Hintergrund

Die gescheiterten Zürcher Tunnelpläne

Auf dem Papier wurde die Stadt Zürich schon in alle Himmelsrichtungen untertunnelt. Der private Verkehr ist aber vorwiegend oberirdisch unterwegs.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In den letzten 60 Jahren gab es in Zürich einige Tunnelpläne für den Privatverkehr. Bisher sind aber fast alle Makulatur geblieben mit einer Ausnahme: der Milchbucktunnel von Schwamendingen zum Letten. Hier ist eine Übersicht über die umfangreichen, aber erfolglosen Zürcher Tunnelplanungen.

Das Ypsilon: In der Euphorie des Autobahnbaus in den 50er-Jahren wollte der Bundesrat ein Autobahndreieck mitten in der Stadt Zürich am Letten bauen. Es hätte drei Autobahnäste zusammengeführt: den Westast aus Bern, den Ostast aus St. Gallen und den Südast aus Chur. Zusammen hätte das ein Ypsilonförmiges Expressstrassennetz in Zürich gegeben. Zuerst war der Ast aus Süden in einer Hochstrasse über die Sihl und über den Hauptbahnhof bis zum Letten geplant. Weil es gegen diese Hochstrasse von Anfang an grossen Widerstand gab, wurde eine unterirdische Variante des Südastes geplant (Sihltiefstrasse). Die Opposition blieb aber bestehen. 1974 und 1977 wurde über zwei Volksinitiativen abgestimmt, die den Verzicht aufs Ypsilon forderten. Beide wurden abgelehnt. So blieb das Ypsilon in der Nationalstrassenplanung. Gleichwohl ist es bis heute Stückwerk geblieben – weil später der Bau der Umfahrungsautobahnen höhere Priorität hatte. Realisiert wurden vom Ypsilon nur der Milchbucktunnel und der Anfang der Sihlhochstrasse. Als unvollendeter Stummel gilt sie als Schandfleck von Wiedikon.

Der grosse Seetunnel: Seit Mitte der 60er-Jahre geistert in Zürich auch die Idee eines Seetunnels herum – damals als eine unterirdische Verbindung zwischen Wollishofen und dem Zürichhorn gedacht. Dieser Tunnel war Teil des 1964 vorgestellten kantonalen Konzepts für Hochleistungsstrassen. Richtig konkret wurden diese Pläne allerdings nie, bis 1995, als der Kantonsrat den Seetunnel in den Richtplan schrieb, und zwar bis nach Wallisellen. Er hätte den Autobahnring um Zürich im Süden schliessen sollen. Im Jahr 2000 verlangte der bürgerliche Kantonsrat eine Beschleunigung der Planung, und es wurde ein Komitee «Pro Seetunnel» gegründet – unter anderen mit Christoph Blocher (SVP), Walter Frey (SVP), Ulrich Bremi (FDP) und Vreni Spoerry (FDP). Doch der Regierungsrat liess sich durch das prominent besetzte Komitee nicht beeindrucken und beerdigte das Projekt 2002.

Der kleine Seetunnel: Der bekannte Architekt Werner Müller, der in den 50er-Jahren die Aufschüttung des Sees vor dem Bürkliplatz gefordert hatte, verlangte 1987 mittels Einzelinitiative einen kleinen Seetunnel – vom Uto- zum Mythenquai. Diese Idee wirbelte zwar viel Staub auf, wurde aber vom Zürcher Stadtrat und kurz darauf auch vom Gemeinderat versenkt. Eine ähnliche Idee brachte vor wenigen Jahren Alt-Gemeinderat Bruno Kammerer (SP) mit einer weiteren Einzelinitiative ins Gespräch. Er verlangte die Tieferlegung des Autoverkehrs rund ums Seebecken. Auch Kammerer blieb erfolglos. Der Gemeinderat lehnte die Initiative mit 66:44 Stimmen ab. Und erst vor wenigen Wochen lehnte der Rat auch eine FDP-Motion für eine abgespeckte Version des Tunnels zwischen Enge und Seefeld ab.

Der Stadttunnel: Nachdem der Regierungsrat 2002 den grossen Seetunnel verworfen hatte, begann er unverzüglich mit der Planung eines Stadttunnels von der Brunau bis nach Dübendorf. Teil des Stadttunnels war ein Ast, der unter dem Platzspitz Richtung Zürich-West abgebogen wäre. 2005 schien das Projekt konkreter zu werden, da sich der Regierungsrat mit dem Zürcher Stadtrat geeinigt hatte. In einer Absichtserklärung sprachen sich die beiden Exekutiven gemeinsam für das vierspurige 2,5-Milliarden-Projekt aus. 2007 trug es der Kantonsrat in den Richtplan ein, wie seinerzeit den Seetunnel. Unterdessen hat es sich der Stadtrat auch beim Stadttunnel anders überlegt und ihn wieder aus den verkehrspolitischen Zielen gestrichen.

Erstellt: 02.10.2013, 07:55 Uhr

Artikel zum Thema

Entlastung der Quaibrücke: Autofähre statt Seetunnel

Der grünliberale Politiker Heinz Schweizer schlägt eine Alternative zum Seetunnel vor: eine Fähre zwischen Wollishofen und dem Seefeld. Mehr...

Ein Autobahntunnel für die Velofahrer

Am Zürcher Hauptbahnhof werden ab sofort falsch abgestellte Fahrräder abtransportiert. Eine unnötige Massnahme, findet Pro Velo und lanciert eine Petition für eine unterirdische Velostation und einen Fahrradtunnel. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...