Pflegefachfrauen arbeiten wie Assistenzärzte

Im Spital ist ein neuer Beruf entstanden: Spezialistinnen wie Susanne König betreuen Patienten selbstständig, entlasten Chirurgen und haben den Überblick.

Susanne König informiert Chefarzt Binkert über den aktuellen Zustand der Patienten, die an diesem Tag operiert werden. Foto: Dominique Meienberg

Susanne König informiert Chefarzt Binkert über den aktuellen Zustand der Patienten, die an diesem Tag operiert werden. Foto: Dominique Meienberg

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Der erste Patient liegt bereits auf dem OP-Tisch, als Susanne König um 8 Uhr mit Christoph Binkert das Operationsprogramm des Tages durchgeht. Die klinische Fachspezialistin und der Chefarzt der interventionellen Radiologie stehen vor einer grossen weissen Tafel, auf der ein Dutzend Namen mit Filzstift notiert sind. Rechts die Patienten, die für einen geplanten Eingriff kommen, links die Notfälle.

König weiss über alle Bescheid. Sie hat schon am Vorabend die Patientendokumentationen studiert und nötige Untersuchungen angeordnet. Auch die Blutentnahme bei dem Mann, der jetzt operiert wird. Er ist seit frühmorgens um 6.15 Uhr im Spital. Nun ist der Gefässchirurg dabei, seine Aorta zu öffnen. Später übernimmt der Radiologe und setzt einen Stent, um die ausgeweitete Bauchschlagader zu stabilisieren.

Im Kantonsspital Winterthur (KSW) bilden Gefässchirurgie und interventionelle Radiologie eine Einheit. Seit Anfang Jahr arbeitet Susanne König in dieser Klinik. Sie übernimmt die Auf­gaben, die früher Assistenzärzte oder Assistenzärztinnen wahrnahmen. Während jene aber jeweils nach wenigen Monaten in die nächste Klinik weiterzogen, bleibt König da. Sie sorgt für Konstanz und hat den Überblick, was sowohl Kaderärzte als auch Pflegeteams schätzen. Das Personal auf der Bettenabteilung hat immer eine Ansprechperson, wenn die Ärzte im Operationssaal sind.

Entlastung für Chirurgen

Das KSW ist Pionierin bei der Einführung des neuen Berufs. Während es im Rest der Schweiz erst vereinzelte Pilotprojekte gibt, arbeiten hier rund zwanzig klinische Fachspezialistinnen in verschieden Kliniken. «Sie sind bei uns schon nicht mehr wegzudenken», sagt Chirurgie-Chefarzt Stefan Breitenstein. Auch bei den Patientinnen und Patienten sei die Akzeptanz hoch. Es kommt vor, dass diese die neuen Fachleute mit «Doktor» ansprechen – dabei sind es Pflegefachleute mit Zusatzausbildung.

Breitenstein ist die treibende Kraft. 2014 schuf er die erste solche Stelle in der Klinik für Bauchchirurgie. Er wollte die ­Assistenzärzte von der Stationsarbeit entlasten, damit sie mehr operieren und rascher den Facharzttitel erlangen können. Aus Pflegekreisen gibt es deshalb­ ­berufspolitische Einwände: ­Einmal mehr würden Pflegende zu Hilfskräften gemacht, die den Ärzten die unbeliebte Arbeit – den Administrativkram – ab­nehmen. Breitenstein widerspricht: «Die klinischen Fachspezialistinnen arbeiten nicht als Hilfe für den Assistenzarzt, sondern sie füllen die Assistenzarztfunktion in einem definierten Bereich voll aus und verantworten sich gegenüber einem Kaderarzt.»

Susanne König, Klinische Fachspezialistin, Departement Chirurgie, auf Visite (22.10.2019). Foto Dominique Meienberg

Bei der Bezahlung zeigt sich allerdings ein grosser Unterschied: Assistenzärztinnen starten in der Lohnklasse 19, klinische Fachspezialistinnen in der Lohnklasse 16. Breitenstein will die Funktion aber nicht als Sparmassnahme verstanden haben, sondern als attraktive zusätzliche Tätigkeit im Gesundheits­wesen, das unter Fachkräftemangel leidet. «Sie kann eine Motivation sein, länger im Gesundheitsberuf zu bleiben.»

