Die ewige Revolutionärin

Andrea Stauffacher muss sich ab heute Mittwoch vor dem Bundesstrafgericht für eine Reihe von Anschlägen verantworten. Wer ist die Frau, die am 1. Mai jeweils den Schwarzen Block anführt?

Andrea Stauffacher mit Megafon an der Nachdemonstration am 1. Mai 2006. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

Andrea Stauffacher mit Megafon an der Nachdemonstration am 1. Mai 2006. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

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Als Andrea Stauffacher 1987 mit Gleichgesinnten zum ersten Mal eine 1.-Mai-Rede in Zürich störte, hiess der Schweizer Bundespräsident Pierre Aubert. Die Tennisspielerin Steffi Graf gewann ihren ersten Grand-Slam-Titel, und Thomas Gottschalk gab sein Debüt als Moderator der Fernsehsendung «Wetten, dass ?». Die Berliner Mauer schien für die Ewigkeit gebaut.

Seither ist bald ein Vierteljahrhundert vergangen. Aubert ist längst in Pension, Graf zurückgetreten, die Sowjetunion implodiert. Gottschalk hört auf.

Andrea Stauffacher ist geblieben. Während andere in ihrem Alter mit Enkelkindern spielen, kämpft die heute 61-Jährige unbeirrt für die kommunistische Revolution: Sie verfasst Flugblätter gegen den Kapitalismus, organisiert im Hintergrund Farbbeutelanschläge gegen die UBS, führt den Schwarzen Block bei der Nachdemonstration am 1. Mai an.

Andrea Stauffacher kenne keine Altersmilde, sagt ein linker Zürcher Politiker.

Dafür wurde sie schon mehrmals verurteilt, hauptsächlich wegen Landfriedensbruch und Verstoss gegen das Vermummungsverbot. Am Mittwoch steht Stauffacher wieder vor Gericht, diesmal vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona. Sollte ihr die Bundesanwaltschaft vier Sprengstoff- und Brandanschläge zwischen 2002 und 2007 nachweisen können, wird die Strafe härter ausfallen als je zuvor: Ihr droht mindestens ein Jahr Haft.

Sexy Stauffacher

«Sie zeigt keine Spur von Altersmilde», sagt ein linker Zürcher Politiker, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er kennt Andrea Stauffacher aus einer Zeit, als er mit dem Revolutionären Aufbau sympathisierte. Von dessen Methoden hat er sich distanziert, wenngleich er dessen Ziele noch immer teilt.

Andrea Stauffacher steht an der Spitze dieser Organisation, die der Inlandgeheimdienst in seinen Berichten seit Jahren als gefährlichste und gewalttätigste in der Schweiz bezeichnet. Der Aufbau unterhält Büros in Zürich, Bern und Basel, und die Mitgliederzahl in Zürich wird von der Stadtpolizei auf 50 bis 70 geschätzt. Laut dem linken Politiker ist das übertrieben: Die Kerngruppe habe Platz an einem WG-Tisch, sagt er mit einem süffisanten Lächeln: Justiz und Polizei hätten die Organisation bedeutsamer gemacht, als sie tatsächlich sei.

Mit jeder Verhaftung und jedem Prozess sei Andrea Stauffacher politischer geworden. «Heute verfügt sie über eine Aura, weil sie das schon so lange macht. Das wirkt sexy.» Stauffacher habe es geschafft, ihr Denken und ihre Methoden an eine jüngere Generation zu übertragen: Vor vier Jahren wurde die Revolutionäre Jugend Zürich (RJZ) gegründet, das Jugendplenum des Aufbaus, dessen Mitgliederzahl gemäss eigenen Angaben stetig wächst.

Genaueres ist nicht zu erfahren, auch über den Aufbau selbst nicht. Statt konkret zu werden, lässt man auf der Website Lenin sprechen: «Masse ist ein qualitativer Begriff. In einer nicht-revolutionären Situation können 100 Personen schon viele sein.»

Wer im Umfeld von Andrea Stauffacher recherchiert, stösst auf Granit. Gegenwärtige Mitglieder geben keine Auskunft. Stattdessen informieren sie Stauffacher umgehend, dass man mit ihnen Kontakt aufgenommen habe.

