Diesmal ging der Kürbiskönig zu weit

Die Gebrüder Jucker wollen die Auslastung ihres Erlebnishofs in Seegräben mit einem Strohfestival verbessern. Doch die Bevölkerung hat genug vom Rummel. Die Gemeinde droht, den Betrieb einzuschränken.

Zürich-Tourismus-Präsident Elmar Ledergerber (Mitte) eröffnete gestern mit Martin Jucker das Strohfestival. Foto: Doris Fanconi

Zürich-Tourismus-Präsident Elmar Ledergerber (Mitte) eröffnete gestern mit Martin Jucker das Strohfestival. Foto: Doris Fanconi

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Seegräben – Sogar eine eigene Kirche haben die Jucker-Brüder gebaut – ganz oben auf dem Kirchhügel mitten auf ihrem Hof. Kleiner zwar als die Seegräbner Kirche vor den Toren ihres Erlebnishofs und aus Stroh. Aber die Kirche der Juckers werden in den kommenden Wochen mehr Menschen von innen sehen als die Seegräbner Kirche in einem ganzen Jahr.

Der Erfolg des Erlebnishofs ist für das 1300-Seelen-Dorf am Pfäffikersee zum Problem geworden. Ein Krebsgeschwür sei er, eins, das sich immer mehr auf Kosten der Allgemeinheit ausbreite, schrieb Samuel Wiesmann, ein Nachbar, vergangene Woche im «Seegräbner Boten». Und die Seegräbner pflichten ihm bei. Es ist nicht mehr wie vor 15 Jahren, als die vier Bauern rund um die Kirche alles zusammen machten und Wiesmanns Söhne bei der Kürbisernte der Juckers halfen. Den 50 Tonnen Kürbissen, mit denen hier alles begann.

Verkehr blockiert Sanitäter

Die Strohkirche ist Teil des Strohfestivals, mit dem die Juckers auch im Winter Besucher auf ihren Hof locken wollen. Das ist es, was ihre Nachbarn fürchten: 8000 Menschen strömen bereits heute während der Kürbissaison an einem schönen Sonntag auf den Hof. Sie spazieren den Seegräbnern an den Vorgärten vorbei, und die Parkplatzsuchenden legen den Verkehr im Zentrum lahm. Als im vergangenen Herbst ein Hochzeitsgast in der echten Seegräbner Kirche einen Herzinfarkt erlitt, gabs für die Rettungssanitäter kein Durchkommen. Und trotz 100 Parkplätzen in Rufdistanz und 300 weiteren unten im Aatal spülen die Schwarzparkierer im Dorf und in der geschützten Landschaft jährlich mehrere 10'000 Franken Bussgelder in die Gemeindekasse.

Bei schlechtem Wetter allerdings ist der Juckerhof wie ausgestorben. Die Eröffnungsrede zum Strohfestival hielt Elmar Ledergerber (SP), ehemaliger Zürcher Stadtpräsident und Chef von Zürich Tourismus, gestern vor einer Handvoll Jucker-Mitarbeiter und Journalisten. Er lobte den Unternehmergeist der Brüder: «300'000 Leute bringen sie auf ihren Hof pro Jahr, gleich viele wie das Zürcher Kunsthaus in seine Hallen, aber ohne dessen 14 Millionen Franken Subventionen.»Martin Jucker, Anfang 40, hager, leicht gebückt der Gang, grau die Haare, nahm das Lob dankend entgegen, rieb sich die Hände in der Kälte – wären nicht der Goldring und die Designerjeans, man hätte ihn für den Knecht auf dem Hof gehalten, nicht für den Chef eines Unternehmens, das während seiner Kürbisausstellung 300 Mitarbeiter beschäftigt.

Medienpräsenz nervt

Mit der Ausstellung war Juckers vor 15 Jahren ein Coup gelungen. Das war, bevor Halloween in der Schweiz in Mode kam. Die Brüder hatten eben die beiden Höfe der Familie in Rafz und Seegräben zusammengelegt und mit dem Anbau von Spezialkulturen begonnen. Doch von allem, was sie ausprobierten, funktionierte einzig der Kürbis, und wie: 50 Tonnen stapelten sie nach Sorten geordnet auf dem Hof, einen Lagerplatz hatten sie schliesslich keinen.

Den Leuten gefiel die Vielfalt der Farben und Formen, die Medien berichteten, Juckers verkauften die ganze Ernte. «Wenn man etwas enorm übertreibt, kommen die Leute», sagt Jucker. «Sie wollen überrascht werden.» Die Jagd nach Rekorden ist geblieben. Juckers organisieren inzwischen die Meisterschaften im Kürbiswiegen in ganz Europa, sie präsentieren den weltgrössten Kürbis, und morgen Sonntag kochen sie auf ihrem Hof 500 Liter Heusuppe für einen guten Zweck. Das bringt sie in die Lokalblätter, ins Radio, in den «Blick» und ins Schweizer Fernsehen.

