Ein Scherbenhaufen

Ein Hagelzug hat am Abend des 1. August die Gewächshäuser von Hans Fritz in Brütten zertrümmert. Ein späterer Sturm hat auch im Rafzerfeld und Weinland grossen Schaden angerichtet.

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Am Tag danach ist Hans Fritz vor allem daran, die vom Laub übersäten Gehwege zu wischen. Denn das Aufräumen in den Gewächshäusern wäre zu gefährlich. Immer wieder hört man ein lautes Klirren, wenn sich zerbrochene Scheiben aus der Halterung lösen und in die Tiefe krachen. Der 84-Jährige schaut in den stahlblauen Himmel, nicht weit von ihm dreht sich träge ein grosses Windrad. Was gestern passiert ist, kommt ihm wie ein Spuk vor. «Es sah bis kurz vor dem Hagelgewitter gar nicht so aus, als ob ein Sturm aufziehen würde», sagt er. Auch die gelbliche Färbung der Wolken, die üblicherweise Hagel ankünden, habe er nicht bemerkt. «Doch dann fielen plötzlich golfballgrosse Hagelkörner vom Himmel. Der Lärm war gewaltig.»

1968 hat Hans Fritz auf dem Hügel ob Brütten auf der grünen Wiese auf einer Fläche von 10'000 Quadratmeter Gewächshäuser für seine Gärtnerei aufgestellt. Seit seiner Pensionierung hat er sie vermietet. Hin und wieder habe ein Hagelzug vielleicht zwei oder drei Scheiben zertrümmert, erzählt er. «Doch so etwas habe ich in den letzten 50 Jahren nicht erlebt.» Ein Angestellter eines der Mieter war in einem Gewächshaus gerade daran, eine lecke Wasserleitung zu reparieren, als der Hagel kam. «Es war beängstigend, es war wirklich ein Gefühl, als ob einem der Himmel auf den Kopf fällt», sagt er. Auch er erzählt, dass der Sturm unvermittelt gekommen sei. «Allerdings haben sich die Katzen etwa eine Viertelstunde vor dem Hagel unter den Erdsäcken versteckt.»

Millionenschäden erwartet

Die beiden stehen buchstäblich vor einem Scherbenhaufen: Bei einem 40 Meter langen Glashaus ist kaum eine Scheibe heil geblieben. Das 4 Millimeter dicke Spezialglas konnte der Wucht der Hagelkörner nicht standhalten. Ein kleineres Haus nahm vor allem auf der Südseite Schaden. Und selbst die mit Plastikfolien bezogenen Gewächshäuser sind von Beulen überzogen – «die werden an einigen Stellen nicht mehr dicht sein», ist sich Hans Fritz sicher. Doch habe er Glück im Unglück gehabt, denn die Gebäudeversicherung übernehme die Schäden an den Gewächshäusern. «Mir tun aber die Bauern und Winzer leid», sagt er.

Der heftige Hagelsturm vom Dienstagabend traf vor allem die Region Winterthur. «Bei uns laufen die Telefone heiss», sagt Claudio Hauser von der Zürcher Gebäudeversicherung. Er geht von insgesamt rund 500 Meldungen mit einer Schadensumme von etwa 3 Millionen Franken aus. Und Axa Winterthur spricht von 1500 Schadenmeldungen an Motorfahrzeugen und schätzt die Schadensumme auf rund 4,5 Millionen Franken ein. Laut Meteo Schweiz war dies der erste Hageltag, der dieses Jahr am Messstandort Zürich-Flughafen registriert wird. Eine flächendeckende Statistik über das Auftreten und die Heftigkeit von Hagelunwettern wird dort aber nicht geführt. Forscher der Universität Karlsruhe haben jedoch festgestellt, dass die Zahl der Hagelgewitter in den letzten zwei Jahrzehnten stark zugenommen habe, und erklären dies mit der Klimaerwärmung.

«Damit Hagel entsteht, müssen verschiedene Faktoren zusammenkommen», erklärt Christophe Voisard von Meteo Schweiz. Hagelkörner entstehen, wenn in einer tief liegenden Gewitterwolke «unterkühltes Wasser» an Kristallisationskernen wie etwa Feinstaub gefriert. Dieses Wasser ist zwar kälter als null Grad Celsius, aber noch zu Eis erstarrt. Zudem braucht es wasserreiche Wolken, in denen es einen Kreislauf von Auf- und Fallwinden gibt. Dazu kommt es etwa, wenn es am Boden sehr warm ist. Die warme Luft steigt, wird abgekühlt, fällt, wird wieder erwärmt und steigt. In diesem Auf und Ab werden die Hagelkörner mitgerissen und setzen immer mehr Eis an. Je länger dies dauert, desto grösser werden die Körner. Irgendwann sind sie dann so schwer, dass sie fallen. «Das erklärt auch, weshalb sich Hagelstürme so lokal bilden», sagt Voisard. Das war auch am Abend des 1. August so: Während in Winterthur der Teufel los war, ging in Zürich nicht einmal allzu heftiger Regen nieder. Und Hans Fritz erzählt, wie nach dem Hagelsturm der Himmel ganz schnell aufklarte. «Ich habe nachher bei meiner Tochter im kurzärmligen Hemd draussen den 1. August gefeiert.»

Dann kam der zweite Sturm

Der Spuk war vorbei, der Scherbenhaufen blieb. Und zwischen zwei und drei Uhr in der Früh war das Rafzerfeld und der Bezirk Andelfingen Schauplatz eines weiteren heftigen Unwetters, das zuvor in Waldshut ein Todesopfer gefordert hatte. Der Sturm zog erst dem Rhein entlang, dann übers Weinland in Richtung Bodensee.

Während am Abend hauptsächlich der Hagel Schaden anrichtete, war es später in der Nacht vor allem der starke Wind. Gemeldet wurden der Gebäudeversicherung schief stehende oder abgedeckte Häuser, ein umgekippter Silo und Bäume, die auf Gebäude stürzten. Bisher sind 350 Schadenmeldungen eingegangen. Claudio Hauser gibt aber zu bedenken, dass manche Hausbesitzer die Schäden wohl noch gar nicht bemerkt haben, da sie in den Ferien sind. Er geht daher von etwa 1000 Meldungen und einer Schadensumme von bis zu 10 Millionen Franken aus. «Die Schäden sind er­heblich, doch ist das für uns noch kein Grossereignis», sagt er. Die Schweizer Hagel-Versicherung erwartet ihrerseits etwa 350 Schadenmeldungen an Ackerkulturen, Obst, Gemüse und Reben und einen Schaden von 2 Millionen Franken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.08.2017, 23:22 Uhr

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