Ein junger Mann namens Carlos

Monatelang hat der junge Straftäter Carlos die Schlagzeilen beherrscht. Und blieb doch ein Phänomen. Wer ist dieser nun erwachsene Mann, der bald vor Gericht steht?

Carlos, ein Muskelpaket, ein Grossmaul, aber ängstlich und wehleidig. Eine unberechenbare Mischung. Illustration: Robert Honegger

Carlos, ein Muskelpaket, ein Grossmaul, aber ängstlich und wehleidig. Eine unberechenbare Mischung. Illustration: Robert Honegger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Freitag, 28. August, steht er in Dietikon vor Gericht: Carlos. Dann wird es fast auf den Tag genau zwei Jahre her sein, dass die Schweiz zum ersten Mal von diesem jungen Straftäter hörte, der eigentlich anders heisst und der damals eine – vermeintlich – teure Spezial­behandlung erhielt. Nachdem sein Fall bekannt geworden war, schien es in der Deutschschweiz wochenlang kein anderes Thema mehr zu geben. Unzählige Zeilen wurden über Carlos geschrieben, unzählige Diskussionen geführt – aber so sehr er im Gespräch war, so wenig kam er zu Wort. Für die meisten Medien war Carlos nicht zu sprechen.

Und so bleibt die Frage: Wer ist dieser Carlos eigentlich? Anruf bei Anwalt Marcel Bosonnet, seinem Verteidiger. Kann der Tagesanzeiger.ch/Newsnet Carlos treffen? Bosonnet, der vor vier Jahren den Terroristen mit dem­selben Pseudonym vertreten hat, sagt so sanft wie bestimmt Nein. Carlos will nicht mit den Medien reden.

Deshalb ist dieser Text eine Spurensuche. Bei Menschen, die Carlos gut kennen. Menschen, die zu ihrem eigenen Schutz nicht zitiert werden wollen.

Die Herkunft

Wer also ist Carlos? Eines wird schnell klar: Dieser junge Mann ist widersprüchlich. Für die einen kommt er knapp hinter dem Teufel. Andere waschen ihn weiss. Beides ist falsch.

Carlos kommt 1995 in einem Vorort von Paris zur Welt. Der Vater ist Schweizer, Architekt von Beruf. Die Mutter stammt aus Kamerun, ist in der Modebranche tätig. Die ersten Lebensjahre verbringt der Junge in Paris. Es müssen schlimme Jahre gewesen sein. Details sind wenige bekannt, die Rede ist von Misshandlungen und Eingesperrtsein. Das hinterlässt tiefe Spuren. Jahre später werden Fachleute eine schwere posttraumatische Belastungsstörung diagnostizieren.

Noch bevor er in den Kindergarten eintritt, zieht Carlos mit seiner Mutter zum Vater nach Zürich-Wollishofen. Zwischen den Eltern fliegen die Fetzen, irgendwann zieht die Mutter zurück nach Paris, fortan kümmert sich der Vater allein um den Jungen. Obwohl er sich abrackert, kommt sein Architekturbüro nicht recht auf Touren. Zeit für sein Kind hat er nur wenig. Manchmal nimmt er seinen Jungen an Sitzungen mit. Oft überlässt er ihn sich selbst. Carlos geht mit vier allein in die Badi.

Die Kindheit

Schon in jenen Jahren zeigen sich Charakterzüge, die sich zu einer schwer zu bändigenden Mischung fügen. Carlos ist: willensstark, bockig, verletzlich und ängstlich, ein narzisstisches Grossmaul, wehleidig und wenig selbstsicher, fordernd, ungeduldig, hyperaktiv. Ein Kind, das selbst in sich ruhende, erzieherisch versierte Eltern fordern würde. Was es bräuchte, wären klare Strukturen und Regeln – und Ritalin.

Das alles können ihm seine Eltern nicht geben. Sie sind überfordert. Das Medikament, das er bräuchte, verweigert ihm die Mutter, obwohl eine klare Diagnose vorliegt. Ihr Kind sei nicht krank, sagt sie, bloss ein bisschen anders. Carlos wird vernachlässigt, aber gleichzeitig auch verwöhnt, damit er Ruhe gibt. Er lernt früh: Alles ist verhandelbar, keine Regel gilt.

