Der Kanton Zürich verpasst es jedoch, die effektivste Massnahme zu ergreifen.

Eine der Massnahmen, auf die der Kanton Zürich setzt: Minderjährige Testkäufer versuchen sich an einer Tankstelle mit Alkohol einzudecken. Bild: Beat Marti

Eine der Massnahmen, auf die der Kanton Zürich setzt: Minderjährige Testkäufer versuchen sich an einer Tankstelle mit Alkohol einzudecken. Bild: Beat Marti

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Das Wort Prävention löst bisweilen zwiespältige Assoziationen aus. Man denkt dabei an jene gut gemeinten Broschüren und Plakate, die einen allenthalben zu einem vernünftigen Lebenswandel ermahnen. Und man fragt sich dabei, ob Präventionsbemühungen ihre Zielgruppe überhaupt erreichen.

Was übermässigen Alkoholkonsum angeht, vermelden Wissenschaftler der Universität Zürich jetzt Erfreuliches: Bei jungen Männern zeige Prävention Wirkung. So lautet das Kurzfazit einer Befragung von 5700 angehenden Rekruten. Ein Fazit, das gerade die Zürcher Politik auf ihrem relativ restriktiven Pfad bestärken könnte. Ein Fazit allerdings auch, das die Forscher schon im nächsten Nebensatz wieder relativieren.

Zunächst eine Präzisierung: Wenn die Wissenschaftler von Prävention sprechen, meinen sie nicht Broschüren und Plakate, sondern handfeste Gesetze. Sie halten sich dabei ans Bundesamt für Gesundheit. Dieses vergleicht den Stand der Alkoholprävention in den Kantonen, indem es untersucht, wie viele von acht gesetzlichen Massnahmen diese ergriffen haben (siehe Grafik). Ob es zum Beispiel Einschränkungen des Alkoholverkaufs oder der Werbeverbote gibt.

Je mehr solche Vorschriften in einem Kanton in Kraft sind, desto vernünftiger gehen laut der Studie die jungen Männer mit dem Alkohol um. Aber es gibt Ausnahmen. Der Befund gilt nicht für jene, die dazu neigen, auf der Suche nach aufregenden Erlebnissen Risiken auszublenden. Und er gilt genauso wenig für jene gut 16 Prozent, die eine Tendenz zu antisozialem Verhalten haben. Solche Männer, so der überraschende Befund der Studie, sind nicht nur präventionsresistent; sie neigen in den Kantonen mit starker Alkoholgesetzgebung sogar etwas öfter zur Trinkerei als in den anderen.

Es bräuchte zusätzliche Massnahmen

Um diese Zielgruppen zu erreichen, brauche es zusätzliche Bemühungen, schreiben die Wissenschaftler. Erfolg versprechend seien laut internationalen Untersuchungen massgeschneiderte Interventionen, die die Persönlichkeit solcher Männer berücksichtigen. Das müsste im Kanton Zürich zu denken geben. Denn Zürich macht im interkantonalen Vergleich zwar vergleichsweise viel für die Alkoholprävention, aber diesbezüglich besteht eine Lücke.

«Mir sind keine Massnahmen bekannt, die sich ausschliesslich und aktiv an diese Risikogruppen richten», sagt Domenic Schnoz, Leiter der Zürcher Fachstelle zur Prävention des Alkoholmissbrauchs (Züfam). Zum Teil würden solche Männer bei Massnahmen mit einem breiteren Fokus identifiziert und dann beraten. Das gelte zum Beispiel für jene Jugendlichen, die wegen einer Alkoholvergiftung in der Notaufnahme gelandet seien.

Höhere Preise wären am effektivsten

Die Zürcher Präventionsbemühungen haben noch weitere Schwachpunkte. Der Kanton hat zwar fünf der acht vom Bundesamt für Gesundheit aufgelisteten Massnahmen zur Alkoholprävention ergriffen; restriktiver sind nur Freiburg, die Waadt, Bern und der Aargau. Es fehlt aber ausgerechnet jene Massnahme, die laut Studienautor Simon Foster als Einzelmassnahme mit Abstand die effektivste ist, wie die Forschung gezeigt habe: die Preise für alkoholische Getränke zu erhöhen. Mehrere Kantone wirken mit einer Sondergewerbesteuer darauf hin, Zürich nicht.

«Dass Alkohol bei uns so günstig ist, ist für Jugendliche und junge Erwachsene besonders verheerend», sagt Domenic Schnoz, «denn die erreicht man übers Portemonnaie am ehesten.» Statt für eine Steuer plädiert er für eine Mindestpreisvorschrift. Es dürfe nicht sein, dass man eine Wodkaflasche für unter zehn Franken bekomme. «Mindestpreise kosten den Staat wenig, betreffen den Durchschnittsbürger kaum, und man erreicht damit viel.»

Schnoz verweist auf eine aktuelle Studie aus Westkanada: Dort gingen Gewaltakte nach einer zehnprozentigen Preiserhöhung deutlich zurück. «Schade, dass Wissenschaft und Politik manchmal so verschiedene Wege gehen.»

Nur vier Nationalräte für ein Nachtverkaufsverbot

Gehemmt zeigen sich die politischen Verantwortlichen auch, was die dritte Lücke in den Zürcher Präventionsbemühungen betrifft: Es gibt hier keine zeitlichen Einschränkungen des Alkoholverkaufs, anders als in mehreren Westschweizer Kantonen. «Ein Nachtverkaufsverbot für die Detailhändler würde viel bewirken», sagt Schnoz. Der Ständerat möchte ein solches ins revidierte Alkoholgesetz schreiben, aber der Nationalrat sperrt sich dagegen. Von den 34 Zürcher Nationalräten haben sich im Juni nur gerade vier für ein Nachtverkaufsverbot ausgesprochen: Thomas Hardegger (SP), Maja Ingold (CVP), Kathy Riklin (CVP) und Rosmarie Quadranti (BDP). (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.08.2015, 11:08 Uhr

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