Eigene Kinder entführt – sechs Jahre Gefängnis

Ein Vater, der seine zwei Söhne nach Tunesien entführte, ist vom Obergericht zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt worden. Die Folge: Die Kinder wachsen ohne Eltern auf.

Der Verurteilte drohte mit der Tötung seiner Kinder: Verhandlungssaal im Zürcher Obergericht.

Der Verurteilte drohte mit der Tötung seiner Kinder: Verhandlungssaal im Zürcher Obergericht. Bild: Keystone

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«Wir wollen keine Geschenke, sondern dass Du nach Hause kommst. Wie viele Male müssen wir noch schlafen?», fragen der achtjährige Elias und der sechsjährige Jonas ihren Vater am Telefon. Sie glauben, er arbeite in der Schweiz, während sie in Tunesien bei ihren Grosseltern auf seine Rückkehr warten. Was sie nicht wissen: Ihr Vater ist seit dem 19. Oktober 2010 in Haft. Und er wird es möglicherweise noch (mindestens) bis zum 19. Oktober 2016 bleiben.

Heimlich Reisepässe besorgt

Wann die ganze Tragödie ihren Anfang genommen hat, ist schwer auszumachen. Klar ist nur, dass sich die damals 21-jährige Schweizerin Janine und der 25-jährige Tunesier Issam in der Türkei kennenlernten, wo er als Animateur arbeitete. Nach einem Jahr des Zusammenlebens in der Türkei beschloss das Paar in die Schweiz zu ziehen und zu heiraten. Viereinhalb Monate nach der Heirat war der erste Sohn geboren.

Klar ist auch, dass das Paar ab Ende März 2009 getrennt lebte, und Janine im August 2009 aus dem Thurgau zurück nach Winterthur zog. Im Rahmen des Eheschutzverfahrens wurde ihr die Obhut über die beiden Buben zugesprochen, der Vater erhielt ein Besuchsrecht. Was die Mutter nicht wusste: Bereits zwei Monate vor der Trennung hatte der Vater tunesische Reisepässe für seine Kinder besorgt. Dabei enthielt die Vereinbarung die deutliche Weisung, dass er mit den Kindern nur die Nachbarländer der Schweiz besuchen darf.

Im August 2010 brachte der Vater seine Söhne mit dem Zug nach Italien und von dort per 25-stündiger Schiffsreise nach Tunis. Ein paar Tage später schrieb er ihr eine E-Mail und verlangte von ihr 170'000 Franken. Auf diese Weise könne sie verhindern, dass er mit den Kindern nach Libyen auswandere. Ausser Frage stand, dass die Kinder bei ihm bleiben. Wenn sie die Kinder sehen wolle, müsse sie halt auch nach Tunesien kommen.

Vater liess sich Obhut zusprechen

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Kinder befinden sich weiterhin in Nordafrika. Und Issam weigert sich standhaft, einen Beitrag zu deren Rückführung zu leisten. Im Gegenteil: Er liess sich von einem tunesischem Gericht die Obhut über die Kinder erteilen und erwirkte einen Beschluss, wonach die Kinder ohne seine ausdrückliche Erlaubnis nirgendwohin reisen dürfen.

Das Zürcher Obergericht nannte ihn am Montag «eklatant uneinsichtig». Mit sich reden lassen würde er nur unter drei Bedingungen, meinte der Beschuldigte: Die Behörden, insbesondere das Migrationsamt des Kantons Thurgau, begegnen ihm mit dem gehörigen Respekt. Er wird unverzüglich in Freiheit gesetzt. Und ihm wird für die Schweiz eine Aufenthaltsbewilligung erteilt.

Angst vor Ausschaffung

Hinter diesen drei Forderungen verbergen sich auch die Erklärungen für die mehrfache qualifizierte Freiheitsberaubung und Entführung, das mehrfache Entziehen von Unmündigen und die versuchte Erpressung. Obwohl er mit seiner Frau fünf Jahre verheiratet war, hätten die Behörden die Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung eineinhalb Jahre hinausgezögert.

Hinter dieser Verzögerung stecke auch seine Frau, die gegen ihn Stimmung gemacht habe. Er habe keinen anderen Ausweg mehr gesehen, sondern einfach Angst gehabt, die Schweiz verlassen zu müssen und seine Kinder nie mehr zu sehen. Zudem gab es Streit um das Besuchsrecht, wobei sich die Behörden konsequent auf die Seite seiner Frau gestellt hätten. Dabei habe er nie Sozialhilfe beanspruchen müssen, sondern immer gearbeitet. Er sei auch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Die Auseinandersetzungen des Ehepaars, die gegenseitigen Vorwürfe, die gegenseitigen Bestreitungen würden mindestens ein halbes Buch füllen. In den Medien wurde der Streit in Wort und Bild breit abgehandelt.

Vom Bezirksgericht Winterthur war der Tunesier im Januar dieses Jahres zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren verurteilt worden. Das Gericht sprach von «fortdauernder Zelebrierung seiner Machtposition», von «Egoismus» und «Rache» und davon, dass der Mann «offenbar in keiner Art und Weise gewillt ist, der unseligen Situation ein Ende zu setzen, und jegliche Vernunft und Einsicht vermissen lässt». So sah es auch das Obergericht, obwohl es die Strafe um zwei Jahre reduzierte. Auch die sechs Jahre seien eine «strenge Strafe» für dieses Beispiel einer «klassischen Selbstjustiz».

... und die Kinder?

Das Urteil hat natürlich Konsequenzen - für alle Beteiligten. Die Mutter muss weiterhin nach Tunesien reisen, um ihre Kinder zu sehen. Kinder, die inzwischen die deutsche Sprache wieder verlernt haben und Arabisch sprechen - was den telefonischen Kontakt nicht eben erleichtert. Der Vater wird, wenn er bei seiner Haltung bleibt, die gesamte Strafe absitzen müssen und kann nicht auf eine bedingte Entlassung nach zwei Drittel der Strafe hoffen. Dazu kommt: Weil die Entführung ein Dauerdelikt ist, macht er sich nach Fällung des Urteils weiterhin strafbar. Ändert er seine Haltung nicht, wird er erneut angeklagt und verurteilt. Mit einer wesentlichen Änderung: Die Strafhöhe wird dann auf der Basis eines vorbestraften Täters festgelegt. Möglicherweise wird er dann länger als die ursprünglichen acht Jahre hinter Gittern verbringen.

Und die Kinder? Sie werden noch unzählige Male schlafen müssen, bis sie ihren Vater wiedersehen. Und die Entfremdung von der Mutter schreitet fort. Daran ändert auch ein Besuch alle drei Monate nicht viel. Die Kinder werden mutmasslich ohne ihre Eltern aufwachsen, bis sie in dem Alter sind, in dem sie selber entscheiden können, wo und mit wem sie leben wollen.

Erstellt: 10.09.2012, 17:37 Uhr

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