Als Carlos in den Kindergarten kommt, ist er untragbar. Er bringt Lehrkräfte an den Anschlag. Er ist laut, unaufmerksam, unangepasst. Zuweilen ist sein Verhalten geradezu bizarr, «Kaspar-Hauser-mässig» nennt es eine gute Bekannte. Doch Hilfe bekommt die Familie nicht. Stattdessen fliegt Carlos immer wieder aus der Schule. Er lernt: Wenn er nur blöd genug tut, kann er sich allem entziehen, was unangenehm ist.

Schon jetzt scheint niemand ein Rezept zu haben, wie dem Kind beizukommen ist. Klar ist nur: Die üblichen Vorgehensweisen zeigen bei ihm keine Wirkung. Irgendwie scheint ihm der natürliche Drang von Kindern zu fehlen, Regeln und Autoritäten zu akzeptieren, um im Gegenzug dazuzugehören, Liebe und Aufmerksamkeit zu bekommen.

Die Jugend

Carlos entgleitet seinem Vater, aber auch Lehrpersonen zusehends. Bald ist er im ganzen Quartier bekannt. Er treibt sich auf der Strasse herum, schliesst sich einer Gang an. Er ist dort der Kleinste, muss sich Respekt verschaffen. Weniger als Drahtzieher, mehr als derjenige, der ausführt. Carlos begeht erste Straftaten, nichts Gravierendes, sondern Sach­beschädigungen, Diebstahl und dergleichen, kommt mit Alkohol und Haschisch in Kontakt.

Mit zehn kommt der Junge in die Mühlen des Systems, das nun zu korrigieren versucht, was fast nicht mehr zu korrigieren ist – schon gar nicht mit den herkömmlichen Mitteln. Carlos’ Irrweg durch die Institutionen beginnt. Er wird in die Jugendpsychiatrie eingewiesen, immer wieder verhaftet, mehrfach fremdplatziert. Und erweist sich überall über kurz oder lang als untragbar. Die Methoden, die er als Kleiner gelernt hat, verfeinert er. Seinen Betreuern reisst er den letzten Nerv aus. «Man darf ihm», sagt eine Person, die ihn eine Zeit lang betreut hat, «nicht den Gefallen machen, sich zu ärgern.» Wer sich ärgert, hat verloren. Wer sich auf einen Machtkampf um der Macht willen einlässt, ebenfalls. Denn Carlos, zwar ungebildet, aber nicht dumm, durchschaut jedes Spiel. Er weiss sehr schnell, wo er ansetzen muss. Wie er das macht? «Er hat eine grosse Kraft. Sowohl körperlich als auch seelisch», erklärt es eine andere Person, die ihn gut kennt.

In jenen Jahren lernt Carlos noch etwas: sich aufzuplustern. Leuten Angst einzujagen. Es ist bloss Fassade, aber eine betonharte Fassade. Darunter versteckt sich ein ängstlicher Kern. Und das macht Carlos unberechenbar. Er trainiert intensiv, wird ein Muskelpaket. Lange bleibt er, was er im Grunde ist: ein Grossmaul. Gutgehen kann das auf Dauer nicht. Am 15. Juni 2011 gerät der Fünfzehnjährige in einen Streit mit einem zwei Jahre älteren Jugendlichen. Und sticht mit einem Messer auf ihn ein. Es ist ein Panikdelikt, sagen Fachleute und Bekannte übereinstimmend.

Die Wandlung

Es dauert sechs Jahre, bis Carlos seine Meister findet: in den Personen von Jugendanwalt Hansueli Gürber, Sonderpädagogin Anna-Lisa Oggenfuss, Sozialpädagoge Rolf Riesen und Thaiboxer Shemsi Beqiri. Die vier ziehen ein unkonventionelles, vielen bewährten Standards zuwiderlaufendes Sondersetting auf. Das, notabene, nicht teurer ist als viele Institutionen. Und es passiert, was keiner für möglich gehalten hätte: Carlos spurt. Zum ersten Mal nutzt er seinen eisernen Willen zum eigenen Vorteil. Er lässt die Finger von den Drogen. Er putzt im Thaiboxzentrum. Er hält sich an die Regeln. Straffällig wird er nicht mehr. Offensichtlich findet er, was ihm gefehlt hat: Halt. Eine Person, die er bewundert und als Autorität akzeptiert. Eine Familie. Und im Christentum eine moralische Leitlinie. Langsam öffnet sich Carlos. Die Betreuung bleibt zwar schwierig und fordert den Beteiligten alles an Stehvermögen ab, was sie zu bieten haben. Intern erhält der Teenager den Übernamen «Aber Sie», weil er zu jedem Vorschlag, jeder Anweisung erst einmal Nein sagt. Und doch: Die Veränderung ist verblüffend.