Ehemalige Mitglieder schweigen ebenfalls. Sie wollen nicht mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert werden. Mit Namen zitieren lässt sich auch sonst keiner – mit Ausnahme des ehemaligen Kantonalzürcher Geheimdienstagenten Hans-Ulrich Helfer.

Der Mann, der heute als Privatagent in Zürich arbeitet, hat die Anfänge des Revolutionären Aufbaus beobachtet und für den Geheimdienst akribisch niedergeschrieben. Was ihm zu Stauffacher als Erstes in den Sinn kommt? «Für die Überwachung und die Prozesse hat die Schweiz in all den Jahren Millionen Franken ausgegeben.»

Ist die Frau gefährlich? Helfer: «Sie verbreitet Angst und Schrecken. Aber der Revolutionäre Aufbau ist keine echte Terrorszene.»

Wie ist die Organisation im Vergleich mit der deutschen RAF und den italienischen Roten Brigaden zu beurteilen? Helfer: «Eher harmlos. Es sind ja keine Toten oder Schwerverletzten bekannt.»

Der Revolutionäre Aufbau wurde 1992 gegründet. Der Nukleus der Organisation war das «Komitee gegen Isolationshaft» (KGI), das sich für menschenwürdige Haftbedingungen für Personen einsetzte, die es als politische Gefangene betrachtete. Wortführer des KGI war der Anwalt Bernard Rambert, eine wichtige Aktivistin Andrea Stauffacher. Rambert verteidigte Stauffacher später in zahlreichen Prozessen, viele Jahre arbeitete sie auf seiner Kanzlei. «Sie hat hauptsächlich Akten fotokopiert», sagt der linke Politiker – und so ihren Lebensunterhalt verdient. Im Gegensatz zu Stauffacher, die wenig Geld brauche, sei Rambert ein Lebemann mit grossbürgerlichem Hintergrund.

«Andrea Stauffacher glaubt fest daran, dass die Revolution eine Frage der Organisation ist.»
Auch Andrea Stauffacher stammt aus einer wohlhabenden Familie. Sie wuchs in den 50er-Jahren im Zürcher Niederdorf auf, wo ihr Vater als Theaterverleger arbeitete. Bohèmes und politische Aktivisten gingen in der Familie ein und aus. Andrea Stauffacher liess sich zur Sozialpädagogin ausbilden, musste aber gleich ihre erste Stelle aufgeben, weil der Chef wegen ihrer politischen Aktivitäten Nachteile befürchtete.

Krankheit als Schlüsselerlebnis?

In den 70ern lebte sie mehrere Jahre lang in Rom. Dort soll sie Kontakte zu den Roten Brigaden geknüpft haben, die bis heute anhalten: Gemäss der Mailänder Staatsanwaltschaft hat Stauffacher der neuen Generation der Rotbrigadisten beigebracht, wie man kommuniziert, ohne Spuren zu hinterlassen. Zudem hat sie ihrem Anführer Informationen über den illegalen Grenzübertritt geliefert. Die Schweizer Bundesanwaltschaft hat Stauffacher deshalb während Monaten telefonisch überwacht. Ob die Ermittlungen weitergeführt werden, wollte in Bern niemand sagen.

Gemäss mehreren Quellen war der Aufenthalt in Rom aber ohnehin die entscheidende Zeit für Stauffacher: Sie überwand dort eine schwere, lebensbedrohliche Krankheit: Nach der Heilung sagte sie zu Freunden: «Jetzt mache ich nur noch das, was wirklich wichtig ist.»

Gerne hätte man Andrea Stauffacher selber nach diesem Schlüsselerlebnis gefragt. Und auch erfahren, wie lange sie noch für die Sache der Revolution kämpfen will. Doch ein Interview kam trotz langem Mailverkehr und einem Vorgespräch nicht zustande.

Wahrscheinlich hätte sie die zweite Frage in anderen Worten gleich beantwortet wie ein Staatsanwalt aus Zürich: «Bei ihr dauert die Wiederholungsgefahr so lange, wie sie lebt.»

Erstellt: 28.09.2011, 17:09 Uhr

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