Doppelt so viele Luftraumverletzungen am Himmel

117 Mal sind Flugzeuge unerlaubt in den kontrollierten Luftraum des Flughafens eingedrungen. Jetzt hat Bundesrätin Doris Leuthard reagiert.

Viel benutzt - aber von Skyguide kontrolliert: Der Luftraum über dem Flughafen Zürich.

Viel benutzt - aber von Skyguide kontrolliert: Der Luftraum über dem Flughafen Zürich. Bild: Pia Wertheimer

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Bundesrat ist alarmiert: Im vergangenen Jahr hat die Flugsicherung Skyguide in der Schweiz 359 Luftraumverletzungen registiert. Verglichen zu 2014 (239) bedeutet dies eine Zunahme von mehr als 50 Prozent. Alleine beim Zürcher Airport sind 117 Mal Flugzeuge unerlaubt in den von den Lotsen kontrollierten Luftraum eingedrungen. Das sind fast doppelt so viele Vorfälle als noch ein Jahr zuvor (67).

Die sprunghaft angestiegene Zahl an Luftraumverletzungen hat Bundesrätin Doris Leuthard dazu bewegt «ein Jahrhundertprojekt» anzustossen. Sie hat das Bundeamt für Zivilluftfahrt (Bazl) beauftragt die Struktur des Schweizer Luftraums neu zu gestalten - und zwar von Grund auf.

Immer wieder analysieren die Experten der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) Zwischenfälle, bei denen die unerlaubten Einflüge nur mit Glück keine fatalen folgen hatten. So kam es am 25. August 2016 zu einer gefährlichen Annährung zwischen einem deutschen Segelflieger und einem Langstreckenjet der Edelweiss. Ein Monat zuvor kamen sich ein Heissluftballon und ein Geschäftsflieger im Anflug zu nahe. Auch in Basel ereignete sich kürzlich eine kritischen Begegnung zwischen einer Drohne und einem Airbus A320 von Easyjet. Eine besonders prekäre Situation trug sich im Juli 2015 zu als die Piloten eines Swiss-Jumbolinos im letzten Moment drei Heissluftballonen auswich. Vertikal trennten das Linienflugzeug und die Ballongruppe lediglich 80 Meter, der horizontale Abstand betrug an die 700 Meter.

Einer der Gründe für die zahlreichen unerlaubten Einflüge ist laut Skyguide-Sprecher Vladi Barrosa die komplexe Struktur des Luftraums insbesondere in der Nähe der Landesflughäfen.

«Dichtestress» am Schweizer Himmel

Für Verkehrsministerin Leuthard steht zudem fest: «Es herrscht so etwas wie Dichtestress am Schweizer Himmel», sagte sie anlässlich des Schweizer Luftfahrtkongresses. «Wie auf der Strasse und den Schienen sind wir auch in der Luft um Sicherheit und Engpassbeseitigungen bemüht.» Die Ausarbeitung einer neuen Struktur sei zielführender, als an den Brennpunkten «Pflästerlipolitik» zu betreiben. So soll auch die Effizienz in den stark benutzten Räumen erhöht werden. Für die Verkehrsministerin steht fest, dass alle Beteiligten für dieses Vorhaben an den Verhandlungstisch gehören. «Wir werden versuchen all den verschiedenen Interessenten den optimalen Raum zu bieten.» Allerdings liege es an den einzelnen Nutzern von maximalen Forderungen abzusehen. «Sie müssen allenfalls geographisch mehr Flexibilität zeigen.» Vor dem Hintergrund der zunehmenden Zwischenfällen könnte dies bedeuten, dass die Privatpiloten mit ihren verschiedenen Fluggeräten aus dem Raum des Zürcher Flughafens verbannt werden.

Dagegen wehrt sich der Aero-Club der Schweiz. Der Dachverband der Leichtaviatik zählt 24000 Mitglieder und vereint die Sparten Motor-, Segel- , Modell-, Helikopterflug, Fallschirmspringen und Ballonfahren. Generalsekretär Yves Burkhardt begrüsst zwar grundsätzlich den von Leuthard eingeschlagenen Weg. «Einseitige, ausschliesslich zu unseren Lasten gehende Luftraumanpassungen werden wir aber nicht akzeptieren.» Die allgemeine Fliegerei spiele eine bedeutende Rolle innerhalb der Schweizer Aviatik: «Schliesslich hat jeder Pilot eines Verkehrsflugzeugs oder eines Kampfjets sein fliegerisches Handwerk in einem Kleinflugzeug erlernt.»

Kein Kavaliersdelikt

Die Flugsicherung Skyguide zeigt sich ob des Entscheides von Bundesrätin Leuthard erfreut: «Schon seit Jahren machen wir uns für eine Vereinfachung des Luftraumes stark», sagt Sprecher Vladi Barrosa. Das gelte insbesondere für den kontrollierten Luftraum über dem Flughafen Zürich. Für ihn steht fest: «Das ist eine Frage der Sicherheit.»

Wie die Brisanz der einzelnen Vorfälle zeigt, sind die unerlaubten Einflüge keine Kavaliersdelikte. Das widerspiegeln auch die Sanktionen: Wer ohne Erlaubnis in einem von Lotsen kontrollierten Luftraum unterwegs ist, muss mit einer Busse oder einem Entzug der Fluglizenz rechnen. In schwerwiegenden Fällen werden neben der Sust die Bundesanwaltschaft oder die lokalen Gerichtsinstanzen eingeschaltet. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.11.2016, 23:33 Uhr

Artikel zum Thema

Grosse Gefahr durch kleine Flieger

In den letzten vier Wochen sind ein Dutzend Kleinflugzeuge und andere Flugobjekte unerlaubt in den Zürcher Luftraum eingedrungen. Es kam zu mehreren Beinahekollisionen. Mehr...

Die Zielkonflikte am Flughafen

Im Zürcher Luftraum kommt es immer wieder zu gefährlichen Annäherungen. Dies, weil die Situation am Flughafen geprägt ist von Akteuren mit verschiedenen Interessen. Mehr...

«Ganz ausschliessen lässt sich ein Crash nie»

Für den Chef des Bundesamtes für Zivilluftfahrt, Peter Müller, hat die Sicherheit am Flughafen Zürich oberste Priorität. Darum setzt er sich für die Pistenverlängerung und für Abflüge über die Goldküste ein. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Blogs

Mamablog Eine Frage der Haltung

Welttheater Freiheit für Canvey Island!

Die Welt in Bildern

Der Boden ist Lava: Eine Frau schaut Kindern zu, wie sie auf beleuchteten Kreisen in einem Shoppincenter in Peking spielen. (22. Oktober 2017)
(Bild: AP Photo/Andy Wong) Mehr...