Die versteckte Stadterweiterung

Auf Adliswiler Boden, an der Grenze zu Zürich, entsteht Stadtteil für 3000 Menschen. Die meisten verschwinden tagsüber und lassen ein verwaistes Quartier zurück.

Wo sind sie alle hin? In der neuen Siedlung Dietlimoos ist ausser dem Personal, das den Rasen trimmt, selten jemand zu sehen.

Wo sind sie alle hin? In der neuen Siedlung Dietlimoos ist ausser dem Personal, das den Rasen trimmt, selten jemand zu sehen. Bild: Sophie Stieger

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Hinter dem Morgental beginnt die Zukunft. Dieser Satz klingt fast zu schön, um wahr zu sein, aber im Fall von Zürich trifft er zu. Ein paar Hundert Meter hinter dem Morgental in Wollishofen entsteht Zürich Süd, ein neuer Stadtteil auf 40 Hektaren Land. Man passiert das alte Seewasserwerk, unterquert eine Autobahnbrücke – und schon ist man mittendrin. Von überallher dröhnt Baulärm, Kranen drehen sich am Himmel, und der Geruch von heissem Teer zieht durch die Luft.

Hier sollen bis in ein paar Jahren 3000 Leute wohnen. Umgeben von viel Grün, und zum See sind es mit dem Velo bloss ein paar Minuten. Das klingt in Zeiten chronischer Wohnungsknappheit nach einer Fata Morgana, und die Tatsache, dass viele noch nie von Zürich Süd gehört haben, könnte einen skeptisch stimmen. Dafür gibt es jedoch eine einfache Erklärung: Zürich Süd heisst in Wirklichkeit Adliswil Nord.

Unmittelbar an der Stadtgrenze, auf einem Hochplateau zwischen Sihl und A 3, lässt die Gemeinde Adliswil eines der grössten Entwicklungsgebiete im ganzen Kanton überbauen, übertroffen nur noch vom Glattpark in Opfikon (siehe Kasten). Es ist ein geschichtsträchtiger Ort, der die Fantasie seit Jahrzehnten beflügelt. Hier sollte einst Jolieville aus dem Boden gestampft werden, eine Planstadt im fortschrittstrunkenen Geist der Sechzigerjahre, Hochhäuser und eine atomare Quartierheizung inklusive. Ein Überlaufgefäss für die Stadt Zürich, die damals wie heute aus allen Nähten zu platzen drohte.

Zürich als Fluch und Segen

Die Nähe zu Zürich ist für die Adliswiler Fluch und Segen zugleich. Einerseits ist sie das perfekte Verkaufsargument, wie ein Blick in die Broschüren zeigt, mit denen die neuen Wohnungen angepriesen werden. Andererseits befürchten die alteingesessenen Adliswiler gerade wegen der Sogwirkung der Stadt den Verlust ihrer eigenen Identität. Was «dort oben am Hoger» entsteht, so ihre Sorge, könnte «eine Schlafstadt» werden, «ein Satellit», «ein Ghetto».

Wer so denkt, dürfte nicht gerne hören, was der Zürcher Kantonsplaner Wilhelm Natrup über Adliswil Nord zu sagen hat: «Das ist eine Zürcher Stadterweiterung, die aber nicht von Zürich geplant wird und für deren Infrastruktur Zürich auch nicht verantwortlich ist.» Dort ziehe niemand hin, weil er sich bewusst für Adliswil entscheide, sondern weil er in der Stadt Zürich keine passende Wohnung finde.

Eine Untersuchung der Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) stützt diese Einschätzung: Von den Neuzuzügern, die in die bereits fertig erstellten Häuser eingezogen sind, kam fast die Hälfte aus der Stadt Zürich. Auffallend viele sind Kaderleute und Akademiker.

Von Leben keine Spur

Bei einem Spaziergang durch die Siedlung Dietlimoos fehlt von den Neuzuzügern allerdings jede Spur. Hier hat der Generalunternehmer Allreal gebaut – «für Menschen, die einen hohen Gebrauchswert ebenso schätzen wie ein sympathisches Umfeld». Das sieht dann so aus: Links und rechts ragen schmucklose Fassaden in die Höhe, gegliedert von tief eingeschnittenen Loggien, die dunkel auf den Innenhof gähnen – auf getrimmte Rasen, leere Sitzbänke und einen leeren Spielplatz. Die einzigen Stimmen hallen von der International School herüber, die sich in der Nähe niedergelassen hat. Dort findet gerade eine Turnstunde auf Englisch statt.

Nein, sie sehe hier kaum je eine Menschenseele, sagt schulterzuckend eine Verträgerin, die im Quartier regelmässig ihre Runde dreht. Auch die Wissenschaftler der ZHAW, die in der Siedlung explizit nach Leben geforscht haben, kamen zu einem ähnlichen Befund. Sie gaben sich aber Mühe, das freundlicher zu formulieren: «Das Kommen und Gehen ist zurzeit jenes Element des sozialen Lebens, das am stärksten sichtbar und präsent ist.»

Von der Tiefgarage auf die Zürichstrasse

Der Weg führt weiter durch ein mit Gras und Büschen überwuchertes Niemandsland, das noch im Dornröschenschlaf liegt und seiner Überbauung harrt. Hinter einem Zaun hat der Hundesportverein sein Übungsgelände. Ein Mann, der in einer Art Adliswiler Nagelhaus mitten im Baugebiet wohnt, mutmasst, dass viele Doppelverdiener in die teuren Wohnungen gezogen seien, die in Zürich arbeiten. Kein Wunder, sehe man die im Dorf kaum.

