Dominatorin einer Grosssekte

Annemarie Buchholz-Kaiser ist im Alter von 74 Jahren gestorben. Sie führte den Verein für Psychologische Menschenkenntnis (VPM), eine einst einflussreiche Gesinnungsgemeinschaft.

Das einzige der Öffentlichkeit bekannte Bild von Annemarie Buchholz-Kaiser stammt von Anfang der 90er-Jahre. Foto: TA-Archiv

Das einzige der Öffentlichkeit bekannte Bild von Annemarie Buchholz-Kaiser stammt von Anfang der 90er-Jahre. Foto: TA-Archiv

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Annemarie Buchholz-Kaiser war eine ­gesichtslose Frau. Obwohl sie mit ihrem Verein für Psychologische Menschenkenntnis in Zürich (VPM) in den 90er-Jahren für Aufruhr und Aufregung sorgte, kannte niemand ihr Gesicht. Nie trat sie öffentlich auf. Immer schickte sie bei Medienterminen oder Podiums­diskussionen nur ihre Adlaten vor. Mit einer Ausnahme: Einer Zürcher Gratiszeitung gab sie zu Beginn des Jahrzehnts ein Interview und liess sich ablichten. Ein Auftritt, den sie bald bereute.

Abtrünnige VPM-Mitglieder beschrieben die Chefin als farblose Person ohne Ausstrahlung und Charisma, die oft depressiv gewirkt habe. Mit einem feinen Gespür für die Ängste und Sehnsüchte ihrer Anhänger baute sie den Nimbus einer fürsorglichen Mutter und Heilsbringerin auf. Gleichzeitig nutzte sie die gruppendynamischen Prozesse, um sie zu destabilisieren, zu disziplinieren und an sich zu binden.

Autoritärer Vater

1939 geboren, wuchs die kleine Annemarie Kaiser in einem strengen Elternhaus in Dussnang TG auf. Ihr autoritärer Vater, im Dorf der Kässeli-Kaiser genannt, war Verwalter der Dorfbank. Die Tochter absolvierte eine kaufmännische Lehre und anschliessend in Zürich die Abendmatur. Dabei lernte sie den aus Galizien im ehemaligen Österreich-Ungarn stammenden Pazifisten und Anarchisten Friedrich Liebling kennen. Der Schüler des Individualpsychologen Alfred Adler hatte die «Zürcher Schule» gegründet und Hunderte Zürcher Intellektuelle in seinen Bann gezogen. Liebling wurde der Ersatzvater von Buchholz-Kaiser. Später studierte sie Geschichte und im Nebenfach Psychologie.

Als Liebling 1982 starb, zählten gegen 4000 Anhänger zu seiner Jüngerschaft. Ein Dreiergremium, zu der auch Buchholz-Kaiser gehörte, übernahm die Nachfolge. Sie provozierte bald einen Machtkampf. Sie profitierte davon, in der Gunst ihres Übervaters und dessen Töchter gestanden zu haben. Ausserdem übte sie die Supervision über die vielen Therapeuten der Zürcher Schule aus und verfügte in dieser Funktion über eine beträchtliche Machtfülle. Fast alle Liebling-Schüler steckten in einer Endlos-Therapie.

Buchholz-Kaiser legte sich mit den zwei andern Mitgliedern der Führungscrew an und trieb die Spaltung voran. Mit psychologischem Druck und tak­tischem Geschick gelang es ihr, die ­meisten Zürcher Schüler, zur Mehrheit Akademiker, auf ihre Seite zu ziehen.

Ideologische Kehrtwende

Dann geschah etwas Unerwartetes: ­Annemarie Buchholz-Kaiser schaffte in ­kurzer Zeit und in einem beispiellosen Kraftakt, ihre rund 2000 Anhänger von einer linksanarchistischen Weltanschauung auf wertkonservative, rechtsbürgerliche und patriotische Positionen zu trimmen. Die linke Gesinnung hatte nicht zum Weltbild der scheuen, von Existenzängsten verfolgten Frau mit dem aus­geprägten Machtwillen gepasst.

Mit dem überraschenden Kurswechsel dokumentierte sie ihr autoritäres Regime und die sektenhaften Strukturen. Nach einem jahrelangen erfolgreichen Rechtsstreit übernahmen Buchholz-Kaiser und ihre Anhänger die Stiftung von Friedrich Liebling. Diese enthielt ein Millionenvermögen und mehrere Häuser am Zürichberg. Nach ihrem Triumph gründete sie 1986 den Verein für Psychologische Menschenkenntnis (VPM).

Diese Ereignisse nahm die Öffentlichkeit kaum wahr. Das Bewusstsein für sektenhafte Phänomene war noch wenig ausgebildet. Im VPM herrschte bald ein Klima der Unterdrückung und Angst. Buchholz-Kaiser übte eine eiserne Kontrolle über die vielen Therapeuten und unzähligen Arbeitsgruppen aus. Wer nicht spurte, wurde blossgestellt und ausgegrenzt. Alle buhlten um die Gunst der Leiterin, es wurde intrigiert und ­denunziert. Buchholz-Kaiser lebte permanent in der Angst, dass ein Anhänger ihr die Macht streitig mache. Fehlbare mussten manchmal erniedrigende und entwürdigende Selbstbezichtigungsschreiben verfassen, die vorgelesen und herumgereicht wurden. Abtrünnige verglichen die Prozedur mit den stali­nistischen Schauprozessen.

