Ein Schock mit Ansage

Der Triumph des bürgerlichen Fünfertickets in der Regierungsratswahl ist weniger spektakulär, als man meinen könnte. Pikant wird er erst durch die gegenläufige Entwicklung in der Stadt Zürich.

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Die CVP zahlt den Grünen den Abwahlschock von 2011 heim. Damals war Martin Graf der Triumphator, der in einer unfreundlichen Übernahme den christdemokratischen Sitz von Hans Hollenstein wegschnappte. Vier Jahre später erlebt der gleiche Martin Graf, wie sich sein Kontrahent damals gefühlt haben muss. Die Staatsanwältin Silvia Steiner holt deutlich mehr Stimmen als er und wird letztlich sogar relativ komfortabel gewählt – ein Coup, den man ihr lange nicht zugetraut hätte.

Die Parallelen zur letzten Wahl sind frappant. Damals wie heute glauben die Unterlegenen mit gutem Grund, dass sie sich nichts Entscheidendes vorwerfen müssen. Dass sie vielmehr Opfer von übergeordneten Trends geworden sind. War es damals Fukushima, ist es nun die Aufgabe des Euro-Mindestkurses am 15. Januar. Die wirtschaftlichen Bedenken in der Bevölkerung liessen die ökologischen seither in den Hintergrund treten.

Silvia Steiner hat die Gunst der Stunde genutzt, indem sie sich einem bürgerlichen Ticket anschloss, das genau diese Sorgen in den Vordergrund stellte (während es die Differenzen der bürgerlichen Parteien ausblendete). Zudem hatte sie in den letzten Tagen und Wochen vor der Wahl wegen einer Negativkampagne deutlich mehr Publizität als andere – ohne eigenes Zutun. Eine solche Konstellation ist der Traum jedes Wahlkampfleiters.

Trotz der Dramatik und der Spannung dieses Wahlsonntags ist das Resultat aus der Distanz betrachtet allerdings weniger spektakulär, als man meinen könnte. Die Rückkehr zu einer bürgerlichen Fünfervertretung in der Kantonsregierung ist letztlich eine Rückkehr zum Courant normal. Vor der Jahrtausendwende besetzten SVP, FDP und CVP fast durchs Band fünf der sieben Sitze – obwohl FDP und CVP seit den Achtzigerjahren in einem Umfang Wähleranteile verloren hatten, der dies kaum mehr rechtfertigte. Das war zuletzt von 1995 bis 2003 und von 2007 bis 2011 so. Grosse Überraschungen sind in den kommenden Jahren also nicht zu erwarten. (Auch wenn man natürlich gespannt sein darf, welche Dynamik die drei neu gewählten Frauen entwickeln. Insbesondere, wie sich die resolute und dezidiert links politisierende SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr einbringt.)

Interessant wird die neue Konstellation durch etwas Anderes: durch die Entwicklung in der Stadt Zürich. Dort ist seit Jahren eine gegenläufige Tendenz zu beobachten. Links-Grün hortet Regierungssitze ohne übermässige Rücksichtnahme auf die Wähleranteile der Bürgerlichen. Vor allem die SVP bleibt seit Jahren ausgesperrt, während die ungleich kleinere AL einen Stadtrat stellt.

Weil die Stadt Zürich etwa die Hälfte der Wertschöpfung des ganzen Kantons generiert, haben wir damit die interessante Konstellation, dass sich in Zürich in einer Phase wirtschaftlicher Umbrüche zwei Giganten mit unterschiedlicher Ideologie und unterschiedlichen politischen Kompetenzen gegenüberstehen. Es wird spannend sein zu beobachten, welche Konflikte das mit sich bringt – und welches Modell sich dabei als das erfolgreichere erweist.

Erstellt: 12.04.2015, 18:25 Uhr

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