Ein Mann auf eigener Umlaufbahn

BDP-Regierungsratskandidat Marcel Lenggenhager hat keine politische Linie und ist erst noch stolz darauf. Mit seinem tiefen Vertrauen in sich und das eigene Urteil reisst er die einen mit – und überrollt die anderen.

Marcel Lenggenhager in seiner politischen Wahlheimat auf dem Goldenberg in Winterthur: Weil der BDP hier Kandidaten für den Kantonsrat fehlten, liess sich der Zürcher Oberländer aufstellen und wurde prompt gewählt. Foto: Urs Jaudas

Marcel Lenggenhager in seiner politischen Wahlheimat auf dem Goldenberg in Winterthur: Weil der BDP hier Kandidaten für den Kantonsrat fehlten, liess sich der Zürcher Oberländer aufstellen und wurde prompt gewählt. Foto: Urs Jaudas

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Eine Annäherung an Marcel Lenggen­hager von seinen Hosen her zu beginnen, ist, als würde man eine Würdigung Zürichs mit dem Grossmünster eröffnen: ziemlich fantasielos. Und doch ist es zwingend. Nicht etwa, weil jeder, dem man den Namen Lenggenhager hinwirft, als Erstes seine schreiend bunten Kleider erwähnt, als wäre das ein Asso­ziations­spiel. Auch nicht, weil politische Gegner mit spitzer Zunge behaupten, Lenggenhagers Hosen seien das Einzige, womit er auffalle. Sondern weil diese Hosen ein grosses Missverständnis sind, das es erst einmal auszuräumen gilt.

Das Missverständnis besteht im unbekümmerten, ans Komödiantische grenzenden Anschein, den die Hosen ihrem Träger verleihen – immerhin dem Regierungsratskandidaten der BDP. Die umgängliche Art, die dem 58-Jährigen allseits attestiert wird, seine Körperfülle und der quecksilbrige St. Galler Dialekt, der Jahrzehnte im Zürcher Weichspüler unverschliffen überstanden hat, tun ein Übriges. Tatsächlich sind die bunten Hosen aber Ausdruck eines tieferen Charakterzugs, der zum Kern der Kandidatur von Marcel Lenggenhager führt: ein fast schon unheimliches Vertrauen in sich selbst und das eigene Urteil, das er mit entwaffnender Offenheit zur Schau trägt.

Mal links, mal rechts

Als ihn der Zürcher Baudirektor Markus Kägi (SVP) am Rande einer Parlamentsdebatte einmal fragte, ob er eigentlich auch eine stinknormale Hose besitze, trug er am nächsten Tag prompt Schwarz – zu einem leuchtend grünen Jackett. Auf dem Planeten Lenggen­hager trägt man nun mal bunt, und wenn die Welt sich nicht darauf ein­lassen mag, ist das ihr Verlust. «Ich wüsste nicht, warum ich mich uniformieren sollte. Muss ich mich verstellen, nur weil alle anderen Grau tragen?» Wenn Lenggenhager das fragt, wird das Textile zum Politischen.

Sein Selbstverständnis steht in augenfälligem Widerspruch zur Bedeutung seiner Partei, die um ihre Existenz kämpft. Aber die BDP gibt ihm jene Freiheit, die er für sich beansprucht: von Fall zu Fall nach eigenem Ermessen zu urteilen. Als Kantonsrat stimmt er mal mit der Rechten für längere Pisten am Flughafen, mal mit der Linken gegen die Fliegerei auf dem Flugplatz Dübendorf. Er unterstützt die Energiewende auf Bundesebene, spricht sich aber gegen den Atomausstieg des Kantons aus. Dann vermittelt er zwischen SVP und FDP, um sie auf einen gemeinsamen Sparkurs zu bringen – was er als grössten politischen Erfolg betrachtet.

Wenn man nur will, kann man

Dieses Mäandrieren durch die streng ausgerichteten Bänke des Politbetriebs hat für Irritationen gesorgt, von links bis rechts und sogar in der Mitte. Obwohl sich Lenggenhager als Bürgerlicher versteht, kostete ihn das die Aufnahme ins bürgerliche Wahlticket. Das ärgert ihn, schliesslich seien auch die Kandidaten von FDP, SVP und CVP nie einer Meinung. Bei ihm selbst erübrigt sich die Frage nach der Linie: «Man wird bei mir nie eine finden, weil ich nicht geradeaus politisiere», sagt er. Wenigstens müsse er sich jetzt nicht verbiegen. Die Botschaft ist klar: Wer ihn wählt, wählt nicht ein Programm, sondern vertraut auf die Urteils­kraft des Marcel Lenggenhager.

Der Spross einer Gewerblerfamilie findet, dass man ihm das Regierungsamt mit gutem Gewissen zumuten dürfe – das sei nicht bloss ein Job für Juristen. Er habe ein Leben lang Dinge angepackt, von denen er im Voraus nicht wusste, ob er ihnen gewachsen sei. Gestolpert sei er nie. «Wenn man etwas wirklich will, kann man extrem viel schaffen», zitiert er das Credo des Tellerwäschers. Er tut es mit der Überzeugung jener, für die das aufging. In seinem Fall bescherte ihm sein Wille nach einer Spenglerlehre eine rasante Karriere im Detailhandel. Es folgten weitere Branchenwechsel und schliesslich der Schritt in die Unabhängigkeit. Heute leitet er als Unternehmer drei Firmen für Treuhand, Steuer- und Unternehmensberatung.

