Glosse

Die spinnen, die Badener!

Zehn Tage lang feiert Baden eine Schlappe gegen Zürich – und sich selbst.

Die Burgruine Stein thront mit einer 50 Meter langen Bar über Baden.

Die Burgruine Stein thront mit einer 50 Meter langen Bar über Baden. Bild: Sabina Bobst

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Von «Badenerfahrt» sprechen die Zürcher – und treten damit mindestens so tief ins Fettnäpfchen wie jene anderen Nachbarn, die vom «Züricher See» schwärmen. Damit es klar ist: «Badenfahrt» heisst die Sause. Diesmal nennt sich zwar das grösste und kreativste 10-Tage-Fest der Deutschschweiz ausnahmsweise Stadtfest. Der Grund ist trivial: In einem seltenen Anflug von Kleinmut haben die Badener Angst vor zu viel Erfolg bekommen und ihre historische Badenfahrt in Stadtfest umbenannt. Statt eine Millionen Besucher wie 2007 erwarten sie bis übernächsten Sonntag bloss 750'000?Badenfahrer. Die blendenden Wetterprognosen aber werden diese Selbstkasteiung nutzlos machen.

Um es mit Obelix zu sagen: «Die spinnen, die Badener.» Wie einst die Römer. Denn damals hatte alles angefangen. Als die Römer in Aquae Helveticae die Thermalquellen entdeckten und Baden einen ersten Pluspunkt vor Zürich verschafften. Einen zweiten Marketingvorteil bescherten der Bäderstadt die Wirrungen der Geschichte. Baden blieb im sittenstrengen zwinglianischen Umland zwischen Zürich und Bern ein katholischer Keil mit eher freien Moralvorstellungen.

Baden wurde dank dieser Vorzüge Tagsatzungsstadt, Modebad der reichen Zürcher und «Kongressstadt» mit ausschweifenden Aufenthalten von Zürcher Bürgermeistern. In Baden durften Männer, was in Zürich verboten war: mit Frauen im gleichen Zuber baden und Spanischbrötli mit viel Butter essen.

Geblieben ist von den damaligen Vorzügen nicht viel – mit Ausnahme des ­A-Casinos im ehemaligen Kursaal. Dank Viertelstundentakt der ehemaligen Spanischbrötlibahn ist Baden im Zürcher Agglo-Brei aufgegangen. Die Bäder liegen darnieder, bis Mario Botta endlich baut. Und die Weltfirma Brown Boveri heisst heute ABB und hat den Hauptsitz nach Oerlikon und Schweden verlegt.

Und doch: Geblieben ist genug, um alle fünf Jahre ein Fest zu feiern, von dem andere Städte nur träumen: eine wunderbare, liebevoll gepflegte Altstadt, ein hervorragender Stamm an lokalen Architekten und Planern, was zu vorbildlichen Umnutzungen von Industriebrachen und einer konzentrierten Ansiedlung von Künstlern und Designern führt. Vor allem: Mit 18'000 Einwohnern ist ­Baden klein genug, dass man sich auf der Strasse und in der Beiz noch kennt.

Festbeiz auf der Burgruine

Was gestern abend zwischen Limmat, Altstadt und Schloss Stein losgebrochen ist, kann man Zürchern am ehesten so erklären: zehnmal das Theater Spektakel. Oder einmal das Züri-Fäscht, allerdings verteilt auf zehn Tage.

Ein Vergleich mit dem Züri-Fäscht wäre allerdings völlig verfehlt. In Zürich stellen Thurgauer Würstli- und Zuckerwattebuden für Aargauer auf, um möglichst viel Kohle zu scheffeln. In Baden dagegen designen die namhaftesten Architekten und Baugeschäfte liebevoll Festbeizen in einer Qualität, wie sie es für einen hoch dotierten Architekturwettbewerb tun würden. Und 5000?Helferinnen und Helfer aus der Region bauen und betreiben die 70?Festwirtschaften und 32?Bühnen – unentgeltlich, aus purer Lust und Traditionsverbundenheit. Der Aufwand ist in den meisten Fällen so gross, dass am Schluss kaum etwas in der Vereinskasse übrig bleibt.

Auf der Burgruine Stein hat etwa eine Gruppe aus Badenfahrt erprobten, meist 50- bis 60-Jährigen eine filigrane zweistöckige Festbeiz samt 50?Meter langer Bar direkt auf die Burgmauer gebaut. Serviert wird auf weissem Tuch und in Porzellangeschirr. Die Söhne und Töchter dieser Urbadener haben auf dem Kirchplatz eine weniger edle, dafür umso kreativere Beiz aus Schrott und Müll erbaut. Das ist der tiefere Grund für den Fünfjahresrhythmus: Das Fest-Know-how kann auf die nächste Generation übertragen werden.

Die Ruine Stein – mit freier Sicht nach Zürich – hats übrigens in sich. Die Festung der renitent katholischen Badener wurde 1712 – vor 300 Jahren – von den Zürchern geschleift. Aus dem Abbruchmaterial entstand die reformierte Kirche. Und die Tagsatzung wurde nach Frauenfeld verlegt. Typisch badenerisch: Man findet immer einen Grund zum Feiern – und sei es nur, um den Tiefpunkt der Stadtgeschichte zu zelebrieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.08.2012, 08:45 Uhr

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Argovia: Das Radio sendet auf 89,4 als «Welt Statt Radio» aus dem Restaurant-Studio-Hotel beim Stadtturm.


Bühnen: Von Philipp Fankhauser über Pegasus, Lovebugs, Max Lässer, Greis bis Stress reicht das musikalische Angebot.


Feuerwerk: Heute Samstag um Mitternacht geht die Lichtshow zwischen blau bestrahlter Limmat und farbigem Schartenfels los. Am Samstag, 25. 8., um 22 Uhr traditionelles Feuerwerk vom Sportplatz Au.


Gratis ist die Stadtfest-App 2.0 mit Karte, Programm und allen Beizen.


Internet: www.stadtfest-baden.ch.


Müllerbräu heisst das Badener Bier.


Plakette: Für einen Tag 12, für die ganze Woche 40 Franken. Ohne Plakette kein Eintritt zu Konzerten und Theater.


Stein heisst die Ruine, die Badener noch immer Schloss nennen.


Verkehr: Unbedingt mit S-Bahn oder Schnellzug direkt ins Festgelände reisen.

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