«Tages-Anzeiger»-Meeting

Ein Bundesrat, vielleicht für die Geschichte

Bundesrat Alain Berset (SP) sprach vor 300 Gästen über die Sanierung der AHV – und über sein früheres Training als 800-Meter-Läufer.

Hiess Bundesrat Alain Berset auf der Schiffbau-Bühne willkommen: Tamedia-Präsident Pietro Supino.(Übernahme des Live-Streams mit reduzierter Qualität).
Video: Jan Derrer

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Ein Sozialdemokrat begeistert alle – und stösst mit seinen Ideen zur Sanierung der Sozialwerke auf eine gefühlte Zustimmung von 90 Prozent. Das ist sehr viel – nicht nur für einen Genossen. Zumal unter den Gästen, die Tamedia-Präsident Pietro Supino, CEO Christoph Tonini und Chefredaktor Res Strehle in die grosse Schiffbauhalle eingeladen hatten, viele kritische Unternehmer, Politiker und Medienleute waren. Der erst 40-jährige Alain Berset kam so gut an, weil er gleichzeitig den soliden Staatsmann mit beeindruckender Dossierkenntnis, den ehemaligen Spitzensportler und den charmanten Barpianisten gab.

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Ob es um die Bestzeit des ehemaligen 800-Meter-Läufers ging (1:54,06) oder um die Summe der zu viel bezahlten Medikamentenpreise an die Pharmaindustrie (740 Millionen Franken im Jahr) – die Zahlen kamen auswendig und schnell. Ebenso elegant flocht der Freiburger Politik- und Wirtschaftswissenschafter Anekdoten aus seinen Jugendjahren ein. Als 19-Jähriger habe er in Brasilien während ein paar Monaten seinen Lebensunterhalt als Pianist verdient. Berset ist nicht nur Jazzer, er beherrscht auch das Unterhaltungsmetier. «Um auf Richard Clayderman zu machen, fehlen mir die Haare», schränkte er ein.

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Pietro Supino schilderte Berset in seiner Begrüssungsrede als intelligenten, scharfsinnigen Politiker, der lieber Mehrheiten suche, statt mit der roten Fahne in der Hand überstimmt zu werden. Sich selber bezeichnete Supino als «stolzen Verleger». Aus dem 120-jährigen Familienbetrieb, an dessen Ursprung der «Tages-Anzeiger» stand, sei heute ein Unternehmen geworden, das auf allen Vertriebskanälen agiere: Papier, online, Tablets und Social Media. Aus der noch in Blei gesetzten Zeitung werde sich der Tagi «erstmals gänzlich von der Materie seiner Verbreitung unabhängig machen», sagte Supino. An ihn gerichtet war denn auch der Appell von Alain Berset: «Die Verantwortung wächst mit der Macht.» Für Tamedia gelte es, eine Balance zu finden zwischen geschäftlichen Synergien sowie den Eigenheiten der Regionen und Landesteile. Supino trug diesem Appell zumindest Rechnung, indem er den Bundesrat in – ziemlich gutem – Französisch begrüsste.

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Dass Berset auch Witz hat und schlagfertig ist, bewies er mehrfach. Als er auf die grossen Reformen in der Sozial- und Gesundheitspolitik zu sprechen kam und auf die Geduld, die es dafür baucht, sagte er augenzwinkernd: «Da muss man dranbleiben.» Nach den ersten Lachern im Saal fuhr er fort: «Das war nun ein Werbespot für den ‹Tages-Anzeiger›, ein Bundesrat sollte dies zwar nicht tun.»

TA-Chefredaktor Res Strehle konterte ebenso schlagfertig, als es um den Steuerstreit mit Deutschland ging. «Da führen Sie mich aufs Glatteis», sagte Berset – bemüht, Kollegin Eveline Widmer-Schlumpf (BDP) nicht ins Gärtchen zu treten. «Der Bundesrat müsste da dranbleiben», schlug Strehle vor, «wir leihen Ihnen unseren Werbeslogan gerne für ein paar Jahre.»

Ein amüsanter Disput ergab sich auch bei der Diskussion um das Verhältnis zur EU. Strehle versuchte Berset mit der Behauptung aus dem Busch zu klopfen, er habe Sympathien für eine Neuauflage des EWR. Berset fragte grinsend: «Woher haben Sie diese Informationen?» Worauf Strehle den Journalisten rauskehrte und sagte: «Wir schützen unsere Quellen.» Als dann Strehle nachhakte, wie der Bundesrat das Verhältnis auf eine vernünftige Basis zu stellen gedenke, konterte Berset: «Auch ich schütze meine Quellen.»

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Dann kam die Rede nochmals auf Bersets Karriere als Leichtathlet. «Ich hatte nie so viel Angst um mein Leben wie jeweils am Start eines 800-Meter-Laufes.» Das jahrelange Training bei Kälte und Hitze – zwei bis drei Stunden pro Tag – helfe ihm heute Emotionen zu meistern. Berset legte auch seine Bestzeit über 400 Meter offen: 50 Sekunden und zwei «unverständliche» Hundertstelsekunden. Dafür verlangte er in der Diskussion von jedem Fragesteller seine eigene Bestzeit. 2 Stunden 24 legte Möbel-Pfister-Chef Meinrad Fleischmann offen – «aber im Marathon». Während Philosophieprofessor Georg Kohler gewunden erklärte: «Ich übe mich im Treppensteigen statt im Liftfahren.»

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Zu den 10 Prozent, die von Berset nicht restlos begeistert waren, gehört BaZ-Chefredaktor Markus Somm: Berset sei zwar ein brillanter Handwerker, politisch habe er aber «souverän nichts gesagt», weder zu EU, Steuerstreit noch zum konkreten AHV-Alter. Berset sei «ein geniales Pokerface». Rolf Bollmann, Somms neuer Chef, war milder gestimmt. Berset sei charismatisch und dynamisch. «Er ist sehr leistungsbereit, atypisch für einen Sozialdemokraten.»

Ein schöner Vergleich gelang Benno Schnüriger, Präsident des Katholischen Synodalrats: Berset habe das gleiche Motto für die Revision von AHV und Krankenkasse wie er selbst bei der Renovation der katholischen Kirche: «Geduld haben, austarieren und nicht ins Zeug schiessen.» Doch Berset habe einen einfacheren Gesprächspartner: Die Pharmalobby wolle bloss Geld verdienen, Bischof Vitus Huonder dagegen sei «von oben erleuchtet».

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Christian J. Jenni alias Leo Wundergut versuchte beim Apéro Alain Berset als Pianisten für ein Gedenkkonzert in St. Moritz für den kürzlich verstorbenen Jazz-Pianisten George Gruntz zu gewinnen. Berset zeigte sich diplomatisch-interessiert und sagte auch nicht gleich zu, als ihm Jenni ein 1.-Klass-Ticket für die Rhätische Bahn offerierte.

Ernsthafterer Natur war die Forderung von Carolina Müller-Möhl: Mit einer Erhöhung des Rentenalters für Frauen sei sie grundsätzlich einverstanden. «Dazu gehören aber auch eine entsprechende Familienpolitik und Rahmenbedingungen – zum Beispiel Kinderkrippen.» Für Riccarda Mecklenburg hat Berset das Zeug, mit intelligenten Reformen «als Bundesrat in die Geschichte einzugehen».

Erstellt: 30.01.2013, 08:40 Uhr

«Tages-Anzeiger»-Chefredaktor Res Strehle (l.) im Gespräch mit Bundesrat Alain Berset auf der Schiffbau-Bühne. (Bild: Reto Oeschger)

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