Initiativ, aber ungeduldig

Lenggenhager sei ein Alphatier, sagen Wegbegleiter, es dränge ihn nach oben. Als er sich noch in der Lokalpolitik von Gossau engagierte, galt er als «Reisser». Einer, der die Dinge ins Rollen brachte und seine Ideen mit Verve vertrat. Allerdings auch einer, der hinter verschlossenen Türen zu aufbrausenden Auftritten neige. Er sei bisweilen «wie mit dem Traktor» eingefahren, heisst es, ohne sich um andere Meinungen zu scheren.

Lenggenhager weiss, dass Ungeduld seine grösste Schwäche ist. Er sei ein Schnelldenker, rechtfertigt er sich – er möge kaum warten, bis auch der Letzte alles durchgekaut habe. «Ich sehe es ja schon; ich weiss, wie ich es gerne hätte.» Weil er das im Feuer sagt, ohne jede Berechnung, schafft er das Kunststück, dabei nicht überheblich zu klingen. Sein Denken konzentriere sich allerdings auf die groben Züge, sagen jene, die mit ihm zusammengearbeitet haben. Er lade sich viel auf, aber die Knochenarbeit sei ­weniger seine Sache. Und wenn er eine Sitzung für unwichtig hält, lässt er sie auch mal sausen. Lenggenhager wischt das mit einem Lachen beiseite – halb so wild.

Der zähe Parlamentsbetrieb, in dem ein Einzelner wenig ausrichten kann, muss für einen mit seinem Temperament eine Geduldsprobe sein. Der Regierungsrat wäre die Flucht nach oben. Falls er ­gewählt würde, möchte er vor allem den Staatshaushalt «einfrieren». Man wüsste gerne, ob er der Aufgabe gewachsen wäre oder ob er sich überschätzt, weil er das Scheitern noch nie hat lernen müssen. Das Format fürs Amt hätte er, sagen Politiker von links bis rechts. Ihr wohlwollendes Urteil ruht jedoch in der Überzeugung, dass er keine ernsthafte Konkurrenz für die eigenen Leute ist.

Nur einer sieht das anders: Lenggenhager selbst. Er glaubt, ein zweiter Wahlgang gegen die bürgerliche Konkurrenz würde spannend. Im Hinterkopf trägt er noch ein anderes Szenario: die Abwahl aus dem Kantonsrat. Sie würde ihn treffen, das schon, aber den Planeten Lenggenhager kaum aus der Bahn werfen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.02.2015, 09:50 Uhr

Marcel Lenggenhager

Eine unerwartete Politkarriere

Der gebürtige St. Galler Marcel Lenggen­hager (58) ist so etwas wie die personifizierte Zürcher BDP: Er ist Kantonsrat, Fraktions­präsident, Kantonalparteipräsident und jetzt auch Regierungsratskandidat. Das kam eher zufällig. Obwohl er in Gossau im Zürcher Oberland lebt, trat er vor vier Jahren in Winterthur zu den Parlamentswahlen an, weil die BDP dort keine Kandidaten hatte und er der Stadt durch ein früheres Amt als ­Handballtrainer verbunden war. Zur eigenen Überraschung wurde er gewählt. Der BDP war er beigetreten, weil ihn alte Weggefährten aus der Lokalpolitik angefragt hatten. In Gossau hatte er einst die FDP in der Schulpflege vertreten. Der Unternehmer ist verheiratet und hat eine Tochter.

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Sieben Fragen

Was denken Sie, wenn Sie eine Frau mit Burka sehen?
Fremd. Das ist ein neutrales Gefühl. Ein Urteil möchte ich mir nicht anmassen.

Wann sind Sie geizig?
Wenn ich mir ausgenützt vorkomme. Wenn ich das Gefühl habe, es mit jemandem zu tun zu haben, der nur profitiert und selbst nichts gibt. Das gilt nicht nur in Geldfragen, sondern auch in allen anderen Belangen, zum Beispiel, wenn es um Zeit oder Hilfe geht.

Geben Sie einer Bettlerin am ­Hauptbahnhof Zürich Geld?
Selten. Es kam auch schon vor, passierte dann aber aus einer momentanen Gemütslage heraus.

Sollen homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen?
Klar nein. Die Natur hat geregelt, dass ein Paar von Mann und Frau jene Form ist, in der Kinder aufwachsen.

Haben Sie eine Ferienwohnung? Wenn ja, wo?

Ja, und zwar wie viele Parlamentarier im Tessin, am Lago Maggiore.

Möchten Sie selbst bestimmen ­können, wann Sie sterben?
Nicht grundsätzlich, aber unter bestimmten Umständen schon: Wenn man nur noch dank lebenserhaltenden Massnahmen am Leben bleibt, sollte man frei entscheiden können.

Wann haben Sie das letzte Mal gelogen und weshalb?

Richtig gelogen? (denkt lange nach) Ich schwindle ab und zu. Ich sagte zum Beispiel schon, dass ich mit etwas fertig sei, obwohl ich es noch nicht war, um etwas Zeit zu schinden oder mir einen gewissen Freiraum zu verschaffen.

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