Dieser Winterthurer Polizistin folgen Zehntausende

Über 70'000 Personen schauen zu, wenn die Winterthurer Stadtpolizistin Rahel Egli auf Tiktok Kurzfilme veröffentlicht.

Die Social-Media-Clips der Winterthurer Polizistin Rahel Egli werden millionenfach angeklickt.
Video: Sarah Fluck

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Rahel Eglis Stimme bricht ganz kurz: «Einmal», sagt sie, «stand ich über mehrere Tage intensiv mit einem Mädchen in Kontakt, das sich das Leben nehmen wollte.» Es sei eine der heftigsten Erfahrungen gewesen, die sie in den vergangenen Monaten in ihrer neuen Aufgabe durchlebt habe.

Rahel Egli, 33-jährig, ehemalige Bankerin, ist seit sieben Jahren bei der Polizei und seit rund sieben Monaten auf der Social-Media-Plattform Tiktok das Gesicht des Korps der Stadtpolizei Winterthur. Knapp 72'000 Personen folgen ihr und sehen dort ihre Videos. Zum Vergleich: SRF-Fernsehmann Nik Hartmann folgen gerade mal 5800, Popstar Luca Hänni über 700'000.

Eglis Videos erhalten immer wieder Zehntausende Herzen, also Likes. Ihr erfolgreichster Clip erhielt über 470'000 Herzen und wurde über 10 Millionen Mal angeschaut. 10 Millionen Mal befreit Egli darin mit einem Brecheisen ein Schaf, das mit seinem Kopf zwischen zwei Latten in einem Hag stecken blieb.

«So wirklich ­verstehe ich die Faszination von Tiktok bis heute nicht.»Rahel Egli, Polizistin

Tiktok ist derzeit die Social-Media-Plattform unter Jugendlichen schlechthin. Die Inhalte sind selbst gedrehte Videos – teilweise lustig, teilweise faszinierend, teilweise verstörend, nur einige Sekunden lang, sich stetig wiederholend, sichtbar für die ganze Welt. Die Plattform ist bei den Jungen so beliebt, wie sie Erwachsene befremdet.

Auch Rahel Egli sagt offen: «So wirklich verstehe ich die Faszination von Tiktok bis heute nicht.» Da filmen sich Jugendliche beim Tanzen, wie sie Lieder nachsingen oder sich sonst inszenieren. Sie frage sich manchmal, was der Sinn dahinter sei. Aber mit der Zeit habe sie auch realisiert, dass auf der Plattform eine positive Grundstimmung herrsche. Die Jugendlichen würden sich gegenseitig ermuntern, loben und bestätigen.

Sie warnt auch vor den Risiken

Sorgen macht sich die Stadtpolizei Winterthur um die vielen sehr jungen Mädchen, die sich in den Videos oft knapp bekleidet zeigen. Egli sagt: «Ein Mädchen hat mir mal geschrieben, sie chatte gerade mit einem Mann, der wolle Fotos von ihr, ob sie ihm diese schicken solle?» Auf Tiktok würden sich auch Menschen tummeln, die es nicht gut meinen, sagt Egli. In einem ihrer ersten Tiktok-Clips rät sie: «Heute wende ich mich an alle Tik­tokerinnen: Überlegt euch gut, wie freizügig ihr euch hier zeigen wollt. Alles, was ihr hochladet, verbreitet sich sehr schnell und kann auch gegen euch verwendet werden.»

Die Winterthurer Polizistin Rahel Egli zeigt ihr millionenfach angeklicktes Schäfchenvideo. Foto: Reto Oeschger

Der Auftritt von Egli ist ein Projekt der Stadtpolizei Winterthur. Es wurde im Februar lanciert, um den Dialog mit Jugendlichen zu intensivieren und Nähe zu schaffen. Der Versuch war ursprünglich bis zu den Sommerferien terminiert und wird nun weitergeführt.

Egli wurde angefragt und hat sich bereit erklärt, diese Rolle zu übernehmen. 20 Prozent ihrer Arbeitszeit patrouilliert sie seither im Internet, 80 Prozent ist sie auf Winterthurs Strassen unterwegs. Sie spricht über Pornografie auf Handys, über Waffenimitate oder filmt sich, wie sie ein entlaufenes Hündchen auf dem Schoss im Auto transportiert. Sie chattet mit den Jugendlichen, bietet ihnen eine Anlaufstelle und arbeitet eng mit der Jugendpolizei zusammen.

Trotz Altersunterschied erreicht Egli offenbar die Jugendlichen. Ihre Zielgruppe, die 13- bis 18-Jährigen, würden sie auf der Strasse meist erkennen. «Sie . . . Sind Sie nicht die von Tiktok? O mein Gott», heisse es dann manchmal. Wenn sie privat, also ohne Uniform unterwegs sei, sei es etwas anders. Da werde sie nur vereinzelt angesprochen.

