Die grosse Angst vor radioaktivem Wasser

Im süddeutschen Jestetten informierte der Bund über die geplanten Tiefenlager in der Grenzregion. Die Skepsis unter den Anwohnern konnte dabei nicht ausgeräumt werden.

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Jestetten D – Das Bundesamt für Energie (BFE) hat am Samstag im süddeutschen Jestetten heikles Terrain betreten. Am Orientierungsanlass «Treffpunkt Tiefenlager» galt es, die Bevölkerung der Grenzregion über die Folgen eines allfälligen Baus von geologischen Tiefenlagern für radioaktive Abfälle aufzuklären.

Gleich an zwei Stellen in unmittelbarer Nachbarschaft zur Gemeinde könnten dereinst Oberflächenanlagen entstehen, von wo aus die Tiefenlager über Rampen oder Schächte erreicht würden: Auf einem Areal bei Brentenhau Neuhausen befindet sich einer von sechs möglichen Standorten für die Lagerung von schwach und mittel radioaktiven Abfällen, auf dem Gemeindegebiet von Marthalen haben Experten einen von drei geeigneten Lagerorten für hoch radioaktive Abfälle ausgemacht.

Opalinuston macht die Region interessant

Die Aussicht darauf, dass das Nachbarland ausgerechnet nahe der eigenen Haustüre Atommüll endlagern will, sorgt bei den Anwohnern für Unbehagen. Die Wahl der Standorte im Grenzgebiet dürfe man keinesfalls als «politischen Seitenhieb» betrachten, sagt Annatina Foppa vom BFE in ihrem Vortrag. Relevant seien ausschliesslich die Gegebenheiten im Untergrund. «Die Sicherheit der Bevölkerung geht in jedem Fall vor. Deshalb ist entscheidend, an welchen Stellen die geologischen Voraussetzungen für ein Endlager am besten sind.»

Gemäss Einschätzungen der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) sind sie in der Region Zürich-Nordost und Südranden besonders gut. Einerseits weil sich dort in rund 500 Meter Tiefe Opalinuston befindet – ein praktisch wasserdichtes Gestein. Andererseits weil es in diesen Gebieten kaum zu tektonischen Bewegungen kommt.

Fokus auf Gewässerschutz Lüder Rosenhagen, Regionalvorsitzender vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, ist skeptisch. Man könne selbst mit ausgeklügelten Messungen oder Probebohrungen nie mit abschliessender Sicherheit wissen, was sich im Untergrund befinde. «Vor der Schaufel ist es immer dunkel. Da sind allerlei Überraschungen möglich.» Insbesondere die Sicherung des Grundwassers betrachten er und viele andere Anwesende als heikel. «Wie kann man verhindern, dass Wasser in die Anlagen dringt und dort Schaden anrichtet oder das Grundwasser radioaktiv verseucht wird?», will jemand wissen.

«Wasser darf an einem solchen Lagerort natürlich nicht eintreten», sagt Thomas van Stiphout vom Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi), das die Standortvorschläge der Nagra im Auftrag des Bundes prüft. Deshalb werde bei der Planung und beim Bau der Anlagen ein besonderer Fokus auf diesen Aspekt gelegt. Die Behälter mit den Atomabfällen würden allerdings nicht offen in unterirdischen Hallen herumstehen und so leicht Schaden nehmen. «Sie werden versiegelt und die Gänge nach der Deponie der Spezialbehälter laufend verfüllt», sagt van Stiphout.

«Heisse Zellen» in den Oberflächenanlagen

Es sind aber nicht nur die Vorgänge im Untergrund, die den Anwohnern Sorgen bereiten. Auch die Anlagen an der Oberfläche haben es in sich. Im Falle von hoch radioaktiven Abfällen hätten sie gemäss Angaben des Ensi die Ausmasse von elf Fussballfeldern. Dort würden die radioaktiven Materialien in sogenannten «heissen Zellen» aus den Transport- in die Lagerbehälter umgeladen und auf die Einlagerung vorbereitet.

Sowohl bei der Vorbereitung der Behälter als auch beim Transport seien Spezialisten am Werk, die über eine Sonderbewilligung des Bundes verfügten und laufend strengsten Kontrollen unterzogen würden, sagt van Stiphout. Die Abläufe an der Oberfläche würden zudem bereits heute in ähnlicher Form im Zwischenlager in Würenlingen durchgeführt. Daher sei ein gutes Know-how vorhanden.

Tiefenlager nicht vor 2050 in Betrieb

Die Standorte für die Tiefenlager sind laut van Stiphout allerdings «noch nicht in Stein gemeisselt». Die Nagra wird ihre Wahl voraussichtlich 2020 treffen. Der Bund könnte die Bewilligung für Tiefenlager frühestens im Jahr 2027 erteilen. Danach sind Referenden und Einsprachen möglich. Ein Tiefenlager für schwach und mittel radioaktive Abfälle kann somit nicht vor 2050 den Betrieb aufnehmen. Bei den hoch radioaktiven Abfällen liegt die Frist sogar bei 2060. Die Mehrheit der Anwesenden am Orientierungsanlass vom Samstag wird diesen Moment nicht mehr erleben.

Erstellt: 09.11.2014, 21:28 Uhr

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