Zukunftsperspektiven für Carlos zu finden, ist nicht leicht. Zwar ist dem Jugendlichen klar, dass sein schulisches Niveau bestenfalls für einen Hilfsarbeiterjob reicht. Aber das will er nicht. Er will hoch hinaus. Etwas erreichen.

Den Ausweg sieht er im Thaiboxen. Im Sommer 2013, nach dreizehn Monaten Sondersetting, scheint es, als fände er den Rank ins Leben. Er steht kurz vor einer Ausbildung zum Fitnesstrainer. Und er willigt in eine Therapie ein, um seine traumatische Kindheit aufzuarbeiten. Dann dreht SRF einen Film über Hansueli Gürber und macht den Fall ­publik. Der Blick titelt: «Sozialwahn!»

Der Rückfall

Der Rest ist bekannt. Ein Sturm der Entrüstung fegt durch die Schweiz, Ober­jugendanwalt Marcel Riesen und der abgewählte Justizdirektor Martin Graf lassen Carlos fallen. Ohne Anlass wird der junge Mann verhaftet. Es braucht das Bundesgericht, um die Justiz des Kantons Zürich ein gutes halbes Jahr später zur Räson zu bringen.

Für Carlos ist das zu spät. Zwar scheint er dem Druck anfangs gewachsen, doch irgendwann bricht alles ein, was er im Sondersetting erreicht hat. Es ist ein Rückfall sondergleichen. Mehr noch: Alles, was seinen Charakter schwierig macht, tritt nun doppelt akzentuiert hervor. Im Massnahmezentrum Uitikon verweigert er sich völlig, zerstört mehrfach seine Zelle. Als er zurück ins Sondersetting kommt, ist nichts mehr wie zuvor. Anna-Lisa Oggenfuss löst es schliesslich auf. Sie kommt nicht mehr an Carlos heran.

Wieder in Freiheit, zieht Carlos zurück zum Vater. Er will nun genau der sein, als den er dargestellt wird. Der harte Kerl, der es allen zeigt. Der gefährliche Schwerverbrecher. Er postet gewaltverherrlichende Sprüche auf Facebook, nennt sich Staatsfeind. Er posiert mit einem Samurai-Schwert im Hauptbahnhof. Es ist vor allem Show. Straffällig wird Carlos nur noch einmal. Mit einem bezeichnenden Delikt: Er bedroht einen anderen Mann; als die Polizei kommt, flieht er. Und dann, aus heiterem Himmel, bekennt er sich mit Haut und Haar zum Islam. Er hat einen neuen Halt gefunden. Die Frage ist, ob es der richtige ist. Vorerst steht nun aber die Gerichtsverhandlung an. Wegen Drohung und Sachbeschädigung soll Carlos mit elf Monaten Gefängnis bestraft werden – aufgeschoben zugunsten einer ambulanten Therapie.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.08.2015, 07:05 Uhr

Artikel zum Thema

Es kommt zum Prozess gegen «Carlos»

Der junge Straftäter muss sich in gut drei Wochen erstmals als Erwachsener vor Gericht verantworten – mit einem prominenten Anwalt auf seiner Seite. Mehr...

«Bin ich verantwortlich für Carlos' Schicksal? Gute Frage»

Interview Filmemacher Hanspeter Bäni hat die Diskussion über das Sondersetting für einen straffälligen Jugendlichen ausgelöst. Er erklärt, warum er mit einem zweiten Film nachdoppelt, der heute Abend zu sehen ist. Mehr...

Das wäre der richtige Film gewesen

TV-Kritik Das Schweizer Fernsehen hat seinen lange angekündigten Film über das Jugendstrafrecht ausgestrahlt. Das Werk ist nach dem Hype um Carlos so erhellend wie überfällig. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Paid Post

Kaffee – von der Produktion bis zur Wiederverwertung

Der Kaffee von Nespresso mag zwar auf einer Plantage am anderen Ende der Welt wachsen, zuletzt landet er jedoch auf Schweizer Äckern als Dünger.

Blogs

Von Kopf bis Fuss Die Mär von der Low-Carb-Ernährung

Tingler Das Alter als Wahl

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...