Die «tanzenden Stützen» tun sich schwer mit den 31 Dachträgern

Der Zeitdruck bei Konstruktion und Bau des Letzigrund-Stadions war brutal. Nun zeigen sich die Folgen.

Die Baustelle des Letzigrund-Stadions im November 2006: Jeder Dachträger ist 41 Meter lang und wiegt 52 Tonnen.

Die Baustelle des Letzigrund-Stadions im November 2006: Jeder Dachträger ist 41 Meter lang und wiegt 52 Tonnen. Bild: Keystone

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Folgende Informationen bestätigt Andrea Holenstein, Sprecherin des Zürcher Hochbaudepartements: Die Stadt hat am Dach des Letzigrund-Stadions «verschiedene Baumängel» festgestellt. Einer der 31 Stahlträger weist einen Riss auf. An kritischen Stellen ist Rost entdeckt worden. Es gibt beim Stahl teilweise Verunreinigungen durch Schlacke; das Material ist an jenen Stellen von mangelhafter Qualität. Einige Schweissnähte müssen noch überprüft werden. Insgesamt hat man etliche Lösungsmöglichkeiten erarbeitet, sich aber noch nicht für eine bestimmte entschieden. Ende Juli werde das Dach aber saniert sein, sagt Holenstein.

Der Letzigrund ist der grösste Schweizer Stahlbau des Jahres 2007. Das ovale Dach ist 22 000 Quadratmeter gross. Sein Gewicht ruht auf 31 Stahlträgern, die wiederum auf filigranen, «tanzenden Stützen» stehen. Diese sind aus wetterfestem Baustahl gefertigt, sogenanntem Cor-Ten. Das Material soll an der Oberfläche rosten und dabei eine Patina bilden, die es vor weiterer Korrosion schützt.

Träger wäre zu schwach dimensioniert

Vom TA befragte Fachleute sagen, Cor-Ten sei ein Stahl, der unter normalen Umständen jahrzehntelang intakt bleibe - sofern das Material der normalen Witterung ausgesetzt sei, also mal nass werde und dann wieder trockne. Cor-Ten sei einzig anfällig auf Dauernässe, also auf Wasser, das lange liegenbleibe. In einer Dachkonstruktion wie jener des Letzigrund-Stadions sei Dauernässe denkbar, wenn das Dach lecke. Dies wäre ein Baumangel.

Anders liegen die Dinge beim Riss im Stahlträger. Laut den Experten kann ein solcher Riss die Folge von übermässiger mechanischer oder statischer Belastung sein; der Träger wäre dann zu schwach dimensioniert. In diesem Fall hätte der Bauingenieur ein Problem, denn er ist für die statische Berechnung der Stahlträger verantwortlich. Wenn der Riss aber an einer Schweissnaht aufgetreten sei, gehe es um eine unsachgemässe handwerkliche Verarbeitung, was den Bauingenieur entlaste. Verantwortlich wäre dann der Hersteller der Träger.

Ausschliesslich Qualitätsstahl

Für Baumängel müsste der Generalunternehmer Implenia geradestehen. Die statischen Berechnungen haben die Bauingenieure der Zürcher Firma Walt + Galmarini AG vorgenommen. Die Stahlkonstruktion wiederum stammt von einer Arbeitsgemeinschaft unter der Leitung der Baltensperger Stahl AG aus Höri. Man habe ausschliesslich Qualitätsstahl von Schweizer Händlern verwendet, bekräftigt Thomas Baltensperger. Im Übrigen verweist er wie die Vertreter der andern Firmen auf die laufende Untersuchung: «Solange sie nicht abgeschlossen ist, möchte ich nichts sagen.»

Diskussionsstoff für Jahre

Gerold Stratz führt die Firma Stahl-Impex in Zürich. Er ist schon lange im Geschäft. Stratz hat der Letzigrund-Konstruktion «von Beginn an nicht getraut». Er ist nicht überrascht, dass schon nach so kurzer Zeit solche Schwierigkeiten auftreten. Er rechnet auch nicht mit einer schnellen Lösung. Viel eher «mit einem Problem, das uns noch auf Jahre hinaus Diskussionsstoff liefern wird».

