Eine Geschichte, zwei Versionen

Die Opfiker Stadträtin Beatrix Jud verschwieg, dass sie eine IV-Rente bezieht. Damit hat sie ihre Glaubwürdigkeit verspielt.

Was legal ist, ist moralisch noch lange nicht vertretbar: Das Verhalten von Stadträtin Beatrix Jud widerspricht ihrer politischen Grundhaltung. Foto: David Baer

Was legal ist, ist moralisch noch lange nicht vertretbar: Das Verhalten von Stadträtin Beatrix Jud widerspricht ihrer politischen Grundhaltung. Foto: David Baer

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Opfiker Stadträtin Beatrix Jud hat vor knapp drei Jahren einen Hirnschlag erlitten. Sie entging zwar den schlimmsten Folgen wie einer Lähmung, trotzdem hatte sie mit Einschränkungen zu kämpfen. Dass sie sich trotz diesem lebensverändernden Schicksalsschlag weiterhin als Stadt­rätin engagiert, verdient Respekt.

Gleichzeitig machte sie gegenüber der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich (SVA) geltend, zu 100 Prozent arbeitsunfähig zu sein und nur noch einen Bruchteil ihres früheren Einkommens zu erzielen. Als Sozialvorsteherin blieb sie jedoch die ganze Zeit über im Amt.

Der Fall von Beatrix Jud macht zunächst einen Konstruktionsfehler der IV sichtbar: Das System benach­teiligt Kleinverdiener. Die IV vergleicht das Einkommen einer Person vor und nach Eintritt der Invalidität. Beträgt die Einbusse 50 Prozent, hat der Betroffene Anrecht auf eine halbe IV-Rente. Ein Bauarbeiter, der bei einem Unfall ein Bein verliert, geht vielleicht trotzdem leer aus. Er kann noch immer kleine Bauteile in Schachteln verpacken, verdient dabei fast ebenso viel – und verliert dadurch Anspruch auf Unterstützung. Doch ein Börsenmakler, der wegen einer Kopfverletzung nicht mehr so reaktionsschnell agiert wie früher, verdient womöglich eine halbe Million statt eine ganze – und wird von der IV anerkannt.

Von diesem Effekt profitierte auch Beatrix Jud. Gegenüber der IV deklarierte sie eine Einkommenseinbusse von 200'000 Franken. Dass sie als Stadträtin rund 65'000 Franken verdient, ändert nichts an ihrem Anspruch auf eine Rente. In der Logik der IV ist es zweitrangig, dass die Arbeit als Stadträtin mindestens so anspruchsvoll ist wie jene der Treuhänderin. Wenn es also wahr ist, dass die Stadträtin so viel weniger verdient, ist mindestens aus rechtlicher Sicht nichts an ihrer IV-Rente auszusetzen.

Was legal ist, ist moralisch noch lange nicht vertretbar. Denn für die vielen Tausend Menschen in der Schweiz, die trotz gravierenden Einschränkungen und starken Schmerzen keinen Anspruch auf eine IV-Rente erhalten, ist Juds Fall ein Schlag ist Gesicht.

Stossend ist auch die Diskrepanz zwischen ihrer politischen Grundhaltung und ihrer persönlichen Lebensführung. In der Sozialhilfe fährt sie einen harten Kurs, und sie will in diesem Bereich die «Vollkasko-Mentalität» bekämpfen. Selber besitzt sie mehrere Autos und profitiert von staatlichen Versicherungsleistungen.

Jud stellt sich auf den Standpunkt, ihr Gesundheitszustand sei Privat­sache und gehe die Öffentlichkeit nichts an. Auch dieses Argument ist nicht haltbar. Beatrix Jud ist als gewählte Politikerin eine Person des öffent­lichen Lebens. Die Einwohner von Opfikon haben ihr ein Ressort mit einem Budget von 47 Millionen Franken anvertraut, ein Ressort, von dem die Lebensqualität in Opfikon abhängt. Deshalb haben die Wähler ein Recht zu wissen, wie leistungsfähig ihre Sozialvorsteherin ist. Und warum sie diesen Job ausüben kann, obwohl ihre Gesundheit die Arbeit als Treuhänderin nicht mehr zulässt.

Doch Jud hat geschwiegen. Und als sie im März vor einem Jahr erneut gewählt werden wollte, hat sie den Wählern nicht dieselbe Geschichte erzählt wie der Invalidenversicherung. Sie präsentierte sich als erfolgreiche Unternehmerin, als Geschäftsführerin, als Finanzexpertin. Noch vergangene Woche sagte sie über ihre Arbeitslast: 30 bis 40 Prozent als Stadträtin, 60 bis 80 Prozent als Treuhänderin. Beatrix Jud hat zwei unterschiedliche Versionen ihrer Geschichte erzählt. Damit hat sie erreicht, dass man ihr weder die eine noch die andere glaubt.

Erstellt: 19.02.2015, 07:14 Uhr

Artikel zum Thema

Eine Million verdienen und IV-Rente beziehen

Auch Einkommensmillionäre erhalten IV-Gelder. Das findet die Präsidentin der Patientenorganisation stossend. Zumal viele Kleinverdiener bei der IV leer ausgehen. Mehr...

Versicherer prüfen den Fall Jud

Die Stadträtin Beatrix Jud von Opfikon ist seit drei Jahren krankgeschrieben und bezieht Geld von der Invalidenversicherung. Die Empörung ist gross. Mehr...

Beatrix Jud will im Amt bleiben

Die Opfiker Stadträtin, die eine IV-Rente bezieht, meldet sich zu Wort. Sie gibt nun zu, dass sie staatliche Gelder erhält. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Erneuerbar heizen für eine gesunde Umwelt

Alle erneuerbaren Heizsysteme haben gemeinsam, dass sie die CO2-Emissionen reduzieren, den Wiederverkaufswert Ihrer Liegenschaft erhöhen und langfristig die Heizkosten senken.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...