Susanne König geht auf Morgenvisite, inzwischen ist es 8.30 Uhr. Begleitet wird sie vom Gefässchirurgen Philipp Stalder, einem leitenden Arzt. König hat alle Informationen dabei, im Computer, den sie auf einem ­Wagen mitschiebt. So kann sie gleich notieren, wenn der Arzt eine Medikation ändert oder eine Untersuchung anordnet. Bei Frau A. geht es heute um eine wichtige Entscheidung: Der Chirurg schlägt ihr einen grossen Eingriff vor, einen Bypass am Bein. Frau A. war schon mehrmals im KSW wegen ihrer Durchblutungsstörung, sie scherzt mit den Leuten. Als Stalder ihr die Sachlage schildert, verfinstert sich ihr Gesicht. Aber nur kurz, dann willigt sie in die Operation ein: «Sie müssen es ja wissen, ich habe Vertrauen, dass es gut wird.» Und mit Blick auf Stalder und König fügt die Patientin an: «Mit diesen beiden stimmt es.»

Vielfältige Probleme

Weiter zu Herrn J. Er liegt im Bett und beklagt sich über Schmerzen in den Fersen. Stalder und König begutachten die Füsse, dann die Beine. Diese sind ­geschwollen, vor allem oben. Herr J. erzählt von wirren Träumen. Stalder bittet König, wegen des Delirs die Kollegen der inneren Medizin beizuziehen.

In der Klinik für Gefässchi­rurgie und interventionelle Radiologie hat es Susanne König mit vielfältigen medizinischen Problemen zu tun. Die Kompetenz dafür hat die ehemalige Intensivpflegefachfrau einerseits bei der Arbeit erworben und andererseits in einer spezifischen Weiterbildung an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Diese hat in enger Zusammenarbeit mit dem KSW einen CAS für klinische Fach­spezialistinnen aufgebaut und plant jetzt zudem einen Masterlehrgang. König will auch diesen absolvieren – «um die Krankheitsbilder tiefer zu verstehen».

In ihrer Funktion im KSW hat sie viel Verantwortung und kann selbstständig arbeiten. Für die Ein- und Austritte ist sie allein zuständig. So besucht sie am späteren Morgen Frau H., die soeben wegen schlimmer Schmerzen ins Spital gekommen ist.Susanne König fühlt der Patientin an verschiedenen Punkten der Beine den Puls. Und sie befragt Frau H. ausführlich: Seit wann und wo sie Schmerzen habe, ob die Beine abends dick seien, ob es mit Ruhigstellen besser sei. Und auch: ob sie ­geraucht habe. «Dummerweise ja», sagt Frau H., «aber ich habe vor dreizehn Jahren aufgehört.» Rauchen ist häufig die Ursache für Gefässprobleme, aber auch die genetische Veranlagung spielt eine grosse Rolle. König erklärt Frau H. das weitere Vor­gehen. Schon am Nachmittag werden die Radiologen das erste Bein untersuchen und wenn nötig Stents setzen, am nächsten Tag dann das zweite.

Herr W. kann heute nach Hause. Susanne König bringt ihm den Austrittsbericht und beantwortet seine Fragen. Wie er die Medikamente nehmen soll. Und warum im Bericht etwas von verminderter Nierenfunktion steht. Dann gibt sie ihm den Termin für die Nachkontrolle – und warnt ihn noch vor den Folgen des Blutverdünners: «Sie bekommen jetzt rascher blaue Flecken, wenn Sie sich anstossen.»

Erstellt: 23.10.2019, 22:44 Uhr

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Die Schweiz hinkt hinterher

Der Beruf der Klinischen Fachspezialisten ist in der Schweiz bisher weder geregelt noch staatlich anerkannt – er steckt in der Pilotphase. International ist er längst etabliert. Das wurde vergangene Woche an einem Kongress in Winterthur mit Fachleuten aus der ganzen Welt deutlich. Russland machte 1905 den Anfang, 1965 kamen die USA dazu, 2005 Deutschland. Heute gibt es in 55 Ländern rund 364000 Physician Assistants (PA), wie die klinischen Fachspezialisten meist genannt werden. Spitzenreiter ist die USA mit 131000 PA – in der Schweiz sind es 40. Am meisten verbreitet ist der Beruf in Afrika. «Bei uns gibt es viel mehr PA als Ärzte», sagte ein Kongressteilnehmer aus Kenia. «Sie übernehmen die Patienten nach der Operation und führen in ländlichen Gebieten auch selber Operationen durch, zum Beispiel Kaiserschnitte.» Die Ausbildung dauert drei Jahre, Voraussetzung ist ein einjähriges Praktikum in einem Spital. In der Schweiz absolvierten bisher ausschliesslich Pflegefachleute mit einem Bachelor, Master oder einer Spezialisierung die Weiterbildung zur Klinischen Fachspezialistin. Es wären aber auch andere Berufsleute erwünscht, hiess es am Kongress, etwa Physiotherapeutinnen. (an)

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