Die Zürcher Gemeinden im Vergleich (1)

Ein Drittel mehr Einwohner innert fünf Jahren

Pfungen und Eglisau sind in den letzten Jahren massiv gewachsen – vier Mal stärker als der Rest des Kantons. Das ist nicht ohne Folgen geblieben.


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Wenn die Pfungener Primarschüler nach den Sommerferien wieder zum Unterricht gehen, nehmen sie in Containern Platz – wie schon in den vergangenen Monaten. Denn ein neues Schulhaus kann voraussichtlich erst nach den Herbstferien bezogen werden. Bis dahin behilft sich die Gemeinde mit einem Provisorium.

Der Grund dafür ist das massive Wachstum: In Pfungen ist die Zahl der Einwohner in den letzten fünf Jahren um 33,2 Prozent gestiegen – mehr als in jeder anderen Zürcher Gemeinde. Fragt man den Gemeindepräsidenten Max Rütimann (SVP), was den Winterthurer Vorort derart expandieren liess, muss er nicht lange nachdenken. Es war vor allem Pfungen-Nord. Dort hat die Gemeinde vor einigen Jahren sehr viel Land erschlossen und verkauft. Dieser Boden wurde innert kurzer Zeit überbaut. Und so stieg Pfungens Einwohnerzahl während der letzten fünf Jahre von 2650 auf 3531. Ein Grossteil der Zuzüger fand ein neues Zuhause in Pfungen- Nord.

Die dort erstellten preisgünstigen Häuser waren schnell verkauft. «Pfungen ist sehr gut gelegen», sagt Rütimann. Die S-Bahn fährt im Halbstundentakt in neun Minuten nach Winterthur. Der Flughafen ist nur 26 Bahnminuten entfernt. Und Schaffhausen, St. Gallen sowie Zürich seien ebenfalls nicht weit, so der Gemeindepräsident. Dennoch sei man in Pfungen schnell in der Natur.

«Zu viel auf einen Klapf»

So griffen in Pfungen-Nord vor allem junge Familien zu. Mit dem Effekt, dass die Zahl der Schüler rasch anstieg – jene der Kindergärtler gar um über 40 Prozent. Darauf war die Gemeinde nicht vorbereitet – und verschlief die Schulraumplanung vorerst. So lernen die Schüler nun eben in Containern rechnen und schreiben, während daneben ein neues Primarschulhaus gebaut wird. Das alte hat Pfungen im letzten Jahr abreissen lassen.

17 Millionen Franken kosten die neuen Schulräume – ein happiger Betrag für Pfungen. «Wir werden den Gürtel enger schnallen müssen», sagt Rütimann. Aber bringen mehr Einwohner nicht auch mehr Steuern? Doch, meint der ­Gemeindepräsident, aber die Steuereinnahmen würden weniger rasch steigen als die Ausgaben. Rütimann weiss auch warum: Zum einen können neue Wohneigentümer oft hohe Abzüge machen. Zum anderen haben die günstigen Häuser von Pfungen-Nord nicht die besten Steuerzahler angezogen.

Rückblickend bedauert der Gemeindepräsident das starke Wachstum: «Es war zu viel auf einen Klapf.» In Zukunft werde die Einwohnerzahl von Pfungen nicht mehr so schnell steigen. «Wir geben den Spitzenplatz gerne ab.»

Neuzuzüger verändern Politik

Auch Eglisau will das Bevölkerungswachstum drosseln. Die Unterländer Gemeinde hat in den letzten fünf Jahren nur unwesentlich weniger zugelegt als Pfungen – nämlich um 33,1 Prozent. Blickt man zehn Jahre zurück, steht Eglisau gar mit grossem Abstand an der Spitze: Um enorme 57,7 Prozent ist die Einwohnerzahl dort seit 2003 gestiegen. Damals lebten gut 3000 Einwohner im Städtchen am Rhein. Nun sind es vor ­wenigen Tagen 5000 geworden.

Dies möchte Eglisau demnächst feiern – und dann lange kein solches Fest mehr ausrichten. Gemeindepräsidentin Ursula Fehr (SVP) schreibt auf der Internetseite der Gemeinde: «Nun soll es eine lange Weile dauern bis zur nächsten runden Zahl.» Fehr findet zwar, die Gemeinde habe das Wachstum alles in allem gut gemeistert. Aber viele Eglisauer haben genug. «Sie finden, Eglisau sei gebaut und solle das Wachstum nun erst einmal verdauen», weiss Fehr. Die Gemeinde brauche jetzt eine Konsolidierungsphase.

Die Gemeindepräsidentin plant, die neu entstandenen Quartiere besser mit dem Kernstädtchen zu verbinden, um die Identifikation zu fördern. Denn mit dem Wachstum hat auch das Quartierdenken zugenommen. Jetzt wollen die Dorfteile ihre eigenen Treffpunkte, Kindergärten und Feiern. Auch politisch haben die Neuzuzüger Eglisau verändert. Es kamen Pendler, Künstler und Medienschaffende, die nicht stramm im Sinn der SVP stimmen. So beschloss die ­Gemeinde etwa ein flächendeckendes Angebot an Horten und Kindertagesstätten. «Vor zehn Jahren wäre dies wohl ­abgelehnt worden», glaubt Fehr.

«Der Ballenberg des Kantons»

Auch Schlieren, Fehraltorf und Otel­fin­gen sind in den letzten fünf Jahren stark gewachsen. In all diesen Gemeinden stieg die Einwohnerzahl um 20 Prozent oder mehr. Zum Vergleich: Der Kanton legte insgesamt um 7,2 Prozent zu, die Stadt Zürich um 6,3 Prozent. Betrachtet man die einzelnen Regionen, so haben vor allem das Glattal und das Limmattal überdurchschnittlich stark expandiert. Beide verzeichneten eine Einwohnerzunahme von über 10 Prozent.

Nicht einmal ein Drittel so stark wuchs das Weinland. Dort nahm die Zahl der Einwohner in den letzten fünf Jahren um 2,9 Prozent zu. In Truttikon ist sie gar um 3 Prozent gesunken. Die inzwischen viertkleinste Zürcher Gemeinde zählte Ende 2013 noch 451 Einwohner. Gerne würde sie moderat wachsen, doch Gemeindepräsident Sergio Rämi sagt: «Wir sind am Anschlag.» Fast alles Bauland sei überbaut. Und neues gebe es nicht – wegen der Kulturlandinitiative. «Wir sind so etwas wie der Ballenberg des Kantons Zürich», bedauert der parteilose Rämi. «Wir sollen so bleiben wie zu Gotthelfs Zeiten und können uns nicht entwickeln.»

Truttikon ist nicht die einzige Gemeinde im Weinland, die in den letzten fünf Jahren leicht geschrumpft ist. Auch in Trüllikon, Dorf, Unterstammheim, Berg am Irchel und Ossingen sank die Einwohnerzahl. Ausserhalb des Weinlands trifft dies nur auf die Gemeinden Hagenbuch (bei Winterthur) und Schönenberg (ob Wädenswil) zu. Letztere büsste 2,6 Prozent ein. Nun verliert Schönenberg in den nächsten Tagen die Poststelle.

Erstellt: 18.07.2014, 08:21 Uhr

Zürcher Gemeinden im Vergleich

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