Ein Mahnmal für 79 Opfer

Wie könnte ein Denkmal für die 79 Zürcher Opfer der Hexenverfolgungen aussehen? Zürcher Bildhauerinnen und Bildhauer haben sich dazu Gedanken gemacht.

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Der Stadtrat muss derzeit prüfen, wie der Opfer der Zürcher Hexenverfolgungen gedacht werden könnte. Mit 70 zu 49 Stimmen hat der Stadtzürcher Gemeinderat Mitte Juni ein entsprechendes Postulat der SP überwiesen. Das Thema polarisiert: In Glarus kämpfte ein Verein sieben Jahre lang für ein Denkmal, welches an die Hinrichtung der sogenannt letzten Hexe Europas, Anna Göldi, erinnert. Seit dem 13. Juni dieses Jahres mahnen nun zwei «ewige Lichter» am Gerichtsgebäude in Glarus an das dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte.

«Mahnmal keine staatliche Aufgabe»

Auch in Zürich wurde das Postulat nicht einfach durchgewinkt: Die CVP stellte einen Ablehnungsantrag, da es keine staatliche Aufgabe sei, ein Hexenmahnmal aufzustellen. Und die SVP bezweifelte, dass all die Hingerichteten tatsächlich nichts verbrochen hätten. Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) stellte sich auf den Standpunkt, dass der Stadtrat nicht zuständig sei für ein solches Mahnmal. Die Rechtsnachfolge des damaligen urteilenden Gremiums sei der Kanton. Sie werde beim Kanton in dieser Sache vorstellig werden und ihn bei einem positiven Bescheid unterstützen. Allerdings polarisiert das Thema nicht nur, es inspiriert auch. Der Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat einige Zürcher Bildhauerinnen und Bildhauer angefragt, ob sie spontan aufzeigen oder skizzieren würden, wie ein solches Mahnmal für die Opfer der Zürcher Hexenverbrennungen aussehen könnte. Die Bereitschaft, sich spontan auf dieses Thema einzulassen, war gross. Und die eingegangenen Ideen, von denen wir hier einige aufzeigen, mannigfaltig.

Der ehemalige Zürcher Staatsarchivar Otto Sigg, dessen 2012 erschienenes Buch zu den Zürcher Hexenprozessen mit Todesurteil Auslöser des politischen Vorstosses war, geht von einer schlichten Gedenktafel aus. Als Ort schlägt Sigg den Platz hinter der Wasserkirche am Limmatquai vor, wo auch für Zwingli ein Denkmal steht. Von dort aus startete einst die Überfahrt zum Wellenbergturm, in dem die der Hexerei angeklagten inhaftiert und in Anwesenheit von Zürcher Ratsherren gefoltert wurden. Der Wellenbergturm stand mitten in der Limmat und wurde 1837 abgebrochen. Anna-Maria Bauers Ideenskizze kommt Otto Siggs Idee wohl am nächsten.

Die Zürcher Plastikerin hat im Raum Zürich verschiedene Brunnen gestaltet und Kunst-am-Bau-Projekte realisiert. So etwa die Steinintarsien im Hof der Zentralbibliothek. Von ihr stammt auch das Denkmal für die letzte Fraumünsteräbtissin Katharina von Zimmern im Fraumünsterhof. Bauer würde in den Pflastersteinbelag vor der Wasserkirche einen Bronzequader einlassen, der eine Schrifttafel umrahmt. Auf ihr sind als Hochrelief die Namen der 79 Zürcher Opfer von Hexenverfolgungen verzeichnet. Die Schrifttafel ist abgesenkt und mit Wasser bedeckt, sodass die Wasseroberfläche die Gesichter der Betrachtenden spiegelt. Als Standort für ein Hexenmahnmal würde sich auch der Platz vor dem Rathaus, dem früheren Fischmarkt, anbieten. Dort wurden einst die Todesurteile verkündigt. Oder aber eine Stelle in der Sihl auf der Höhe des vorderen Ausgangs der SZU-Station Selnau. Dort, auf einer Kiesbank mitten in der Sihl und am Stadtrand, wurden die Verurteilten zumeist bei lebendigem Leibe verbrannt.

Mahnmale auch andernorts

Im Stadtstaat Zürich wurden zwischen 1487 und 1701 4  Männer und 75 Frauen nach grausamen Folterungen als Hexen verurteilt und hingerichtet. Dazu kommen jene Fälle aus den Limmattaler Gemeinden, welche in Baden abgehandelt wurden. Damit steht Zürich im Vergleich mit anderen Regionen nicht schlechter, aber auch nicht besser da. In Europa wurden 60 000 Menschen als vermeintliche Hexen verfolgt und hingerichtet. Im Raum der heutigen Schweiz waren es 4000, gleich viele wie in ganz Frankreich und doppelt so viele wie in Italien.

In Glarus wurde die letzte Frau Opfer des Hexenwahns, es ist aber auch der erste Ort, der eine offizielle «Hexenbegnadigung» durchführte. Diese fand weltweit Widerhall und führte dazu, dass mancherorts das Thema aufgegriffen wurde. In Freiburg wurde ein Platz nach der letzten als Hexe verbrannten Frau der Romandie benannt: Place Catherine Repond. Im Avers setzten sich Kunstschaffende unter dem Titel «Hexperimente» mit den dortigen Hexenprozessen auseinander, und in Basel-Stadt strebt der Verein Frauenstadtrundgang eine Gedenktafel an. Der Stadtrat von Zürich hat nun zwei Jahre Zeit für eine Antwort. An Ideen für eine Umsetzung mangelt es nicht.

