Ein Weiler wehrt sich gegen Mücken und Lastwagen

Ellikon am Rhein klagt über die Folgen der Thur-Renaturierung.

Ein Königreich für Mücken: Die renaturierten Auen am Unterlauf der Thur.

Ein Königreich für Mücken: Die renaturierten Auen am Unterlauf der Thur. Bild: Keystone

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Im Weiler Ellikon am Rhein leidet man: im Sommer an einer unbeschreiblichen Mückenplage, gestern Abend an Platzmangel im Schulhäuschen. Die Verantwortlichen der Thurauen-Renaturierung hatten zur Information geladen. Sie mussten im 100-Seelen-Ort erhitzte Gemüter beruhigen.

Bis an Bundesrätin Doris Leuthard waren die Ellikerin Evelyne Nägeli und 13 Mitunterzeichner mit ihrem Anliegen gelangt – und natürlich an den Kanton, den Gemeinderat und die Axpo. An alle, die mit der Renaturierung der nahen Thurauen zu tun haben. Seit 2006 sind diese daran, den einst kanalisierten Unterlauf des Flusses an der Mündung in den Rhein wieder aus seinem Korsett zu befreien. 54 Millionen Franken kostet das Naturschutzprojekt, das die umliegenden Felder und das Dorf Ellikon besser vor Hochwasser schützen soll.

Bevölkerung spät informiert

Doch die Elliker fühlen sich von den Planern übergangen. Aus heiterem Himmel haben diese vor wenigen Wochen Pappeln und Hecken auf dem Schönidamm gefällt. Ohne die Elliker erst zu informieren. «Ein Fehler, für den wir uns entschuldigen», sagte Projektleiter Robert Bänziger gleich zu Beginn. Der Damm soll entfernt werden, um dem Rhein mehr Platz zu geben. Doch jetzt, wo klar wird, was das heisst, ist er den Ellikern plötzlich lieb. Die Bauern fürchten, dass in Zukunft die Felder versumpfen – und die übrigen Einwohner fürchten eine Folge davon: die Stechmücken.

Mücken ist man sich am Rheinufer eigentlich gewohnt. Jeder in Ellikon besitzt ein Moskitonetz. Und keiner sitzt im Sommer ohne Mückenspray im Garten. Doch diesen Sommer kannten die Mücken kein Pardon. Die Kinder wurden beim Spielen schon am Nachmittag gestochen, nicht erst am Abend. Die Erwachsenen erwischte es bei der Arbeit im Garten. Ein Bauer klagte gar, er könne seine Kartoffeln nicht mehr einbringen wegen der Plagegeister.

Grund für die Invasion der Stechmücken war der viele Regen im Frühsommer. Im Juni füllten sich die alten, ausgetrockneten Thurläufe. In den Tümpeln entwickelten sich die Mücken prächtig. So gut wie seit dem letzten Rheinhochwasser 1999 nicht mehr. Die Elliker sehen nun ihre Befürchtungen bestätigt: Mit der Renaturierung kommen die Stechmücken zurück.

Drei- bis viertausend Lastwagenfahrten

Bereits im Oktober soll der Damm entfernt werden. Zur drohenden Mückenplage kommen die störenden Auswirkungen der Bauarbeiten hinzu. «50 Millionen haben sie für die Vögel, Biber und Fische zur Verfügung», sagte ein Anwesender. «Aber was ist mit unseren Kindern?» Drei- bis viertausend Lastwagenfahrten wird es brauchen, um den Damm abzutragen – über eine Strasse, auf der die Elliker Oberstufenschüler mit dem Velo zur Schule fahren.

Immerhin betreffend Mücken konnte Robert Bänziger beruhigen. Mit dem Bau sollen keine neuen Brutstätten entstehen. Sollten es doch mehr werden, wird das Bazillus thurigiensis ins stehende Wasser gespritzt, um die Larven abzutöten. Der emeritierte ETH-Professor Peter Lüthy versicherte, dass die Mückenart, die den Ellikern das Leben schwer macht – Aedes vexans, Lateinisch für quälender Taugenichts –, immerhin keine Krankheiten wie Malaria oder Denguefieber verbreitet.

Erstellt: 02.10.2012, 10:58 Uhr

(Bild: TA-Grafik mrue)

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