«Die grüne Welle scheint ein echter Trend zu sein»

Gemäss TA-Umfrage dürften GLP und Grüne bei den Zürcher Nationalratswahlen je zwei Sitze zulegen – auf Kosten von vier Parteien.

Zürich wird wohl grüner wählen als 2015: «Es ist bemerkenswert, dass die Dynamik nicht nachgelassen hat», sagt Politologe Michael Hermann. Foto: Keystone/Christian Beutler

Zürich wird wohl grüner wählen als 2015: «Es ist bemerkenswert, dass die Dynamik nicht nachgelassen hat», sagt Politologe Michael Hermann. Foto: Keystone/Christian Beutler

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In den Sommerferien herrschte in Sachen Klimademos verglichen mit dem Sturm im Frühjahr Flaute. Trotzdem scheinen sich die Ergebnisse der Kantonsratswahlen bei den Nationalratswahlen zu bestätigen: Zürich dürfte deutlich grüner wählen als 2015. Das zeigt die Wahlumfrage des «Tages-Anzeigers».

Wäre Mitte September gewählt worden, hätten 12,6 Prozent ihre Stimme den Grünliberalen gegeben, ein Plus von 4,4 Prozentpunkten im Vergleich zu den letzten Wahlen. Die Grünen hätten 10,7 Prozent erhalten und 3,8 Prozentpunkte vorwärtsgemacht. Für beide Parteien wären das neue Spitzenwerte.

«Es ist bemerkenswert, dass die Dynamik nicht nachgelassen hat», sagt Politologe Michael Hermann vom Forschungsinstitut Sotomo, das die Umfrage im Auftrag des TA durchgeführt hat. Der Sommer sei recht normal gewesen und die Grünen und Grünliberalen nicht mehr so stark im Gespräch. «Es hätte auch einen Backlash geben können», sagt Hermann. «Doch die grüne Welle scheint ein echter Trend zu sein.»

Das zeigt sich auch in der Rangliste der wichtigsten politischen Herausforderungen: Das Thema «Klimawandel und CO2-Ausstoss» steht für die Zürcher Wählerinnen und Wähler aktuell dicht hinter dem Thema «Beziehungen zur EU» und vor den «Krankenkassenprämien» auf Platz 2. Für die Anhänger von Grünen, SP, GLP und CVP ist das Klima das wichtigste Thema.

Vor vier Jahren waren es noch Asyl- und Ausländerthemen, die das politische Klima bestimmten. Dass das heute nicht mehr gilt, bekommt vor allem eine Partei zu spüren: die SVP verlöre 3,4 Prozentpunkte. Trotzdem bliebe sie mit 27,3 Prozent der Stimmen stärkste Kraft im Kanton. Es wäre aber der tiefste Stimmenanteil seit 1995. An zweiter und dritter Stelle folgen die SP (20,3 Prozent, minus 1,1 Prozenpunkte) und die FDP (14,7 Prozent, minus 0,6 Prozentpunkte). Mit einem Minus von 2,1 Prozentpunkten und einem verbleibenden Wähleranteil von 1,5 Prozent gar in der Bedeutungslosigkeit versinken würde die BDP.

Was die Verschiebungen für die Sitzverteilung bedeuten würde, hat Michael Hermann ausgerechnet: «Grüne und GLP holen je zwei zusätzliche Sitze, SVP, SP, CVP und BDP verlieren je einen», sagt er. Damit kämen Grüne, SP, GLP und EVP zusammen auf 18 von 35 Zürcher Sitzen im Nationalrat. «Der Kanton Zürich würde eine knappe Mitte-links-Mehrheit nach Bern schicken», sagt Hermann.

Dank des möglichen Sprungs von zwei auf vier Sitze könnte auch das Kalkül der Grünen aufgehen, die beiden Bisherigen Balthasar Glättli und Bastien Girod auf den Listenplätzen 3 und 4 ins Rennen zu schicken und Katharina Prelicz-Huber und Marionna Schlatter auf die besten Positionen zu hieven.