Schweinchenrennen, Kürbisolympiade, Bauernkalendercasting, «Dunnschtig-Jass»: Das geht einigen auf den Geist. «Was die gut können, ist vor allem Propaganda machen», sagt Wiesmanns Vater Hansjürg. Die Seilbahn in Aathal, die Juckers bauen wollen, um die Gäste mit dem Zug statt mit dem Auto an den Pfäffikersee zu bringen, halten viele für einen Jux, um die «Juckerei» in die Medien zu bringen.

Dabei tun die Juckers nur, was der Bund von den Schweizer Bauern verlangt: Statt Subventionen zu kassieren, erfindet sich der Hof immer wieder neu. Vom Gemüseproduzenten zum Kürbiskönig, zum Gastronomen und Event-Organisator. Sie seien keine richtigen Bauern mehr, wirft man ihnen vor. Dabei konnten sie die Produktion stets ausbauen. Sie waren die Ersten, die Kürbis für den Detailhandel anbauten, sie produzieren Spargeln in Rafz, und in Deutschland noch mehr Kürbisse. Mehr als die Hälfte der Rohstoffe im Hofrestaurant stammt aus eigener Produktion.

Rita Fuhrer solls richten

Juckers würden kaum Steuern zahlen, heisst es im Dorf. Gemeindepräsidentin Marlies Schmalzl (SVP) sagt es etwas diplomatischer: «Es gibt bessere Steuerzahler in der Gemeinde, die uns weit weniger belasten.» Das liegt an ein paar gut verdienenden Privaten und daran, dass Jucker investiert, was er verdient. In Lohnenswertes wie die Gastronomie- und Seminarräume. Und in weniger Lukratives wie eine eigene Kosmetiklinie oder das Restaurant Seerose am gegenüberliegenden Ufer des Pfäffikersees. Beides ist gescheitert. Im Jahr 2000 schrammten die Juckers nahe am Konkurs vorbei.

Um nicht noch einmal ins Messer zu laufen, holten sie Alt-Regierungsrätin Rita Fuhrer (SVP) in den Verwaltungsrat. Sie soll sie warnen, wenn etwas wirklich eine schlechte Idee ist. Und ihre Erfahrung mit schwierigen Dossiers kommt den Juckers nun gelegen. Genau wie beim Fughafen gelte es am Pfäffikersee tragbare Lösungen für viele Anspruchsgruppen zu finden, sagt die Mutter des Zürcher Fluglärmindexes (ZFI). Sie hat derzeit ähnlich viel zu tun wie während ihrer Zeit als Regierungsrätin. «Der Gemeinderat lässt sich von einer Handvoll Unzufriedener ins Bockshorn jagen», sagt sie und wirft dem Gremium Aktivismus vor. Erst fordere die Gemeinde eine gleichmässigere Auslastung. «Wenn wir dann in Seminarräume investieren, erhöhen sie, ohne uns zu informieren, die Parkgebühr und vertreiben uns damit diese Gäste.»

Beschränkung der Besucher?

Und nun droht neues Ungemach: Für Ende Januar hat der Gemeinderat eine Sitzung mit den Juckers angekündigt. Er will ein Massnahmenpaket vorlegen, unter anderem die Polizeiverordnung um eine Verordnung zu Massenveranstaltungen ergänzen. Juckers haben weder für die Kürbisausstellung im Herbst noch für das Strohfestival eine Bewilligung eingeholt, denn zu «Massenveranstaltungen» würden diese nur, wenn das Wetter stimme und rund um den Pfäffikersee ohnehin 12'000 Leute unterwegs seien.

«Im schlimmsten Fall müssen Gerichte klären, wie viel Ausflugstourismus den Seegräbnern zugemutet werden kann», sagt Finanzvorstand Andreas Dürst (Parteilose Partei). Mit der neuen Verordnung hätte die Gemeinde dann die Möglichkeit, die Besucherzahlen oder die Öffnungszeiten zu beschränken. Aus Sicherheitsgründen. «Was auch kommt, wir begrüssen es», sagt Martin Jucker.

Nur zusammen mit den Seegräbnern könne man neue Lösungen suchen. «Juckers sind nicht so leicht unterzukriegen», sagt Rita Fuhrer. Der Druck auf die Region Pfäffikersee werde ohnehin zunehmen, sagt Jucker. Genauso wie auf die anderen Zürcher Naherholungsgebiete Katzensee, Greifensee und Uetliberg. Und so würden sich die Konflikte gleichen. «Im Gegensatz zu Uetliberg-Wirt Giusep Fry haben wir aber nichts Illegales gebaut, nichts, was uns der Kanton wieder wegnehmen könnte.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.01.2014, 15:24 Uhr

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«Der Gemeinderat lässt sich von ein paar Unzufriedenen ins Bockshorn jagen», sagt Rita Fuhrer. Foto: PD

«Wir haben einige bessere Steuerzahler im Dorf, die uns weit weniger belasten», sagt Marlis Schmalzl, Gemeindepräsidentin.

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