«Diese Kinder wachsen völlig isoliert auf»

Der Bewegungsradius der Kinder ist auf dem Land sogar noch kleiner als in der Stadt. Um das zu ändern, braucht es nicht primär unternehmungslustige Eltern, so ein Experte.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kinder sind heute viel öfter zu Hause als draussen. Ihr Bewegungsradius nimmt seit 60 Jahren kontinuierlich ab. Sind Stadtkinder stärker von dieser Entwicklung betroffen?
Im Gegenteil: Die Situation ist auf dem Land sogar noch schlimmer als in der Stadt. Ist in der Stadt ein Viertel bis zu ein Drittel der Kinder bis im Alter von 5 Jahren nie allein im Freien, so sind es auf dem Land vielfach 50 Prozent und mehr. Diese Kinder wachsen völlig isoliert auf. Vor allem in Ortschaften mit stark befahrenen Transitachsen können sie bestenfalls Freunde auf derselben Strassenseite besuchen. Eltern entziehen ihre Kinder der Strasse. Was nicht auf der Strasse ist, kann auch nicht überfahren werden.

Sie reduzieren die Angst der Eltern, ihre Kinder alleine rauszulassen, auf den Strassenverkehr?
Natürlich gibt es zahlreiche weitere Aspekte, die zu diesem Verhalten führen. Aber die Angst vor Verkehrsunfällen ist ein Schlüsselfaktor. In Zürich gibt es beispielsweise unzählige öffentliche Spielplätze. Doch in den meisten Fällen muss eine Strasse überquert werden, um diese zu erreichen. Deshalb geht praktisch kein Fünfjähriger alleine dorthin. Der Strassenverkehr zwingt die Eltern, ihre Kinder über Jahre hinweg immer an der Hand zu nehmen.

Was ist daran falsch?
Es führt zu einer gegenseitigen Abhängigkeit. Der Umstand, dass immer mehr Eltern nur ein Kind haben, verstärkt diesen Prozess. Sie wollen dieses eine Kind besonders gut schützen. Dieses Verhalten schränkt nicht nur den Radius der Kinder ein. Die dauernde Bindung an die Mutter oder den Vater und der dadurch fehlende Freiraum der Eltern können ebenfalls zur Belastung werden. Es gibt Mütter, die klagen, nicht einmal duschen zu können, ohne dass der Nachwuchs mitwill. Diese Entwicklung darf man nicht einfach akzeptieren. Denn sie behindert die motorische Entwicklung und die Selbstständigkeit der Kinder. Ganz zu schweigen von der Gewichtszunahme aufgrund der fehlenden Bewegung und den damit einhergehenden Folgekosten.

Was können Eltern tun, um dieses Verhalten zu durchbrechen?
Sie müssen den Kindern mehr Raum geben. Das fängt schon bei der Haustüre an: Sie ist meistens abgeschlossen. Man verbarrikadiert sich in der Wohnung.

Das ist verständlich: In den meisten Fällen liegt gleich vor der Haustüre eine Strasse, die sich nicht einfach wegzaubern lässt.
Das stimmt. Aber man könnte sehr viel mehr Begegnungszonen in Wohnquartieren schaffen, auf denen Spielen erlaubt ist. Heute sind diese Zonen allerdings meistens mit Parkplätzen verstellt. Ein aktueller Forschungsbericht des Bundesamtes für Strassen (Astra) hält jedoch fest, dass für ein freies Spielen auf einer Länge von mindestens 20 bis 30 Metern keine Fahrzeuge abgestellt werden sollten. Ich setze mich bereits seit 40 Jahren für mehr solche Freiräume ein – auch für die Schaffung von weiteren Tempo-30-Zonen.

… und trotzdem sind Begegnungszonen noch immer selten.
Der Widerstand gegen solche Abklassierungen ist enorm. Betrachtet man die Machtverhältnisse, so liegen diese klar bei der Autolobby. Aber selbst Eltern von kleinen Kindern wehren sich dagegen, dass Parkplätze vor ihrer Haustüre aufgehoben werden. Ihnen ist es wichtiger, weniger weit zum Auto laufen zu müssen, als dass ihre Kinder mehr Platz zum Spielen erhalten. Dabei ist die integrative Wirkung von Begegnungszonen erwiesen: Auf diesen Plätzen kommen die Anwohner miteinander in Kontakt, was vor allem für Kinder wichtig ist. Wenn man diese Möglichkeit des Austauschs nicht schafft, werden sie sich auch nicht häufiger im Freien bewegen.

Wie meinen Sie das?
Wenn Kinder alleine draussen spielen, bleiben sie kaum lange draussen. Auch ein privater Garten auf dem Land nützt als Freiraum nichts, wenn die Kinder dort alleine spielen müssen. Können sie in einer Gruppe im Freien spielen, macht es mehr Spass. Damit sich aber solche Gruppen bilden können, braucht es Raum für Begegnungen.

