Die erste Bibel der Fussballmusik

Ein Zürcher zeigt in einem neuen Buch die unglaubliche Grafikwelt von Vinyl-Singles, die sich ausschliesslich ums runde Leder und dessen Helden drehen.

Eine von insgesamt 930 Plattenhüllen: «Sing Along with Town» von Ebenezer Lightning and the Cowshed Boys.

Eine von insgesamt 930 Plattenhüllen: «Sing Along with Town» von Ebenezer Lightning and the Cowshed Boys.

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Wer war erste Popstar des Fussballs? Ältere Semester würden ihr Geld vermutlich auf den deutschen Dandy Günter Netzer oder den nordirischen Beau George Best setzen, derweil die jüngere Experten-Fraktion wohl eher auf Party-Animal Diego Armando Maradona oder Lifestyle-Ikone David «Becks» Beckham tippen täte. Was die zwei Lager eint? Sie liegen beide falsch. Der erste genuine Popstar des Weltfussballs, das war nämlich Billy Wright.

«Who the f*** is Billy Wright?» – das würde nach einer solchen Behauptung wahrscheinlich jede Fankurve der Welt singen. Oder sagen wir: zumindest jede ausserhalb des Vereinigten Königreichs. Dort nämlich weiss jeder Fussballnerd, dass Wright bereits im zarten Alter von 15 das erste Mal fürs Profiteam der Wolverhampton Wanderers auflief. Dass er als Captain mit diesem Verein aus den West Midlands 1949 englischer Pokalsieger und in den Saisons 1953/54, 1957/58 und 1958/59 englischer Meister wurde. Dass er, obwohl mehrheitlich als Verteidiger eingesetzt, in seiner ganzen Karriere nicht ein einziges Mal verwarnt oder vom Platz gestellt wurde. Dass er 1957 bei der Wahl zu «Europas Fussballer des Jahres» Zweiter wurde, geschlagen nur vom legendären Real-Madrid-Stürmer Alfredo Di Stéfano. Ja, und vor allem dies: dass Billy Wright in den 1950er-Jahren Joy Beverly von den berühmten Beverly Sisters heiratete – und durch das Hochzeitsfoto, das im «Daily Express» erschien, der erste Fussballprofi der Geschichte war, der es auf die Titelseite einer Zeitung schaffte.

Eine einzigartige Sammlung

Die Liaison hatte auch noch musikalische Folgen: 1961, nachdem er seine glorreiche Spielerkarriere beendet hatte, ging Wright ins Studio des Labels Parlophone und sang mit seiner Gemahlin und deren Schwestern ein Medley aus britischen Volksmusikstücken ein; um es nett zu sagen: Am Ball war er besser.

Selbstverständlich findet man auch diese Single im kürzlich erschienenen Buch «Football Disco. The Unbelievable World of Football Record Covers». Wegen der 930 abgebildeten Plattenhüllen und den vier Texten (Deutsch und Englisch), die alles Wissenswerte genauso souverän und stilsicher einordnen, wie Virgil van Dijk derzeit verteidigt, darf man dieses in jeglicher Hinsicht grosse Werk ohne jegliche Schamröte als erste Zwingli-Bibel der Fussballmusik bezeichnen.

Zwingli-Bibel deshalb, weil der Mann, dem wir das grafische Spektakel verdanken, in Zürich zu Hause ist. Er heisst Pascal Claude, langjährige Aficionados des runden Leders und dessen Dramen und Helden kennen ihn von «Knapp daneben»-Kolumnen, die er von 1997 bis 2004 in seinem Fanzine und später in der WOZ publizierte, und die oft mehr übers Leben als über den Sport erzählten. Dieselbe Verve, mit der er schreibt, legt der 49-Jährige auch beim Sammeln von Fussballmusik an den Tag. Seine Kollektion, die 1994 mit dem FCZ-Song der Dorados (die er von einem WG-Kumpel geschenkt bekam) ihren Anfang nahm, ist zwar nicht die umfangreichste – doch was die geografische Breite, die Originalität und die Anzahl Raritäten anbelangt, gilt sie weltweit als einzigartig.

Dies ist im Buch unschwer zu erkennen. Der Zeithorizont der versammelten Tonträger reicht von den 1950er-Jahren bis ins Heute – und von Club- und TV-Hymnen bis zu singenden Stars. Dabei finden optische Verbrechen (wie jede 7-Zoll-Platte vom jungen Strahlemann Beckenbauer oder Jean-Marie Pfaffs Anbiederung «... Jetzt bin ich ein Bayer») genauso Platz wie veritable Kleinkunstwerke (beispielsweise die «Chiasso Goal»-Hülle), politisch angehauchte Coverart (wie «Inter Amore» des Luzerner Viertligisten FC Inter Altstadt) oder Softerotik («Lady Football» von Loris Ceroni).

Die ganze runde Sache hat bloss einen Haken: Je tiefer man sich in dieses Kuriositätenkabinett vertieft, umso grösser wird die Lust auf die dazugehörige Musik.

Eine Hörprobe gefällig?

«… Jetzt bin ich ein Bayer»Jean-Marie Pfaff (1984)

«Lady Football»Loris Ceroni (1979)

«Finalmente Roma» Costantino (1983)

«Muchachos yo soy de Boca» José Berra y su orquesta (1967)

Dieses Hörbedürfnis hat Pascal Claude indes längst antizipiert – und deshalb auf seiner Website alle Songs zum Anhören bereitgestellt.

Football Disco. The Unbelievable World of Football Record Covers. Hrsg. Pascal Claude. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2019. 424 S., Texte D/E, 930 farbige Abb., ca. 31 Fr.

Erstellt: 11.10.2019, 15:51 Uhr

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