Verschiebung von der Strasse ins Netz

Egli exponiert sich mit ihrer Arbeit unweigerlich. Das löst Reaktionen aus. Unter ihren Videos auf Tiktok steht etwa: «ACAB», die Abkürzung für «All Cops Are Bastards», oder «Mini ganz schuel macht sich über dich lustig». Was unter der Gürtellinie ist, lösche sie, «ACAB» lasse sie kalt. Schwieriger seien persönliche Beleidigungen, abschätzige Bemerkungen zu ihrem Aussehen.

Treibts ein Jugendlicher zu wild in den Kommentarspalten, droht oder beleidigt sie, macht die Polizei auch mal einen Hausbesuch. Einmal versteckte sich hinter dem Account ein 12-Jähriger aus Winterthur. Als die Polizei auftauchte, brach er in Tränen aus und entschuldigte sich.

Kritik gibt es vereinzelt auch polizeiintern. «Ich weiss nicht, ob es Neid oder Unverständnis ist, aber klar, es gibt ab und zu Sprüche.» Das belaste sie nicht, sie ignoriere es. Wie es tönen kann, zeigt sich später, als sie sich für ein Video-Interview bereit macht. «Du häsch da en Böögg», blafft ein Kollege ihr zu. Sie kontert: «Zum Glück kommst du nicht aufs Bild.» Beide lachen. Der Quotenhit mit dem Schaf wäre nicht mit jedem Kollegen möglich gewesen. Einige seien gewillter als andere, sie auch mal zu filmen. Wiederum andere hätten als Jux Autogrammkarten für sie herstellen lassen.

Michael Wirz ist Chef der ­Medien- und Kommunikationsabteilung der Stadtpolizei Winterthur. Die Tiktok-Polizei sei als junges Projekt «sein Baby», wie er es selbst nennt. Um es zu realisieren, hat Wirz keine zusätzlichen Stellenprozente erhalten. Es fand eine Verschiebung der Polizeiarbeit von der Strasse ins Internet statt.

«Bürgernahe Polizeiarbeit»

Es sei nicht einfach PR. «Was Frau Egli macht, ist bürgernahe Polizeiarbeit», sagt er. «Wir Polizistinnen und Polizisten müssen davon wegkommen, on- und offline zu stark zu trennen.» Die Realitäten würden verfliessen, insbesondere bei den Jugendlichen. Im Internet verschwinden auch die geografischen Grenzen. Das Mädchen, das sich das Leben nehmen wollte, kommt aus Deutschland und melde sich bis heute noch ab und zu bei «winstaporahel», wie Rahel Egli auf Tiktok heisst.

Wirz lässt Egli autonom arbeiten, je nach Anfrage, je nach Problem, ziehe man aber Spezialisten bei und berate. Die Autonomie berge zwar ein gewisses Risiko, dass Fehler passieren, mache ihren Auftritt aber authentischer. Klar, kleinere Fehler passierten. Zum Beispiel hat Egli ein Video zu E-Trottinetten gedreht. Vorne Rahel Egli, im Hintergrund steht der Streifenwagen – nicht ganz genau im Parkfeld. «Wir haben sie darauf zu einem Fahrkurs aufgeboten», sagt Wirz. Ein Scherz.

Egli meint dazu: «Es ist schon erstaunlich, was den Leuten alles auffällt. Sie finden immer Fehler.» Zum Beispiel bei ihrem jüngsten Video. Da kommentierten einige, sie begehe doch eine Sachbeschädigung. Im Clip sieht man, wie Egli mit blossen Händen den Deckel eines Abfall­kübels verbiegt, um einen Raben zu befreien. «Aber wir konnten den Deckel nicht einfach so mit einem Vierkant öffnen», beteuert sie. Der Abfallkübel habe wieder instandgesetzt werden können. Für die Befreiungsaktion hat Rahel Egli über 30 000 Herzchen erhalten. Der Clip wurde knapp 270 000-mal auf Tiktok abgespielt.

Erstellt: 28.08.2019, 20:33 Uhr

Artikel zum Thema

Polizei warnt vor Video-App Tik Tok

Eltern von Teenies sollen bei der beliebten App Tik Tok genau hinschauen. Die Stadtpolizei Winterthur ist selber im Netzwerk präsent. Mehr...

Sollen wir uns von den sozialen Medien verabschieden?

Pro & Kontra Der Verzicht auf Facebook, Twitter und Instagram liegt im Trend. Ob das sinnvoll ist, bleibt fraglich. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Genuss und Freude schenken

Schenken Sie Ihren Freunden Hochgenuss in Form eines FINE TO DINE Gutscheins für über 130 Schweizer Restaurants.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Gute Laune trotz Lichtmangels

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...