«Stahl ist nicht tot, Stahl lebt», sagt Stratz. Die «tanzenden Stützen» seien «eine schöne Idee, aber man hat damit totales Neuland beschritten». Ein solches Dach entwickle zwangsläufig eine fast unberechenbare Dynamik: «Die Lasten fliessen ineinander und verändern sich - zum Beispiel wenn es regnet oder viel Schnee fällt.» Wärme, Kälte und Luftströme seien weitere Faktoren.

Eine «mathematisch-geometrische Sache»

Das Dach des Letzigrunds wäre ohne zusätzlichen Ballast zu leicht und zu windempfindlich gewesen. Man belegte es mit Kies und vulkanischem Material und legte ein Biotop an. Die Kiesschicht ist laut Hochbaudepartement 10 Zentimeter dick, was bei einem spezifischen Gewicht von 2 Tonnen pro Kubikmeter rund 4000 Tonnen ausmacht. Aber das wussten die Bauingenieure natürlich im Voraus. Die verantwortliche Architektin Marie-Claude Bétrix von Bétrix & Consolascio in Erlenbach sagt, die Letzigrund-Konstruktion sei insgesamt eine «mathematisch-geometrische Sache». Man sei heute problemlos in der Lage, solche Projekte richtig zu berechnen. Sie wehrt sich gegen voreilige Schuldzuweisungen.

Ganz so einfach war die Aufgabe aber offenbar nicht zu lösen. Im Juli 2007 äusserte sich Paul Näf, damals noch Geschäftsleitungsmitglied der Baltensperger Stahl AG, zu den besonderen Herausforderungen. Er tat es in einer gewissen Euphorie, denn seine Firma hatte für den Letzigrund soeben den Schweizer Stahlbaupreis Prix Acier erhalten. Man habe «schnell gemerkt, wie kompliziert die Umsetzung» sei. Die komplexe Dachform habe von allen Beteiligten ein Höchstmass an Kreativität und Präzision erfordert. In den vielen Gesprächen mit der Generalunternehmerin sei er oft gefragt worden, ob es gelinge, jede einzelne Stütze exakt nach Mass zu fertigen. Er habe gesagt, dass sich ja auch nicht jedes Tanzpaar gleich elegant bewege und eine minimale Abweichung durchaus akzeptabel sei. Die «tanzenden Stützen» seien «sicher eine grosse Herausforderung» gewesen, «vor allem die Genauigkeit zu den Trägern war entscheidend, denn es galt ein Höchstmass an Präzision zu gewährleisten, also praktisch Uhrmacherarbeit».

Immer am absoluten Limit

Näf räumte ein, er habe schlaflose Nächte gehabt. Die «unsichere Materialbeschaffung» sei ein Problem gewesen, aber auch die Logistik: «Man war in Bezug auf Gewicht und Grösse der einzelnen Stahlbaukomponenten immer am absoluten Limit.» An Sitzungen sei «immer wieder darauf hingewiesen worden, was passiert, wenn wir in Verzug kommen. Dies war vertraglich sehr straff geregelt.» Bei einem solchen Projekt stehe man «unter einem unwahrscheinlichen Kosten- und Zeitdruck».

Der Stahlunternehmer Gerold Stratz erinnert an das Unglück im Hallenbad Uster im Jahr 1985. Dort wurden sogenannte nicht rostende Stähle verwendet, um die 200 Tonnen schwere Decke mit 207 zentimeterdicken Bügeln aufzuhängen. Aus dem Wasser stieg Chlor zur Decke auf und zersetzte den Stahl allmählich. Als 108 angegriffene Bügel den Zugkräften nicht mehr standhielten, stürzte die Decke herunter und erschlug zwölf Menschen.

Das Wissen war nicht allen Verantwortlichen bekannt

Fünfzehn Jahre später schrieb Peter Richner, Abteilungsleiter Korrosion bei der Materialprüfungsanstalt Empa, in einem vielbeachteten Beitrag: «Es muss angenommen werden, dass das Wissen um das Korrosionsverhalten dieser Stahlsorten nicht allen verantwortlichen Personen bekannt war, verblasst ist oder in der Ausbildung nur in unzureichendem Mass vermittelt wurde.» Alle Metalle könnten unter gewissen Bedingungen erodieren, sagte Richner. Das gilt heute noch - auch für die Dachkonstruktion des Letzigrunds.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.03.2010, 09:22 Uhr

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