Diese Senioren wollen Bern stürmen

SVP und GLP treten in Zürich mit eigenen Seniorenlisten bei den Nationalratswahlen an. Warum? «Wir sind Legenden», sagt Anwalt Valentin Landmann.

Spitzenkandidat der SVP-Seniorenliste 55plus: Valentin Landmann. Foto: Keystone

Spitzenkandidat der SVP-Seniorenliste 55plus: Valentin Landmann. Foto: Keystone

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Die einen können auch nach 20 und mehr Jahren nicht aufhören. Und die anderen kommen im fortgeschrittenen Seniorenalter erst auf den Geschmack, als politische Quereinsteiger auf einer Nationalratsliste Richtung Bern zu stürmen.

Eine denkwürdige Medienkonferenz hielt gestern die SVP-Liste 55plus ab – im übervollen Restaurant Biergarten im Stadtzürcher Kreis 4. «Wir sind Legenden, wir stehen mitten im Leben und brauchen keine grossgekotzten Lokale», sagte Valentin Landmann (69), Milieuanwalt und Neo-SVP-Kantonsrat.

Landmann ist Spitzenkandidat der SVP-Seniorenliste. Hinter ihm folgt David Vogelsanger aus Affoltern (65), noch Botschafter in Neuseeland. Dritter auf der Liste ist Sportarzt Bernhard Sorg (68) aus Wallisellen, weiter hinten folgen Bob-Olympiasieger Erich Schärer (73) und der Ex-Fifa-Mediendirektor und Blatter-Vertraute Guido Tognoni (69). Alle sind politische Neulinge, mit Ausnahme von Landmann, der seit Mai im Kantonsrat sitzt.

«Wir sind Legenden, wir stehen mitten im Leben und brauchen keine grossgekotzten Lokale.»Valentin Landmann, SVP

Seniorenlisten machen Unterlistenverbindungen mit der Hauptliste der Mutterpartei. Um ein eigenes Nationalratsmandat zu gewinnen, braucht eine Unterliste rund 2,5 Prozent Wählerstimmen. Das ist allerhöchstens bei der SVP möglich. Reicht es nicht für einen eigenen Sitzgewinn, fallen die Stimmen an die Mutterpartei.

«Wunder muss man sich hart erarbeiten», sagte Valentin Landmann im Biergarten. «Wenn ich nicht gewählt werde, fällt mir kein Stein aus der Krone, dann gehen unsere Stimmen halt an die SVP.»

Landmann fordert Toleranz

Bei den SVP-Senioren war bei Bier und Bratwurst in freien Reden ein buntes Universum an politischen Ideen zu hören: eine bessere Unterstützung des Sports, gegen EU und Rahmenvertrag, für das duale Bildungssystem. Vor allem aber forderten mehrere Senioren die SVP auf, mehr in die Gesundheitspolitik zu investieren.

Bemerkenswert, was Landmann an die Adresse der Mutterpartei sagte: «Die SVP ist zwar die grösste Partei, für Mehrheiten müssen wir aber auch den anderen zuhören und Kompromisse eingehen.»

Corina Gredig, Co-Präsidentin der Zürcher GLP, sieht die Jungen in der Politik untervertreten. Foto: Keystone

Auch die Grünliberalen treten mit einer Seniorenliste an. «Eine grosse Schar von älteren Personen, die sich für eine nachhaltige Umwelt einsetzen will, ist an uns herangetreten», sagt Corina Gredig, die Co-Präsidentin der Zürcher GLP. Die bekanntesten Namen unter den GLP-Senioren: Peter C. Meyer (68), früherer Direktor des Departements Gesundheit der ZHAW, sowie Jeanne Pestalozzi (67), Stiftungsratspräsidentin von Brot für alle. Die GLP hat auch eine Jungliste sowie eine Unternehmerliste. «In der Politik sind vor allem die Jungen untervertreten, die mit den heutigen Entscheiden am längsten leben müssen», so Gredig.

Junge brauchen Förderung

Auch Mark Wisskirchen, der ­Geschäftsführer der EVP, sieht keinen Mangel an Senioren in Bern. «Nachholbedarf besteht in der Bundespolitik vor allem bei den Frauen und den Jungen, altgediente Politikerinnen und Politiker gibts genug.» Und so zieht die EVP neben der Hauptliste mit einer reinen Frauenliste und mit einer Jungliste in den Wahlkampf.

Die CVP hat Kathy Riklin (66) nach 20 Jahren im Nationalrat nicht mehr nominiert. Sie tritt nun als Spitzenkandidatin auf einer Liste der Christlichsozialen Vereinigung an. Ausserdem bei der CSV: Patrick Hächler (69), früherer Meteo-Schweiz-Meteorologe und CVP-Kantonsrat. Die CSV schliesst zusammen mit der CVP-Jung- und -Frauenliste eine Listenverbindung mit der CVP-Hauptpartei ab.

Die SP geht wie immer eine Unterlistenverbindung mit den Jungsozialisten ein. General­sekretärin Andrea Sprecher sagt: «Man kann auch mit einer einzigen Liste die ganze Breite der Bevölkerung abbilden – alt, jung, Mann, Frau sowie Migrantinnen und Migranten.»

Ähnlich argumentiert FDP-Geschäftsführer Urs Egger: «Eine einzige Liste ist für die Wählerinnen und Wähler transparenter. Erfahrungsgemäss mobilisieren Zusatzlisten die gleichen Kreise wie die Hauptliste.» Die FDP setze lieber auf die Jungen und habe den 25-jährigen Andri Silberschmidt auf den achten Platz gesetzt. Und natürlich ziehen die Jungfreisinnigen mit einer Liste in die Wahlen, die mit der Stammliste verbunden ist.

Bei den Grünen kandidiert im hinteren Listenbereich der 2015 als Regierungsrat abgewählte Martin Graf, bei der AL steht Urgestein Niklaus Scherr (75) auf dem zweitletzten Platz.

Erstellt: 15.08.2019, 15:35 Uhr

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