Ein Bürgerlicher füllt die Lücke des Männerbeauftragten

Seit Januar arbeiten erstmals gleich viele Männer wie Frauen bei der umstrittenen Zürcher Fachstelle für Gleichstellung. Der neue Mann ist ein Exekutivpolitiker aus einer der reichsten Gemeinden.

Neu angestellt bei der kantonalen Fachstelle für Gleichstellung von Mann und Frau: Urs Keim, der auch im Rüschliker Gemeinderat sitzt.

Neu angestellt bei der kantonalen Fachstelle für Gleichstellung von Mann und Frau: Urs Keim, der auch im Rüschliker Gemeinderat sitzt. Bild: PD

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Ein Jahr nach dem Abgang des letzten kantonalen Männerbeauftragten vermeldet die Zürcher Fachstelle für Gleichstellung wieder einen männlichen Neuzugang: Der 57-jährige Urs Keim kümmert sich neu als wissenschaftlicher Mitarbeiter um Themen der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben und pflegt Kontakte zu Arbeitgebenden.

Keim war zuvor bereits auf Mandatsbasis für die Fachstelle tätig, wie Leiterin Helena Trachsel bestätigt. Er ist also kein Newcomer. Speziell ist aber, dass er Gemeinderat von Rüschlikon ist – und nicht etwa ein Linker. Er ist zwar parteilos, positioniert sich aber klar als Bürgerlicher. Vor Jahren war er in der FDP und auch im Vorstand der Lokalpartei. Doch als er genug hatte vom Job, trat er aus der Partei aus. Im Frühling 2014 ersetzte er im Rüschliker Gemeinderat einen SVP-Mann.

Balsam für die SVP?

Ist die Anstellung von Keim also ein geschickter Schachzug von Fachstellenleiterin Trachsel, um die fast alljährlichen Angriffe der SVP auf ihre Fachstelle abzuwehren und die Bürgerlichen ins Boot zu holen? «Mitnichten», sagt Trachsel. Sie habe den zweifachen Vater Keim als erfahrenen, besonnenen und glaubwürdigen Experten in Sachen Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben kennen gelernt. Keim habe sich als guter Vermittler für den von der Fachstelle alle drei Jahre verliehenen Prix Balance entpuppt.

Trachsel hat als frühere Mitarbeiterin des Versicherungskonzerns Swiss Re Kontakte zu globalen Unternehmen, Keim kennt sich als ETH-Ingenieur und Headhunter bei den KMU und der Technikbranche aus. «Wir ergänzen uns, um möglichst viele Firmen zu erreichen und unseren Gleichstellungsauftrag zu erfüllen», sagt Trachsel.

Keim hat eine eigene Firma, mit der er sich auf strategische Personalfragen spezialisiert hat. Dabei hat er festgestellt, dass die meisten Firmen offen sind für Frauen in Kaderpositionen. Doch ab dem mittleren Management gebe es schlicht zu wenige Frauen. Immerhin zeigt die Tendenz laut Keim nach oben. Sein Ziel ist, das Potenzial der gut ausgebildeten Frauen und der älteren Mitarbeiter besser auszuschöpfen. Das mache einerseits aus volkswirtschaftlichen Überlegungen Sinn. Andererseits geböten dies die Demografie und die Politik, sprich: die Masseneinwanderungsinitiative.

Es gibt keinen Männerbeauftragten mehr

Dass Keim Gemeindepolitiker ist, sieht Trachsel nicht als Problem. Mit der Gemeinde Rüschlikon habe die Fachstelle kaum Kontakt, sagt sie. Auch gebe es mit Keims Gemeinderatsressorts Tiefbau, Werke und Sicherheit keine Interessenkollisionen. Ausserdem sei der 20-Prozent-Job Keims bei der Fachstelle thematisch klar begrenzt.

Durch die Verpflichtung von Keim ist die Männerberatungsstelle des Gleichstellungsbüros wieder in Männerhand. Keim teilt sich die Beratungsaufgabe mit dem 23-jährigen Studenten Yannick Staubli. Seit dem Abgang des letzten Männerbeauftragten, Edgar Frey, per Ende 2013 hatte auch die Fachstellenleiterin Männerberatungen übernommen.

Einen eigentlichen Männerbeauftragen wie Markus Theunert bis 2012 oder «Verantwortlichen für Männeraspekte in der Vereinbarkeitsthematik», wie Trachsel Freys Aufgabenfeld bezeichnet, gibt es auf der Fachstelle nicht mehr. Und das sei gut so, findet Trachsel: «Viele Gleichstellungsthemen betreffen Frauen und Männer respektive Mädchen und Jungen gleichermassen.» Solche Themen sind beispielsweise eine Berufswahl fern von Geschlechterstereotypen sowie familienfreundliche Anstellungsmodelle.

Ruhe nach dem Sturm

Mit der Anstellung von Urs Keim sind im Gleichstellungsbüro erstmals gleich viele Männer wie Frauen beschäftigt: Drei Frauen und zwei Männer teilen sich die 270 Feststellenprozente, dazu kommt ein juristischer Praktikant (wobei die Frauen klar mehr Stellenprozente innehaben).

Mit diesem Ansatz scheint nach den turbulenten Jahren, in denen die zwei Männerbeauftragten innert kurzer Zeit den Job geschmissen haben, wieder Ruhe eingekehrt zu sein. «An unseren Aufgaben und Zielen hat sich nichts verändert in den vergangenen Jahren», sagt Trachsel, «aber die beiden Männerbeauftragten hatten andere Vorstellungen von Gleichstellungsarbeit.»

Erstellt: 20.01.2015, 12:38 Uhr

Helena Trachsel, Leiterin der Fachstelle für die Gleichstellung von Mann und Frau. (Bild: Keystone )

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