Drohneneinsatz im Gotteshaus

Jugendliche lassen in der mittelalterlichen Kirche in Wiesendangen einen Hexakopter fliegen, um die mittelalterlichen Fresken zu filmen.

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Erst wird sich der Liebe Gott lediglich denken, in seiner Kirche in Wiesendangen werde Staub gesaugt. Dann wird er sich wundern, woher die Windböen kommen, welche in die Seiten der geöffnet daliegenden Bibel fahren, und schliesslich wird ihn ein undefinierbares Heulen beunruhigen. Wenn er nun einen Blick in seine Filiale in dem schmucken Dorf bei Winterthur werfen würde, bliebe ihm vor Staunen der Mund offen – wenn er denn einen hätte.

Zu solch von manchen wohl als ungebührlich empfundenen Gedanken verleitet die Projektarbeit zweier 15-jähriger Sekundarschüler, Simon Meier und Benjamin Baumann. Sie stehen im mit spätmittelalterlichen Fresken bemalten Chor der reformierten Kirche und lassen ihren ferngesteuerten Helikopter fliegen. Von einem Kinderspielzeug zu sprechen, wäre despektierlich: Genau besehen ist es ein fast veloradgrosses Flug­gerät mit sechs Propellern. Ein fünf Kilo schwerer Hexakopter, der mit einer ­kleinen Filmkamera ausgestattet ist.

Neue Blickwinkel

Am Anfang stand die Idee, für die Abschlussarbeit in der dritten Sek etwas mit ferngesteuerten Fluggeräten zu machen. Simon ist darin ein Crack, hat er doch mit seinem Vater, der im Militär Helikopterpilot ist, von klein auf Modellflugzeuge gebaut. Dass aber dieses Rieseninsekt ausgerechnet in einer Kirche herumschwirrt, hat auch einen fami­liären Hintergrund: Benjamins Vater ist der hiesige Pfarrer. Und dieser möchte neue Perspektiven des Gotteshauses erschliessen. «Mit solchen Bildern können wir den Raum neu erlebbar machen. Das eröffnet neue Blickwinkel», sagt Pfarrer Michael Baumann. Neue Blickwinkel, die auch im übertragenen Sinn guttun.

So haben sie auf der Suche nach Sponsorengeldern erst einmal bei der Kirchenpflege angeklopft; denn die Komponenten, die zu einem Fluggerät ­zusammengebaut wurden, kosteten 3000 Franken. Diese sprach unter dem Titel Jugendarbeit 1000 Franken. Damit wurde das Kirchengebäude zum Drehort und die Heiligen wurden zu Filmstars. Wir sehen den heiligen Antonius, den wir bisher nur aus der Ferne und von unten her betrachten konnten, in Gross­aufnahme. Oder wir schauen bei den Aussenaufnahmen von der Kirchturmspitze dem Storch ins Nest – solange der Datenschutz nicht interveniert.

Die heilige Helena im Visier

Simon atmet tief durch, dann betätigt er seine Fernbedienung. Der Hexakopter beginnt rot zu blinken, die Propeller kommen in Schwung, er summt, dann brummt, dann heult er. Endlich hebt er langsam ab. Simon lässt ihn keinen Augenblick aus den Augen und stellt sich immer in eine Linie mit ihm. Später erklärt er: «Ich habe in der Kirche keinen GPS-Empfang, deshalb tariert er sich nicht automatisch aus, wie dies Drohnen gewöhnlich tun.» Er hat zu Hause stundenlang damit geübt, damit es in der Kirche nicht zu einem Crash kommt.

Benjamin schaut währenddessen gebannt auf einen kleinen Bildschirm und gibt leise Kommandos. Die beiden haben ein Drehbuch erstellt, damit etwa der Bilderzyklus in der richtigen Reihenfolge erfasst wird und die Kaiserin ­Helena nicht das Kreuz Christi findet, bevor sie überhaupt im Heiligen Land angekommen ist.

Nun nähert sich der Flieger hoch oben im Schiff den Kirchenfenstern. Simons Vater hält den Atem an. Die Szene erinnert an das hässliche Geräusch eines Falters, der in einer Sommernacht in hell erleuchtete Fensterscheiben knallt. Doch Simon kaut in aller Ruhe seinen Kaugummi und holt das Gefährt aus der Gefahrenzone. Sein Vater entspannt sich: Es sei wirklich nicht so einfach, dieses Gerät präzis zu steuern, sagt er. Sein Sohn habe aber viel Erfahrung darin. Die stellt er nun unter Beweis, indem er nach ins­gesamt gut zehn Minuten Flugzeit den Brummer ganz sacht auf dem Taufbecken absetzt. «Cool», sagen die beiden. «Der Flug – und die Kirche.»

Präsentation im Rahmen einer Ausstellung der Abschlussarbeiten am 4. Februar zwischen 9 und 11 Uhr im Sekundarschulhaus Wiesendangen.

Erstellt: 28.01.2015, 15:56 Uhr

Video: Doris Fanconi und Jean-Yves Mertenat

Simon Meier

Benjamin Baumann

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