Erweitert sich in einer Gruppe auch der Bewegungsradius der Kinder?
Natürlich. Und wenn eine Kindergruppe gut aufeinander eingespielt ist, können auch Dreijährige im Wohnumfeld und unter Umständen im nahe gelegenen Wald spielen. Sie müssen aber immer die Möglichkeit haben, jederzeit selbstständig in die Wohnung oder ins Haus gelangen zu können. Und sie müssen fähig sein, Haus, Wohnung und eine offene Haustüre zu finden. Unter Kindern kann es immer zu Streit kommen. Da ist es wichtig, dass die Eltern oder vertraute Nachbarn da sind, um zu trösten. Während der Nachwuchs draussen spielt, können die Eltern die Zeit nutzen, um mal auf das Sofa zu liegen und ein Buch zu lesen.

Was können Eltern tun, die nicht in der Nähe anderer Kinder leben?
Sie können ihr Kind natürlich in eine Krippe schicken. Aber im Prinzip wäre es das Beste, wenn sie umziehen würden. Die meisten jungen Familien bedenken nicht, wie wichtig andere Kinder in der Nachbarschaft sind. Hier müsste eine viel bessere Beratung stattfinden. Aber dieses Problem wird kaum beachtet.

Wenn alle Familien mit Kleinkindern an einen Ort ziehen, würden Kinder-Ghettos entstehen. Das steht im krassen Widerspruch zur stets geforderten Durchmischung der Quartiere.
Das Prinzip Durchmischung funktioniert in Zürich und in allen Städten ohnehin nicht. Man kann nicht alles dieser Doktrin unterwerfen. Familien mit Kleinkindern gehören einfach nicht an eine Hauptstrasse. Es macht viel mehr Sinn, einzelne Stadtzonen besser auf Kinder auszurichten. Mit der verdichteten Bauweise ist dabei trotzdem ein Miteinander mit älteren oder alleinstehenden Personen möglich.

Wie stellen Sie sich das vor?
Wird in die Höhe gebaut, können Einzelpersonen, Paare ohne Kinder oder solche mit älteren Kindern in die oberen Stockwerke ziehen. Die unteren Etagen wären dann den Familien mit kleinen Kindern vorbehalten, denn Studien haben belegt, dass Kinder eher alleine nach draussen gehen, wenn die Wohnung nicht zu hoch oben liegt. Es werden also keine Kinder-Ghettos, sondern Kinder-Schwerpunkte geschaffen. Diese Möglichkeit wird bei der Planung neuer Projekte noch immer ausgeklammert. Es herrscht die alte Ansicht, Kinder gehören an die Hand der Mutter – was schlicht nicht stimmt.

Aber die Eltern tragen nach wie vor die Verantwortung für die Sicherheit ihrer Kinder.
Selbstverständlich. Aber damit sowohl Kinder als auch Vater und Mutter die Sicherheitsverhältnisse überhaupt abwägen können und mehr Selbstvertrauen bekommen, braucht es mehr Raum. Und dieser muss noch geschaffen werden.

Erstellt: 12.03.2014, 15:18 Uhr

«Die Ansicht, Kinder gehören an die Hand der Mutter, stimmt nicht»: Erziehungswissenschafter und Kunsthistoriker Marco Hüttenmoser. (Bild: zvg)

Marco Hüttenmoser

Erziehungswissenschafter und Kunsthistoriker Dr. Marco Hüttenmoser (geb. 1942) beschäftigt sich seit bald 40 Jahren mit den Themen «Kind und Umwelt» und «Kind und Verkehr». Er führt die Forschungs- und Dokumentationsstelle Kind und Umwelt in Muri.

Umfrage

Schätzen Eltern die Gefahren für ihr Kind in der Stadt falsch ein?

Ja

 
77.3%

Nein

 
22.7%

1407 Stimmen


Artikel zum Thema

Allein im Wald – das war einmal

Analyse Früher war das ganze Quartier ein Spielplatz, heute wagen sich die Kinder kaum mehr vors Haus. Ihr Bewegungsradius nimmt seit 60 Jahren stetig ab. Die Kinder leiden heute an der Indoor-Krankheit. Mehr...

«Es kommt zur Machtumkehr»

Der Kinderpsychiater Michael Winterhoff schlägt in seinem neuen Buch Alarm: Eltern zögen eine Generation von Narzissten und Egomanen heran. Mehr...

«Kinder vegan zu ernähren, ist unmoralisch»

Interview Es gebe Momente, in denen die Eltern nicht für ihre Kinder entscheiden dürften, sagt Ethiker Rouven Porz. Weil sie eben manchmal falsch entscheiden würden – wie im Fall der veganen Ernährung. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Paid Post

Ausstellungseröffnung: «Schatten»!

Mit einer Auswahl von fast 140 Werken zeigt die Ausstellung «Schatten» in der Hermitage 500 Jahre Kunstgeschichte.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Auf Händen getragen: Eine handgeschnitzte Statue der Jungfrau Maria wird anlässlich des Fests zu Ehren der «Virgen del Carmen» durch die andalusische Stadt Málaga geführt. (16. Juli 2019)
(Bild: Daniel Perez / Getty Images) Mehr...