Erstellt: 30.07.2014, 07:21 Uhr

1: Drei leere Särge

Jürg Altherr

Jürg Altherr denkt sich: «Drei Vitrinen, drei Glassärge. Man kann einen Menschen, tot oder lebendig, aufrecht darin festmachen und einschliessen. Wer reinkommen soll, bleibt offen. Auch wer die andern darin einsperrt, bleibt offen.» Eine Frage des Zeitgeistes – vielleicht. Die abgebildete Skulptur hat Altherr 1977 für eine Ausstellung über Amnesty International gemacht. Ähnliches könnte auch ein Mahnmal für die Opfer der Hexenverfolgungen ausdrücken. Jürg Altherr ist Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer und beschäftigt sich in seinen Werken intensiv mit den Zwischenräumen und Schwebezuständen. Zuletzt gab sein 18 Meter hoher Turm, den er für die Weberei Hueb ob Wald konzipiert hat, zu reden. Dieser hält sich allein durch das Gewicht von Stahlseilen in der Balance. Sein Atelier befindet sich auf dem Gaswerkareal.

2: Lennox und Hekate

Lilian Hasler

Lilian Hasler schreibt: «Auf dem Vorplatz des Grossmünsters wird eine zweischalige Form installiert, die sich auf- und zuschliessen lässt. Es ist eine überlebensgrosse Negativform einer weiblichen Person, die aus Daten von zufällig ausgewählten Frauen gelesen wurde und die um das 1,5-Fache vergrössert wird. Die Arbeit wird die Masse von ca. 240/80/50 cm aufweisen. Die Form ist aus Kunststoff gearbeitet und innerlich erleuchtet. Sie ist begehbar, die Enge, das Eingeschlossensein im Wellenbergturm und in den gesellschaftlichen Verhältnissen wird so unmittelbar erfahrbar. Der Titel des Projekts ‹Lennox und Hekate› spielt auf Shakespeares grosses Drama ‹Macbeth› an, wo uns ein Spiel von Macht und Vorherrschaft geboten wird, das überzeitliche Gültigkeit beanspruchen kann.» Lilian Hasler macht in ihrem Werk durch Interventionen den Raum spürbarer. Sie verwendet dazu immer wieder überraschende Materialien wie Gummi oder Fiberglas und verfremdende Farben.

3: Eine Feuerallee

Heinz Niederer

Niederer weiss bis jetzt: «Kein Denkmal – kein Schrein. Eine Aktion, die soll laut sein. Unglaubliche Kraft entwickeln, brutal sein. Und heiss: eine Feueraktion, Stahlguss, 2400 Grad Celsius. Eine Feuerallee, die in
den Boden eingelassene Tafeln verschmilzt, welche die Namen der Geschändeten zeigen.» Das Feuer hat damit seine Zerstörungskraft gekehrt und schafft nicht Flüchtiges, sondern Beständiges. Heinz Niederers Werke sind zumeist kraftvoll und zugleich poetisch, seine Aktionskunst wechselt zwischen Feuer und Eis, laut und sehr leise, Stillstand und Beschleunigung. Niederer ist wie Altherr Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer. Die beiden arbeiten derzeit an dem Projekt «Gasträume», wo
Orte vorübergehend durch Kunstwerke verändert werden. Derzeit sind Werke in der stillgelegten Unterführung Wipkingen zu sehen.

Feueraktion von Heinz Niederer. Quelle: Heinz Niederer

4: Der andere Scheiterhaufen

Mickry 3

Mickry 3 stellen sich vor: «Ein Scheiterhaufen, zum Beispiel aus Bronze. Ein Scheiterhaufen, der niemals angezündet und allmählich von der Natur zurückerobert wurde. Und Pflanzen und Tieren neuen Boden bereitet.»
Christina Pfander, Nina von Meiss und Dominique Vigne sind Mickry 3. Sie pflegen dem Gewicht des Lebens mit der Leichtigkeit der Kunst zu begegnen und nehmen damit beides ernst

5: Brücke unter Wasser

Piero Maspoli

Piero Maspolis Vision: «Die rohen Blöcke ruhen auf dem Grund. Die Platten liegen unter dem Wasserspiegel und sind ganz wenig höher als der Limmatboden. Je nach Wasserstand könnte/würde der Scheitelpunkt aus dem Wasser ragen. Von der Münsterbrücke aus gut sichtbar und doch ganz still. Präsent, nicht anklagend. Nur fragend.» Piero Maspolis Arbeiten sind vorwiegend aus rohem Sandstein und Granit gefertigt und suchen den Dialog zwischen Kunst, Architektur und Natur. Eines seiner Werke steht vor dem Careum. Sein vorübergehend im Zentrum Schlierens platzierter Container-Turm führte zu einer eigentlichen und breit geführten Debatte über Kultur im öffentlichen Raum. (net)

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