Ein Bauerndorf hat sich zum Steuerparadies gespart

Nicht Zollikon, nicht Herrliberg ist die steuergünstigste Gemeinde im Kanton Zürich, sondern das ländliche Neerach. Warum eigentlich?

Idyllisch und steuergünstig: Neerach.

Idyllisch und steuergünstig: Neerach. Bild: David Baer

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73 Prozent beträgt der Steuerfuss von Neerach. Das Dorf im Bezirk Dielsdorf hat keine Börse, keinen See, keinen Flughafen. Wie kommt es, dass an der Spitze der Rangliste der steuergünstigsten Gemeinden im Kanton Zürich keine Goldküstengemeinde liegt?

In Neerach kostet der Staatsapparat schon seit längerem wenig, 2004 betrugen die Gemeindesteuern gar nur 69 Prozent. Es gab aber auch schon andere Zeiten. «Vor fünfzig Jahren war Neerach ein armes Bauerndorf», erklärt Gemeindepräsident Beat Lienhard. Der SVP-Politiker steht seit fünf Jahren an der Spitze des 2900-Seelen-Dorfs. Auf die Frage, warum das Steuerklima gerade in seiner Gemeinde so attraktiv ist, antwortet Lienhard: «Sparsamkeit.»

Laut Gemeindeschreiber Martin Kunz profitieren die Bürger von Neerach von einer strikten Ausgabendisziplin, die schon seit Generationen bestehe. «Wir haben immer nur gebaut, was wir auch zahlen konnten.» Posten wie die Oberstufe, eine Feuerwehr und den Zivilschutz stemmt Neerach nicht allein, diese Aufgaben werden kostengünstig im Verbund mit Nachbargemeinden finanziert.

Landhandel brachte Einnahmen

Stärker als die Ausgaben sind in den letzten dreissig Jahren die Einnahmen gewachsen. Grosse Firmen gibt es in Neerach nicht, der Löwenanteil der Einnahmen stammt von natürlichen Personen. Und die sind nicht einmal besonders reich: «Die Steuerkraft pro Einwohner beträgt rund 5500 Franken», erklärt Gemeindepräsident Lienhard. Das ist überdurchschnittlich, aber weit von den fünfstelligen Summen entfernt, die von den Steuerzahlern an der Goldküste versteuert werden.

Eine stetig sprudelnde Quelle war aber die Grundstückgewinnsteuer. Neerach ist seit 1970 um mehr als das dreifache gewachsen, entsprechend viel wurde gebaut. Nun aber naht das Ende des Wachstums, das Naturschutzgebiet Neeracherried setzt der Siedlungsentwicklung Grenzen. In den nächsten Jahren wird das Dorf auch mehr in den Finanzausgleich überweisen müssen. 2010 waren es 2,3 Millionen – fast 800 Franken pro Kopf. «Wir werden die Steuern demnächst um 5 Prozent erhöhen müssen», prophezeit Lienhard deshalb.

Neerach bleibt attraktiv

Allzu beunruhigt sind die Neeracher darüber nicht. Standortvorteile wird die Gemeinde auch dann zuhauf haben: Der Dorfkern mit seinen Riegelhäusern ist hübsch, das Neeracherried bleibt ein beliebtes Naherholungsgebiet, die Aussicht darauf unverbaubar. Die regionalen Zentren Dielsdorf und Bülach mit ihrem Angebot sind nah, die Stadt Zürich nur etwa eine halbe Stunde per Bus und Bahn entfernt. Von der Nähe zum Flughafen hat die Gemeinde nicht nur in der Vergangenheit profitiert, als sie von vielen gutbezahlten Swissair-Piloten als Wohnort gewählt wurde. «Von Neerach nach New York müssen Sie nur einmal umsteigen», scherzt Gemeindeschreiber Kunz.

In den anderen Unterländer Gemeinden wird die Tiefsteuerstrategie des Dorfs mit Argusaugen beobachtet. Dass die Neeracher sich immer wieder den Vorwurf gefallen lassen müssen, von der Infrastruktur der grösseren Nachbarorte zu leben, stört sie nicht. «Logisch, dass das immer wieder ins Feld geführt wird», meint Kunz. «Mit dem Neid muss man leben.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.01.2011, 16:31 Uhr

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