Er wirft einen Blick hinüber zum Grütpark, einer schreiend roten Siedlung, die derzeit noch wie ein Fremdkörper in der Landschaft steht. Ihr Eingang wird dominiert vom Portal der Tiefgarage, einer dynamischen Startrampe, von der die Autos sinnigerweise direkt auf die Zürichstrasse hinauskatapultiert werden – eine Symbolik, welche die Kritiker in Adliswil schaudern macht.

Die Angst hat Tradition

Doch ausgerechnet hier ist endlich doch noch eine Bewohnerin anzutreffen. Eine junge Mutter, die aus Zürich zugezogen ist und noch immer dort arbeitet. Sie gibt unumwunden zu, dass sie sich bis vor kurzem kaum vorstellen konnte, einmal hier draussen zu wohnen. Aber hier habe sie für sich und die Familie jenen Raum gefunden, den es in der Stadt nicht mehr gebe. Allerdings weiss sie auch von Ressentiments der Adliswiler zu berichten: wegen der angeblich reichen Neuzuzüger, die mit ihren Kindern die Schulen überschwemmten.

Die Angst, von Zürich vereinnahmt zu werden, hat Tradition. Als der damalige Adliswiler Bauvorstand Peter Hotz (SVP) vor zehn Jahren die Pläne für Adliswil Nord erläuterte, machte er im gleichen Zug klar: Die Gemeinde dürfe sich auf keinen Fall zum Zürcher Vorort degradieren lassen. Er verwarf deshalb die Idee, die Tramlinie von Wollishofen her über die Stadtgrenze zu verlängern.

Inzwischen scheint man den Einfluss Zürichs im Adliswiler Stadthaus etwas sportlicher zu nehmen – womöglich auch eine Verneigung vor der Macht des Faktischen. Die heutige Bauvorsteherin, Astrid Romer (SP), will zwar nicht so weit gehen wie ihr Parteipräsident, der vor kurzem eine Fusion mit Zürich propagiert hat. Aber sie sagt: «Wenn die Leute, die zuziehen, nach Zürich orientiert sind, ist das normal.» Baulich könne man das nicht verhindern. «Hauptsache, sie fahren nicht mit dem Auto durch Adliswil.»

Das soziale Leben im neuen Ortsteil lässt sich trotzdem fördern, ist Romer überzeugt. Sie setzt grosse Hoffnung in ein Quartierzentrum samt Laden und Restaurant, das in einer nächsten Etappe gebaut werden soll. Gleichzeitig würden auch eine neue Schule, Spielflächen und Parks entstehen.

«Politik reagiert zu spät»

Mit solchen Ansätzen komme die Adliswiler Politik viel zu spät, finden Kritiker wie der Architekt Rolf Santschi. Hier werde immer nur reagiert. Obwohl die Stadt einst extra 11 Hektaren Land gekauft hatte, um die Entwicklung zu beeinflussen, trage Adliswil Nord heute die Handschriften der verschiedenen privaten Investoren. Diese hätten den Takt vorgegeben, weil es in Adliswil keinen Stadtplaner oder Stadtarchitekten gebe, der korrigierend hätte Einfluss nehmen können. «Adliswil Nord ist insofern eine verpasste Chance.»

Symptomatisch ist laut Santschi, dass sich die Behörden in Adliswil erst jetzt mit dem Bau eines Schulhauses im neuen Quartier befassen – zu einem Zeitpunkt, da die bestehenden Schulen bereits am Limit sind. Kantonsplaner Natrup pflichtet dem Architekten indirekt bei: Im Unterschied zu Jolieville, das als eigenständiger Stadtteil aus einem Guss geplant war, sei Adliswil Nord heute Stückwerk. Die Gemeinde sei von der Entwicklung «ein bisschen überrollt» worden.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.10.2011, 10:10 Uhr

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Im Glattpark läuft es anders

Adliswil Nord und der Glattpark in Opfikon sind die beiden grössten Entwicklungsgebiete im Kanton. Unmittelbar an der Grenze zu Zürich werden hier neue Stadtteile hochgezogen – allerdings nach zwei grundsätzlich verschiedenen Strategien. Während sich Adliswil Nord nach und nach zusammensetzt aus den einzelnen Projekten der involvierten Investoren, ist der Glattpark in Opfikon von Anfang an nach einem Gesamtkonzept entwickelt worden. «Man muss ein solch grosses Gebiet von Anfang an ganzheitlich andenken, dann kommt es gut», sagt der Opfiker Bauvorstand Bruno Maurer (SVP). «Nachträglich Fehlentwicklungen zu korrigieren, ist schwierig.»

Im vergangenen Juni ist im Glattpark der Startschuss zur zweiten Bauetappe gefallen; die letzte Baulücke soll in wenigen Jahren geschlossen sein. Anders als in Adliswil, wo die ersten Häuser an verschiedenen Ecken des Areals entstanden sind, wird hier das Gesamtareal kontinuierlich von A nach B entwickelt, nämlich von Opfikon nach Zürich.

Denkbar wäre auch die umgekehrte Richtung gewesen, was auf Art und Herkunft der Neuzuzüger einen Einfluss gehabt hätte. Trotzdem versteht Bauvorstand Maurer die Orientierung nach Opfikon nicht als Versuch, das Neubaugebiet vor dem Gravitationsfeld Zürichs abzuschirmen. (hub)

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