So wurde Buchholz-Kaiser zur Sektenchefin mit grosser Verfügungsgewalt. Gleichzeitig liess sie sich als Heilsbringerin verehren. So lobten ihre Anhänger im Buch «VPM – Was er wirklich ist» ihre «fachliche Kompetenz und überragende Persönlichkeit» mit der Aussage: «Uns fehlen die Worte, das unermüdliche ­persönliche Engagement und die Bedeutung der Persönlichkeit von Dr. Anne­marie Buchholz-Kaiser angemessen zu würdigen.» Ihr Ehemann blieb stets im Hintergrund, aber ihre beiden Töchter spielten wichtige Rollen im Verein.

Für die erste öffentliche Eskalation sorgten durch ihr Verhalten die rund 100 VPM-Lehrerinnen und -Lehrer im Kanton Zürich. Ihr konservativer Unterrichtsstil und ihre Intrigen in den Lehrerzimmern provozierten Konflikte. ­Eltern protestierten ausserdem gegen den Hygienefimmel der Lehrer, denn die ängstliche Buchholz-Kaiser behauptete, Aids könne auch durch Speichel über­tragen werden. In einem Fall traten die Eltern in den Streik und engagierten eine Privatlehrerin.

Nun beherrschte der VPM die Schlagzeilen. Es kam zu Konflikten an der Uni, an der Kantonalen Maturitätsschule für Erwachsene und an Berufsschulen, wo VPM-Anhänger aktiv waren. Als sich ­Regierungsrat Alfred Gilgen einmischte, eskalierte die Situation. VPM-Anhänger legten Wanzen, hörten Telefone ab und stahlen Post aus einem Briefkasten. Das Auto eines Volksschulbeamten ging gar in Flammen auf. Auch Buchholz-Kaiser liess sich zu einer rechtswidrigen Tat hinreissen und kopierte an der Uni eine Arbeit, die sich kritisch mit dem VPM auseinandersetzte. Sie wurde zu einer Busse verurteilt.

Ableger im Ausland

Da sich auch in Deutschland und Österreich VPM-Ableger bildeten, berichteten alle grossen Fernsehsender und Printmedien dieser Länder über das unerklärliche Schweizer Phänomen. Der VPM sorgte also für Schlagzeilen über die Grenzen hinaus, und sogar der Deutsche Bundestag befasste sich ausführlich mit Buchholz-Kaiser und ihren Anhängern.

Die breite Front von Medien und Po­litikern verstärkte die Verfolgungsängste von Annemarie Buchholz-Kaiser. Sie ­verbarrikadierte sich an der Zürcher Susenberg­strasse 53 und engagierte Leibwächter, die sie rund um die Uhr bewachten. Verliess sie einmal das Haus, wurde sie von einem Konvoi begleitet.

Buchholz-Kaiser zwang ihre Kritiker aufs juristische Parkett. Sie wies die Anwälte unter ihren Anhängern an, diese einzuklagen, von Eltern über Medien bis zu Schulbehörden und der Bischofs­konferenz. So traten sie eine Lawine mit mehreren Hundert Prozessen und Strafanzeigen in der Überzeugung los, die Richter würden die Kritiker in den Senkel stellen. Doch das Abenteuer wurde zum Desaster, die Lawine überrollte sie selbst. Die beinahe flächendeckenden Nieder­lagen kosteten den VPM ein Vermögen.

Die juristischen Pleiten verstärkten die Verschwörungsideen der VPM-Chefin weiter. Sie witterte ein Komplott der linken Politiker und Richter. Deshalb flüchtete sie aus Zürich und zog in ihr Elternhaus nach Dussnang. Dutzende von Anhängern folgten ihr in den Hinterthurgau, kauften Häuser und mischten sich in die Lokalpolitik ein. Im Tannzapfenland sorgte Buchholz-Kaiser für die nächste Überraschung. Die Lehrer, Ärzte und Psychologen wurden Selbstversorger und besuchten Landwirtschaftsschulen. Sie erwarteten den grossen globalen Kollaps und hatten Angst vor vergifteten Lebensmitteln. Buchholz-Kaiser legte sich grosse Wachhunde zu, die auch mal Schafe rissen. Pferde und Lamas bevölkerten ihren Hof. Sie witterte Gefahr durch CIA und Mossad und fühlte sich von einzelnen Anhängern bedrängt.

Das wurde manchen dann doch zu viel, immer mehr Mitglieder setzten sich ab. Somit schrumpften die Einnahmen. Buchholz-Kaiser hatte zunehmend Finanzprobleme, zumal auch die Aus­lastung im grossen Schulungszentrum in der ehemaligen Textilfabrik in Bazenheid SG sank. Aussteiger vermuten, dass Buchholz-Kaiser Stiftungsgelder verwendete, um Löcher zu stopfen.

Die Finanzprobleme verschärften die internen Spannungen in den letzten Monaten. Buchholz-Kaiser überwarf sich mit manchen der treusten Anhänger, wie die vielen Mutationen im Handels­register bei verschiedenen VPM-nahen Organisationen zeigen.

Wer bewahrt das Erbe?

Am Mittwoch ist Annemarie Buchholz-Kaiser 74-jährig in ihrem Haus ge­storben. Das haben Recherchen des «Tages-­Anzeigers» ergeben. Die Todesursache ist nicht bekannt.

Wie bei allen sektenartigen Gruppen werden die verbliebenen Anhänger versuchen, das Erbe der verstorbenen Führungsfigur zu bewahren. Der frühe und überraschende Tod von Buchholz-­Kaiser erwischt sie aber zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger gibt es nicht, und die desolate Hinterlassenschaft stellt die letzten Treuen vor schier unlösbare ­Probleme. Die wechselvolle Ära der VPM-Anhänger und Buchholz-Kaiser-Schüler läuft wohl nach rund 60 Jahren bald aus.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.05.2014, 23:54 Uhr

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