Moser und Bäumle dürften bestätigt werden

Die stärkste grüne Kraft im Kanton würde aber die GLP bleiben, die mit ihren neu fünf Sitzen erstmals mit der FDP gleichziehen könnte. «Die GLP ist hier gegründet worden und stark von Zürcher Persönlichkeiten wie Verena Diener, Martin Bäumle und Tiana Moser geprägt», begründet Michael Hermann die innergrüne Vorherrschaft. Die Partei könne auch als Nachfolgerin des Landesrings der Unabhängigen gesehen werden, der ebenfalls ein Zürcher Phänomen war. «Zudem gibt es in Zürich auch eine starke linksliberal denkende Schicht, welche sich von der GLP angezogen fühlt», sagt Hermann.


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Sicher gewählt werden dürften die Bisherigen Tiana Angelina Moser und Martin Bäumle sowie Kantonsrätin und Co-Parteipräsidentin Corina Gredig. Dahinter kämpfen der Opfiker Stadtrat und Kantonsrat Jörg Mäder, die Kilchberger Kantonsrätin Judith Bellaiche und der Winterthurer Kantonsrat und Fraktionspräsident Michael Zeugin um die möglichen zwei neuen Sitze in Griffweite der Partei.

Dass die SVP trotz grossen Verlusten nur einen Sitz verlieren würde, liegt an der Listenverbindung mit der EDU. Bei der grössten Zürcher Partei akzentuiert sich aber gleichwohl der Konkurrenzkampf. Herausforderer auf dem zwölften Listenplatz ist Martin Hübscher, Bauer, Kantonsrat und Fraktionspräsident aus Bertschikon. Er könnte den Bisherigen auf den Plätzen vor ihm gefährlich werden: Therese Schläpfer, Gemeindepräsidentin von Hagenbuch, Martin Haab, Bauer aus Mettmenstetten und vielleicht sogar Mauro Tuena, Präsident der Stadtzürcher SVP.

Kampf bei der SP

Auch bei der SP ist der Kampf um die Sitze neu lanciert. Der Bisherige Martin Naef startet vom neunten Platz und wäre nicht gewählt, die Kantonsrätin Céline Widmer schon. Auch der Bisherige Thomas Hardegger aus Rümlang kann als Achtplatzierter noch nicht aufatmen.

Der CVP bliebe nur nochein Sitz, den der Bisherige Philipp Kutter, Stadtpräsident von Wädenswil, holen dürfte. Josef Wiederkehr, Kantonsrat aus Dietikon, würde zum wiederholten Mal leer ausgehen. Schmerzhaft wäre der Verlust des einzigen Sitzes auch für die BDP und Rosmarie Quadranti, der das Ausscheiden aus dem Nationalrat droht. Wie schon im Kantonsrat wäre die Zürcher BDP auch in Bern nicht mehr vertreten. Während die grüne Neugründung aus den Nullerjahren auf der Erfolgswelle surft, verschwindet die andere von der Bildfläche – zumindest im Kanton Zürich.

Erstellt: 20.09.2019, 21:43 Uhr

So entstand die Umfrage

Die Wahlbefragung fand zwischen dem 5. und dem 16. September auf der Website des «Tages-Anzeigers» statt. Die Angaben von 3000 Stimmberechtigten konnten für die Auswertung verwendet werden. Die Daten wurden von der Forschungsstelle Sotomo der Universität Zürich nach räumlichen (Wohnort), soziodemografischen (Alter, Geschlecht, Bildung) und politischen (Stimm- und Wahlverhalten, regionale Parteienstruktur) Kriterien gewichtet. Dadurch wird eine hohe Repräsentativität für die aktive Stimmbevölkerung angestrebt. Der Stichprobenfehler beträgt +/–1,8 Prozentpunkte. (pu)

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